Magnus Carlsen: Die Boa constrictor der Schachwelt

Magnus Carlsen fordert bei der WM im indischen Chennai Titelverteidiger Viswanathan Anand heraus. Der 22-jährige Norweger begeistert als „Schach-Mozart“ die Fachwelt wie als Model die jungen Mädchen.

Magnus Carlsen
Magnus Carlsen
Magnus Carlsen – (c) REUTERS (� Norsk Telegrambyra AS / Reuter)

Chennai/Wien. Im noblen Hyatt Regency wird am Donnerstag im indischen Chennai die Schach-WM eröffnet. Im Blickpunkt steht trotz des Heimvorteils aber nicht Titelverteidiger Viswanathan Anand, sondern Herausforderer Magnus Carlsen. Bereits im Vorjahr galt der 22-jährige Norweger als prädestinierter Titelanwärter, doch boykottierte er das Kandidatenturnier, da ihm der K.-o.-Modus nicht zusagte.

Carlsen ist nicht nur der derzeit Beste seines Faches, sondern eröffnete Schach auch eine völlig neue Dimension der öffentlichen Wahrnehmung. Mit ihm bekam der Sport einen populären Superstar.

Dies liegt zum einen an Carlsens sportlichem Werdegang. Erst mit acht Jahren begann er sich für Schach zu begeistern, das eherne Ziel: ein Triumph gegen die ältere Schwester. Bald besiegte Carlsen seinen Vater, dann seinen Trainer, Norwegens damalige Nummer eins, und stieg mit nur 13 Jahren zum Großmeister auf. Sechs Jahre später führte er als jüngster Spieler der Geschichte die Weltrangliste an.

Sein damaliger Trainer war niemand Geringerer als Garri Kasparow. Der mehrfache Weltmeister aus Russland war begeistert ob des Talents des jungen Norwegers, zugleich entsetzt über dessen Disziplinlosigkeit. Die Zusammenarbeit endete nach einem Jahr, Carlsens Erfolgslauf aber setzte sich fort. Anfang dieses Jahres erreichte er die Rekord-Elo-Zahl von 2872 und übertraf damit die alte Bestmarke von Kasparow (2851).

 

Star der Modewelt

Gleichzeitig machte sich Carlsen auch abseits des Schachbretts einen Namen. Das „Time Magazine“ führt ihn inzwischen unter den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten weltweit, das Frauenmagazin „Cosmopolitan“ wählte ihn unter die 100 attraktivsten Männer.

Während viele Großmeister um ein regelmäßiges Einkommen kämpfen, verbuchte Carlsen im vergangenen Jahr Einnahmen von knapp einer Million Euro, rund 70 Prozent davon durch Sponsorengelder. So ist Carlsen etwa der erste Schachspieler, der auch als Model brilliert. Plakate im Outfit der Modefirma G-Star zieren Europas Innenstädte und zeigen ihn so, wie er sich auch seinen Gegnern am Brett präsentiert: die Mundwinkel nach unten gezogen, mit schläfrig bis gelangweilt wirkendem Gesichtsausdruck.

Doch hinter der zur Schau gestellten Lethargie versteckt sich jenes unorthodoxe, einzigartige Spielverständnis, das Carlsen zum „Schach-Mozart“ werden ließ. Er setzt auf Gefühl statt auf Analyse, die Bedenkzeit nutzt er nur zur Überprüfung seiner Intuition. Lehrmeister Kasparow vergleicht Carlsens Vorgehen mit dem einer Boa constrictor, die ihre Gegner langsam erwürgt. An ein Remis verschwendet er keinen Gedanken. Was Carlsen selbst am Schach am meisten gefällt? „Das Gewinnen. Und auf dem Brett etwas zu zeigen, das man so zuvor noch nie gesehen hat.“ (swi)

Web-Tipp: Alle zwölf WM-Partien (Auftakt am Samstag, 9.11.) sind via Livestream auf der Veranstaltungshomepage zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2013)

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