Wie Farbe ins Golfspiel kommt

Der Golfsport lebt von der Tradition. Mit Speedbewerben und einem K.-o.-System soll neues Publikum angesprochen und das Fernsehen aufs Grün gelockt werden. Selbst kleine Regeländerungen bedeuten aber eine große Revolution.

Farbe Golfspiel kommt
Farbe Golfspiel kommt
Golf – (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Wolfgang Jannach)

Eine Runde im Golf umfasst 18 Löcher. Punkt. Ein Gesetz, das die Regelhüter von R&A Rules Limited im schottischen St. Andrews scheinbar in Stein gemeißelt haben. „Könnte es nicht auch anders sein?“, fragt Michael Müller. Wie wäre es mit Speedbewerben, die nur sechs Löcher umfassen? Oder mit K.-.o.-Turnieren, in denen sich Spieler um den Aufstieg in die nächste Runde duellieren? Müller denkt alternative Formate für (Profi-)Turniere an, um Farbe ins Golfspiel zu bringen und den Sport für Spieler wie Zuseher und das Fernsehen attraktiver zu machen. Als Client Manager der Agentur GMR hat er dabei die Interessen von Sponsoren im Kopf, die maximale TV-Präsenz verlangen.

105.000 Golfer. Die Golfbranche bastelt an Fernsehformaten, um das im Zug der Wirtschaftskrise abgeflaute Geschäft wieder anzukurbeln: Die Zahl registrierten Golfer in Österreich stagniert bei 105.000. Damit ist Golf aber immer noch Österreichs Sportart Nummer fünf, gemessen an der Mitgliederzahl.

„Die Presse am Sonntag“ traf Müller beim Symposium von „Golf in Austria“, dem Zusammenschluss heimischer Golfanlagen- und Golfhotelbetreiber, in Kitzbühel. Müller sorgte in der Diskussion über „Sponsoren, Partner und Mäzene“ für Verwunderung. Im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ erzählt er von seinem Ärger über die Entscheidung, dass Golf ab 2016 olympisch ist. „Es ist eine vertane Chance, wenn das konventionelle Zählwettspiel verwendet wird.“ Müller nennt ein Beispiel: „Wenn Markus Brier nach der ersten Rund 73. ist, dann ist das in Österreich eine Kurzmeldung.“ Müller will, dass bei Olympia Nationalteams gegeneinander antreten. Er will Länderspiele, um die Massen zu faszinieren.

Dass dieses Konzept funktioniert, zeige der Ryder Cup, sagt Müller. Alle zwei Jahre treten die besten Spieler Amerikas und Europas gegeneinander an. Dabei gibt es Matchplays (Mann-gegen-Mann-Partien), Foursomes (beide Spieler jedes Teams schlagen abwechselnd den Ball), Fourballs (beide Spieler jedes Teams spielen parallel, das Ergebnis des besseren Spielers des Teams entscheidet) und Einzelmatches. Beim Ryder Cup – heuer von 1. bis 3. Oktober in Wales – gibt es kein Preisgeld, es geht nur um die Ehre. Auf die Zuseher wirkt das wie ein Magnet – auf das Fernsehen auch.

Andere Sportarten haben vorgelebt, wie das Fernsehen zur Lebensversicherung werden kann: Im Tischtennis und Volleyball wurde die Zählweise revolutioniert, mit dem Ergebnis, dass die Dauer einer Partie vorhersehbar wurde. Dank des Fernsehens entpuppten sich Biathlon und Ski- bzw. Snowboard-Cross als Erfolgsprodukte. Die Ingredienzien sind schnell zusammengefasst: Events müssen räumlich und zeitlich überschaubar sein. Diese Verdichtung bringt höchste Spannung.

Einen Weg für den Golfsport hat das Klettern vorgezeichnet. Der Kampf gegen den Berg als ursprüngliches Motiv wurde zum Wettkampf zwischen den Sportlern weiterentwickelt: Es geht darum, wer die Wand schneller durchsteigen kann oder höher hinaufkommt. Im Golf, erklärt Niki Zitny, einst selbst Profigolfer und jetzt sportlicher Leiter im Österreichischen Golfverband, gehe es auch darum, das Loch zu bezwingen: „Natürlich möchte ich die anderen schlagen. Aber ich kann den Gegner nicht beeinflussen. Ich muss mich auf das eigene Spiel konzentrieren.“ Mit dem Matchplay-Modus wird das Urkonzept im Golf – analog zum Kletterwettkampf – durchbrochen.


