Radsport: Luxusfahrt durch die Drogenkartelle

Das Critérium Chihuahua, Lateinamerikas ranghöchstes Radrennen, bedeutet für die Menschen zweierlei: Abwechslung vom landesweiten Drogenkrieg und die Gewissheit, von der Welt noch nicht aufgegeben zu sein.

(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Heiko Mandl)

Chihuahua. Es ist Sonntag, neun Uhr früh, Polizeisirenen dominieren die Innenstadt. Ein Zeitungsverkäufer fragt beunruhigt: „Qué pasó?“, was ist jetzt schon wieder passiert? Aber es ist alles in Ordnung. Um Verkehrspolizisten handelt es sich nur, sie sperren für das große Rennen in ein paar Stunden die Strecke ab. Monatelang schon füllt das heutige Radsport-Event Sportressorts der mexikanischen Presse, vor allem jener im Norden das Landes, wo sich der Bundesstaat Chihuahua befindet.

Das Critérium Chihuahua, ein eintägiges Radrennen durch das historische Zentrum der Stadt Chihuahua, Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaats, lockt als bedeutendstes Radrennen Lateinamerikas mit klangvollen Namen: allen voran der Kasache Alexander Winokurow, ehemaliger Vuelta-España- und amtierender Lüttich–Bastogne–Lüttich-Sieger, Samuel Sánchez, Goldmedaillensieger in Peking, die luxemburgischen Brüder Schleck, von denen Andy, der jüngere, die Tour de France 2010 als Zweiter abschloss, oder Ivan Basso, ehemaliger Giro-d'Italia-Gewinner.

Aber überschattet sind die jüngsten Berichte vor dem Rennen von einer Meldung aus Ciudad Juárez, nach Chihuahua zweitgrößter Ort des Bundesstaats: Hier wurden am Tag zuvor 14 Personen ermordet und 17 verletzt, wieder einmal. Kein Wunder, dass die Töne von Polizeisirenen nicht als Erstes mit der Verkehrsordnung in Verbindung gebracht werden. Mexiko durchlebt seit rund drei Jahren kriegsähnliche Zustände, die größte nationale Krise seit der Revolution vor hundert Jahren.

 

Ivan Basso hat Angst

In den Konflikten zwischen dem Staat und verschiedenen Drogenkartellen haben fast 30.000 Menschen ihr Leben gelassen, rund die Hälfte davon in Chihuahua. „Kann man sich hier denn noch frei auf der Straße bewegen?“, fragte Ivan Basso am Tag zuvor ängstlich, als er auf dem Flughafen Chihuahua ankam. Natürlich, beruhigte man ihn, wie man viele hier zu beruhigen versuchte.

„Chihuahua vive!“, Chihuahua lebe, ruft etwa César Duarte, Chihuahuas Landeshauptmann, vor Beginn des Rennens im Stadtzentrum in die Menge. Niemand zweifelt an der trotzigen Natur dieses Slogans, den Duarte über die letzten Wochen immer wieder zu Protokoll gegeben hat. Aber als der Startschuss zum Critérium ertönt ist, jubeln die Zuschauer an der Straße.

Junge Mädchen kreischen, wenn sie den schlanken Andy Schleck an ihnen vorbeirasen sehen, die Älteren freuen sich über die 24 Fahrer aus der Umgebung und die weiteren elf aus anderen Teilen Mexikos. Ungewöhnlich locker, schon euphorisch, ist die Stimmung. Die vielen mit Maschinengewehren und kugelsicheren Westen bewaffneten Spezialpolizisten, die das Event bewachen, scheinen schon niemanden mehr zu kümmern.

Heute geht es ja um Sport. Die Straßen sind holprig, die Temperaturen hoch, und die Luft ist dünn. Chihuahua liegt 1400Meter über dem Meeresspiegel, davon haben sich einige einen Heimvorteil erhofft. Anfangs fährt der Mexikaner Bernardo Colex Tepoz tatsächlich an der Spitze mit. Aber das Trio aus Andy Schleck, Alexander Winokurow und Samuel Sánchez setzt sich nach der neunten von 15Runden mit einer guten Minute zum Verfolgerfeld ab.

 

„Irgendwie absurd, das Rennen“

„Irgendwie absurd, in Zeiten wie diesen ein solches Radrennen zu veranstalten“, sagt Jaime González, ein Zuschauer und Radsportfan, an der Zielgeraden. „Aber es ist gut so, die Leute hier brauchen das. Mal an etwas anderes denken als Überfälle und Tod.“ Genau das ist eine inoffizielle Funktion dieses Rennens. Es soll zeigen, dass nicht nur Drogen ihren Weg nach Chihuahua machen, und nicht nur Blei und Blut bleiben, wenn die Drogen ihren Weg weiter gen Norden in die USA gegangen sind.

 

 

Dank der großen Namen gelingt das Vorhaben. Zwar führte das Event in den vorigen Jahren noch als Etappenrennen durch den gesamten Bundesstaat und wurde in diesem Jahr vor allem wegen der Sicherheitsbedenken auf einen Tag und 66Kilometer reduziert. Auch sind in diesem Jahr deutlich weniger Zuschauer an die Strecke gekommen, vor allem wohl wegen der weit verbreiteten Angst, das eigene Haus überhaupt noch zu verlassen. Aber Andy Schleck wird nach dem Rennen schwärmen, dass er froh ist, „hier zu sein und einen Teil zur Stabilisierung der Region beizutragen“. Die Menschen, die das hören, sind zufrieden.

Nach 1:32:55Stunden fährt Alexander Winokurow, der Schleck in der letzten Kurve überholt hat, als Erster ins Ziel. Andy Schleck wird Zweiter, Samuel Sánchez Dritter. Der beste Mexikaner, Bernardo Colex Tepoz, belegt Rang fünf. Auf dem Podium ist Landeshauptmann Duarte wieder da und überreicht Winokurow symbolisch einen Hund. Einen Chihuahua, der ursprünglich aus dieser Region stammt. Die Menschen lachen herzlich. Durch die Luft flattern Konfetti in Rot-Weiß-Grün, den Farben der mexikanischen Flagge. „Chihuahua vive!“, ruft Duarte noch einmal in die Menge. Jedem scheint es heute gut zu gehen. Auch wenn die Maschinengewehre im Hintergrund zum Einsatz bereit sind.

Auf einen Blick

In Chihuahua tobt ein Machtkampf zwischen Drogenkartellen. 15.000 Menschen starben in der nordmexikanischen Stadt bisher bei den blutigen Auseinandersetzungen. 30.000 Todesopfer forderte der Konflikt in der Region.

Inmitten dieser Tragödie findet ein Radrennen statt. Früher dauerte das Criterium Chihuahua mehrere Tage und führte durch die Provinz. Heuer wurde das Radrennen an einem Tag ausgetragen. Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Superstars wie Alexander Winokurow, Ivan Basso und die Schleck-Brüder werden mit viel Geld in die Hochburg der Drogenkartelle gelockt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2010)

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