Warum das Runde eigentlich ins Eckige sollte

Niederlagen gegen Deutschland haben in Österreich offenbar einen besonderen Reiz. Auch das neue Sportjahr wird unsere masochistische Ader befriedigen.

Die Deutschen haben uns viel voraus, da brauchen wir uns gar nichts vorzumachen. Die Rede ist nicht von den Skispringern oder der Vierschanzentournee, die dieser Tage die heimischen Sportschlagzeilen bestimmen, auch nicht von den Schwimmern, Handballern, Basketballern oder Leichtathleten. In vielen Bereichen haben die Österreicher sich längst abgefunden, dem übermächtigen Nachbarn nicht die Stirn bieten zu können. Nur am Bergisel und in Bischofshofen, im alpinen Skirennsport und im Fußball werden Niederlagen gegen Deutschland als besondere Schmach empfunden. Als eine Art persönliche Erniedrigung, die am Selbstwertgefühl nagt.

Das Los hat es so gewollt, dass sich Österreich im September 2012 wieder mit Deutschland messen darf. Auf Joachim Löw, der einst mit dem FC Tirol und bei der Wiener Austria nationale Erfolge gefeiert hat, haben wir mit Marcel Koller geantwortet. Ein akribischer Arbeiter aus der Schweiz soll endlich aus den rot-weiß-roten Kickern das Maximum herausholen, diesen unerträglichen Bayern-Dusel, den auch das DFB-Team hat, stoppen. Wie man sich eine breite Brust holt, das können sich die Legionäre wie Fuchs, Ivanschitz oder Alaba tagtäglich von ihren Mannschaftskameraden abschauen, einer zur Schau gestellten Arroganz aber müssen irgendwann auch Taten folgen. Sonst wird man ein Opfer des Selbstbetrugs und der Ungläubigkeit.

Der österreichische Fußball aber hat andere Probleme. Der ÖFB verfügt über keinen Sportdirektor wie Matthias Sammer, die Vereine über keine Präsidenten, die mit dem Fußball groß geworden sind. Mit dem Sport und dem Fußball wird Politik gemacht, das Ganze endet oft mit einer Misswirtschaft, die Spitzenleistungen im Keim erstickt.

Bei den deutschen Klubs findet sich in den Chefetagen zumeist geballte Kompetenz. Besonders auffallend ist dies beim FC Bayern München. Der wahre Mr. FC Bayern, Uli Hoeneß, feiert dieser Tage seinen 60. Geburtstag. Die Würdigungen des Präsidenten des deutschen Rekordmeisters haben bei unserem Nachbarn bereits vor dem Jahreswechsel eingesetzt, der Jubilar selbst kann zufrieden auf sein „Lebenswerk“ zurückblicken. Weil Bayern viel mehr als ein Klub ist. Der Verein hat sich zu einer Philosophie entwickelt, zu einem Aushängeschild, zu einer Vision. In Österreich endeten Fußballvisionen bislang höchstens vor dem Untersuchungsrichter.

wolfgang.wiederstein@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.01.2012)

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