Der Golfplatz ist, wo du bist. Eine ganz andere Art, dem Golf ein modernes Image zu geben, leben die Extremgolfer. Sie benötigen für ihr Spiel weder Klubhaus noch gepflegte Grüns: Für sie ist die ganze Welt eine Golfanlage. „Crossgolf“, so die Definition auf www.x-tremegolf.at, „ist der Sport, den man in jedem Gelände ausüben kann.“ Die Querfeldeingolfer halten sich nicht mit Etikette auf. Und wenn Musik das Turnier begleitet, ist das willkommen und wird nicht als störend empfunden. Keine Marshalls, die das Publikum mit den Worten „quiet please“ ermahnen. „So wird aus dem ärgerlichen Spaziergang ein entspannter Tag“, formuliert Sportdirektor Roman-Alexander Fochler in Anlehnung an Winston Churchill. Mit dem „Verein zur Förderung des ökologischen Golfsportes“ spielte er schon Turniere vom Großglockner-Gipfel oder quer durch Wiens Innenstadt. 40 Spieler nehmen im Schnitt an den zehn jährlich ausgetragenen Turnieren teil.
Während viele Golfplatzbetreiber in Österreich darauf aus sind, möglichst lange Spielbahnen anzubieten, skizziert Michael Müller ein gegenläufiges Konzept: kürzere Bahnen. Die Vorteile liegen für Konsumenten wie Anbieter auf der Hand: Die Runde ist schneller gespielt und passt eher in den Tagesablauf. „Zwei Stunden Spiel“, rechnet Müller vor, „je eine halbe Stunde An- und Abreise empfinden viele Golfer als optimale Dauer.“ Auch die Anlagenbetreiber profitierten, weil die Erhaltung kürzere Plätze günstiger und der Ressourceneinsatz geringer seien.

Golf ist nicht nur zeitaufwendig, wenn man selbst zum Schläger greift, auch für das Zusehen muss man viel Zeit einplanen. Selbst ein Golffan wie Edwin Weindorfer, CEO von e∣motion und Veranstalter der Golf Open, gesteht das ein: „Vier Stunden Übertragung an vier Turniertagen, das ist Hardcore.“ Das Format der Turnierserien gänzlich zu ändern, dem steht er skeptisch gegenüber: „Golf ist wie Tennis ein traditionsbewusster Sport. Diese Traditionen sind eine nicht zu unterschätzende Qualität.“ Er wünscht sich aber mehr Highlight-Shows, Zusammenfassungen, die auch im Free-TV zu sehen sein sollten.


Highlight-Show. Ein Konzept, dem Regisseur Fritz Melchert viel abgewinnen kann. Für Melchert, der für den ORF Sportereignisse telegen inszeniert, ist die Spannung bei einem Sportevent der springende Punkt. „Es muss um etwas gehen. Ein einzelnes Formel-1-Rennen ist nicht so spannend. Aber wenn ich weiß, dass bei jedem Rennen der WM-Titel auf dem Spiel steht, bekommt es eine andere Bedeutung.“ Generell, sagt Melchert, könne der Spannungsbogen nicht unendlich gespannt werden: „Mit der Länge eines Fußballspiels, maximal aber mit zwei Stunden ist er ausgereizt.“ Eine technische Innovation aber könnte reizen, Golf doch via TV zu verfolgen: das 3-D-Fernsehen. „Die Distanzen werden besser sichtbar, die Bunker noch realistischer darstellbar“, sagt Melchert.

Manchmal sind es nicht große Revolutionen, sondern kleine Regeländerungen, die Tabubrüche darstellen. Einen solchen beging Mark Brazil, Turnierdirektor der Wyndham Championship. Er erlaubte den Zuschauern dieses PGA-Turniers den Gebrauch ihrer Handys – sofern sie auf lautlos geschaltet waren. Beim Masters in Augusta ist das undenkbar: Die Zuseher müssen dort Sicherheitsschleusen passieren und ihre Telefone abgeben. Dass beim Wyndham Championship weder die Zuseher durch ein Verbot bevormundet noch die Spieler durch das Telefonieren gestört wurden, ist ein gutes Zeichen. Und der Beweis, dass doch nicht alle Regeln in Stein gemeißelt sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2010)

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