Anthoine Hubert: Nur ein Augenblick des Innehaltens

Der tödliche Unfall von Anthoine Hubert löst eine Sicherheitsdebatte aus. Erfüllen Traditionsstrecken wie Spa mit extremen Kurven alle Anforderungen? FIA und Polizei ermitteln.

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Die Streckenposten von Spa standen ein letztes Mal Spalier für den verunglückten Anthoine Hubert – (c) APA/AFP/KENZO TRIBOUILLARD

Spa-Francorchamps. Motorsport ist gefährlich, es wird niemals ein Rennen ohne Restrisiko geben. Trotz aller Auslaufzonen, abgesicherter Cockpits, Überrollbügel und aller anderen Innovationen, die in den vergangenen 25 Jahren seit den tödlichen Unfällen von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna vorangetrieben und installiert worden sind. Vor allem der Formel-Sport galt als sicher, dank der modernen Rennstrecken. Doch nach dem Unfall des französischen Nachwuchsrennfahrers Anthoine Hubert ist wieder eine neue Diskussion um die Sicherheit entbrannt.

„Egal, in welcher Serie, egal, in welchem Auto: Das ist ein Sport für Gladiatoren. Es geht um Mut, Können und Risikobewusstsein“, sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff deutlich. Und der Wiener, 47, überrascht mit folgenden Worten: „Wir hatten viele Jahre Glück, nicht solche Unfälle erleben zu müssen. Vielleicht haben wir vergessen, wie gefährlich unser Sport ist.“ Huberts Unfalltod verlangt eine genauere Untersuchung.

 

Gefahren wurde trotzdem

Das Drama um Hubert, der am Samstag beim Formel-2-Rennen in Spa-Francorchamps nach einem Horror-Crash verstarb, hat der Öffentlichkeit vor Augen geführt, welches Risiko Fahrer eingehen. „Es wird immer gefährlich bleiben, wenn man mit diesen Geschwindigkeiten fährt“, meint etwa Ferrari-Pilot Charles Leclerc, der in Spa seinen Premierensieg erringen konnte. Natürlich könne er diesen Erfolg nicht „wie normal genießen“, beteuerte der Monegasse. Gefahren ist die Formel 1 trotzdem, es gab nur einen Augenblick des Innehaltens vor dem Start. Danach wurde wieder Champagner versprüht – wie immer.

Auch ändert sich vorerst noch nichts an den Streckenprofilen. Manche Kurve wird ihren Schrecken vermutlich nie verlieren. Aus Marketinggründen, der (leidigen) Tradition. Die berüchtigte Eau Rouge in Spa ist eben eine davon. Hubert verunglückte am Ende dieser Kurve auf dem Ardennen-Kurs. „Wir können nicht einfach zur Normalität übergehen“, warf Wolff ein und forderte ein rasches Überdenken der aktuellen Sicherheitsrichtlinien. Huberts Crash sei allerdings „ganz besonders“ zu betrachten. Es sei ein Unfall gewesen, mit dem so niemand rechnen konnte, weil mehrere unvorhersehbare Dinge zusammenkamen.

Sein Wagen stand quer auf der Strecke, als sich das Auto des Amerikaners Juan Manuel Correa – der 20-Jährige wurde vier Stunden lang operiert, beide Beine sind gebrochen und die Wirbelsäule verletzt – mit 270 km/h durch die Seite ins Cockpit bohrte. Kein Material, kein Rennwagen der Welt hätte dieser Wucht des einschlagenden 620 PS starken Boliden standgehalten.

 

„Das Visier runter“

Trotz des Dramas um Hubert hatte in Spa kein einziger Fahrer Angst geschweige denn Bedenken, wieder ins Rennauto zu steigen und mit Vollgas wenig später an der Unglücksstelle vorbeizurasen. „Wir klappen das Visier runter – und dann sind wir im Modus“, erklärt F1-Weltmeister und WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton. „Der Weltverband FIA tut viel dafür, dass wir sicher sind. Wir haben große Schritte in die richtige Richtung gemacht und gehen den Weg weiter.“ Nur weil sie sich sicher fühlen, fahren sie.

Der Automobil-Weltverband hat mit der Aufarbeitung des tödlichen Unfalls begonnen. Die Untersuchung sei bereits am Samstag unmittelbar nach dem Vorfall angelaufen, sagte Renndirektor Michael Masi. Die FIA werde mit dem belgischen Automobilverband und den Behörden zusammenarbeiten, um mehr Erkenntnisse über Ursache und Hergang zu erlangen. Masi betonte, dass es keinen zeitlichen Rahmen gebe, die Aufarbeitung jedoch gründlich durchgeführt werde. (red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2019)

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