DDR: Mauerkinder und Sportverräter

Vor 50 Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut, sie trennte Ost und West auch im Sport. Viele Karrieren zerbrachen an ihr, andere wurden erst ermöglicht - nicht alle Sportler litten unter der Mauer.

Mauerkinder Sportverraeter
Mauerkinder Sportverraeter
(c) Reuters

500 Meter weiter lassen sich jeden Tag unzählige Menschen ablichten. Sie posieren, lachen, justieren die Blitze ihrer Kameras. Die Überreste in der Niederkirchnerstraße im Ostberliner Ortsteil Mitte sind heute beliebt. Vor fast genau 50 Jahren begann der Bau der Berliner Mauer, die abtrünnige DDR-Bürger von der „Republikflucht“ gen Westen abhalten sollte. Bis dahin, dem 13. August 1961, und zu geringeren Zahlen danach verließen über drei Millionen Menschen das Land, viele davon illegal und unter großer Gefahr.

Flüchtlinge kamen aus allen gesellschaftlichen Gruppen. Auch Sportler zählten dazu, obwohl gerade sie viele Privilegien genossen. Neben dem Kontakt zum Ausland kamen sie schneller als andere an ein Auto, ihnen waren Devisenkäufe erlaubt, wirtschaftlich waren sie gut abgesichert. Trotzdem: Der Abschlussbericht des „ZOV Sportverräter“ vom Dezember 1989, der „Zentrale Operative Vorgang“ zur Bespitzelung abtrünniger Athleten durch die Staatssicherheit, berichtet von 615 geflüchteten Personen. Sportler, Trainer und Ärzte wagten das Delikt „Republikflucht“, das eines der schwersten überhaupt war. Wer erwischt wurde, den erwarteten harte Strafen.

Berlin: Als die DDR ihre Bürger einmauerte

Ein paar hundert Meter südlich der Mauerreste in der Niederkirchnerstraße wird hiervon erzählt. Im Willy-Brandt-Haus, der Parteizentrale der SPD, läuft bis zum 28. August erstmals eine Ausstellung, die sich mit den vom DDR-Regime so genannten „Sportverrätern“ auseinandersetzt. 15 Sportler, die auf die eine oder andere Weise direkt mit den Beschränkungen durch die Berliner Mauer zu tun hatten, porträtiert die mexikanische Künstlerin Laura Soria. Der Ansatz ist immer der gleiche: Ein Mensch erzählt von seinem Leben, seinen Auslandsreisen mit der Nationalmannschaft, seinen Plänen. Und dann dieses kilometerlange Gebilde aus Beton, das in jeder einzelnen Geschichte als zentrales Menetekel stand.

Peter Kottes Lebensgang passt ins Bild. 1954 geboren, alle Fußball-Auswahlmannschaften durchlaufen, dreimal DDR-Meister mit Dynamo Dresden, 21-facher Nationalspieler. 1981, während einer Reise zum Europapokalspiel im holländischen Enschede, wurde Kotte und zwei Kollegen ein Angebot vom 1. FC Köln unterbreitet. Noch in der Nacht könnten sie „abhauen“, für ein Handgeld von 100.000 Deutsche Mark. Die drei überlegten, lehnten aber ab, vereinbarten Stillschweigen. Kurz darauf wurde Kotte verhaftet und verurteilt, weil er das West-Angebot nicht gemeldet hatte. Er erhielt Berufsverbot. Mit seiner Familie durfte er nicht über das Thema sprechen, Kotte verstand die Welt nicht mehr. „Ich wollte eigentlich immer nur Fußball spielen, alles andere war unwichtig“, sagt er in einem Video im Ausstellungssaal bedrückt.

Zwei Jahre später, 1983, stieg Kotte mit seinem neuen, zunächst unterklassigen Verein Fortschritt Neustadt in die zweite Liga auf. Gespannt besorgte er sich vor der Saison die „Neue Fußballwoche“, das Sportecho der DDR, das jede Mannschaft mit Fotos vorstellte. Kottes Bild war retuschiert, sein Gesicht durch ein anderes ersetzt, und seine Karriere praktisch beendet. „Wer weiß, wie sich die Dinge sonst entwickelt hätten“, sinniert er. Vielleicht wäre ein Job bei Dynamo Dresden wieder möglich gewesen, auch noch nach der Wende. Aber dazu kam es nicht.

Kottes Schicksal steht für viele Sportler, die nicht einmal einen Fluchtversuch unternehmen mussten, um unter der Mauer zu leiden. Andere nahmen die Hürde und waren dennoch nie ganz frei, wie die Schwimmerin Renate Bauer, geborene Vogel, die auch Teil von Laura Sorias Ausstellung ist. Mehrmals wurde Bauer Welt- und Europameisterin, holte 1972 in München Olympiasilber in der 400-m-Lagenstaffel. 1979 floh sie mithilfe von Freunden über Ungarn nach München. Das systematische Doping an ihrem Körper während ihrer Karriere hatte sie abgeschreckt. DDR-Mediziner entwickelten neue Substanzen und testeten an ihren Sportlern. „Man war ein Versuchskaninchen.“ Diese Praxis sollte der DDR durch Erfolge in der Sportwelt zu internationalem Ansehen verhelfen.

50 Jahre nach Berlin: Die Welt mauert noch

Wegen ihrer Vorbildfunktion als Spitzensportlerin, die der ehemalige Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht einmal mit „Diplomaten im Trainingsanzug“ beschrieben hatte, durfte Bauer zudem nicht frei sprechen. „Uns wurde vorgeschrieben, was wir zu sagen hatten.“ Äußerungen über das Ausland etwa waren tabu. Nach ihrer Flucht gab Bauer dem ORF ein Interview, in dem sie über die Geheimnisse der Sportförderung der DDR sprechen sollte. 1972 hatte das Land als drittes im olympischen Medaillenspiegel abgeschlossen, ein Platz vor dem Klassenfeind aus Westdeutschland. Bauers Familie, die sie nicht in Schwierigkeiten bringen wollte, lebte weiterhin im ostdeutschen Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). So verschwieg sie dem ORF die politischen Dopingpraktiken. Bei Einsicht ihrer Stasi-Akten nach der Wende erfuhr Bauer, dass elf inoffizielle Stasi-Mitarbeiter auf sie angesetzt waren. Teilweise stand sie im Westen unter Personenschutz.

Doch nicht alle Sportler litten unter der Mauer. Zahlreiche Athleten jener Generation, die zur Zeit des Mauerfalls 1989 jung waren, verdankten wohl auch der bis dahin abgeschotteten Politik des Ostens ihre Karriere. Alexander Zickler, ehemaliger deutscher Teamspieler, Stürmer bei Salzburg und beim Lask, zählt dazu. „Die Ausbildung in der DDR war ausgezeichnet. Wer sportlich nach vorn kommen wollte, hatte kaum Grund, die DDR zu verlassen“, sagt er im Interview. Als die Mauer fiel, war Zickler fünfzehn Jahre alt, entscheidende Jahre hatte er in einem Sportinternat mit einem stark wissenschaftlichen Ausbildungsansatz verbracht, den der Westen noch nicht zu bieten hatte.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21. August 2011)

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