Apple: Das "ethische iPad" um 1300 Euro

Am Mittwoch wird das iPad 3 vorgestellt. Es wird in China von 230.000 Menschen in 325 Arbeitsschritten händisch zusammengebaut. Muss man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man es kauft?

Apple ethische iPad 1300
Apple ethische iPad 1300
factory – (c) AP

Seit Wochen sitzen sie in ihren weißen Mänteln und den seltsamen weißen Hüten in der Fabrik, an einem Aluminiumtisch mit grüner Oberfläche, Arbeiter an Arbeiter, Reihe für Reihe. Jede einzelne Reihe hat eine ganz spezielle Aufgabe: Die eine lötet Teile an, die andere passt die Kamera ein, eine setzt die Glasplatte in den Rahmen, eine poliert das Metall. Es sind 325 Arbeitsschritte, dann ist ein iPad 3 fertig. Von Hand zusammengesetzt, von Arbeitern, die im Schnitt 1,78 Dollar pro Stunde verdienen.

Am kommenden Mittwoch wird das neue iPad offiziell vorgestellt, und es wird wieder einen ähnlichen Hype auslösen wie fast alle Apple-Produkte. „Ich kaufe mir das neue iPad auf jeden Fall“, sagt David Landry, der etwas außerhalb von Washington in Falls Church wohnt. „Aber ich werde es mit einem schlechten Gewissen tun.“

David dürfte nicht der einzige sein, der diesmal möglicherweise einen Moment innehält, wenn er in der langen Schlange vor dem Apple-Store steht, und vielleicht kurz an die lange Schlange von Arbeitern denkt, die das Objekt seiner Begierde unter oft fragwürdigen Bedingungen bauen.

Erstmals fällt jetzt ein Schatten auf das Strahlemann-Image von Apple wegen der Art und Weise, wie iPhones und iPads entstehen. Die Diskussion um die Arbeitsbedingungen bei Foxconn in China, dem Hersteller der beiden Produkte, ist zwar nicht neu. In den vergangenen Monaten braute sich aber ein immer heftiger werdender Proteststurm zusammen, angefacht von mehreren Artikelserien vor allem in der „New York Times“, aber auch in vielen anderen großen US-Medien, und durch den einmaligen Rekordgewinn von 13 Milliarden Dollar, den Apple allein im vierten Quartal 2011 erzielte. Auf Kosten der Arbeiter, wie Kritiker meinen. Online hat sich bereits eine Bewegung auf „change.org“ gegründet, die „ethische iPads“ fordert.


Apples „Nike-Moment“. In der Industrie spricht man von einem „Nike-Moment“. Der Hersteller von Sportartikeln geriet in den 1990er-Jahren wegen seiner sogenannten „Sweatshops“ in Indonesien und China in die Schlagzeilen. Medien zeichneten ein Bild von kleinen Kindern, die in Hinterhöfen von Hand Fußbälle zusammennähen. Anfangs wies Nike die Vorwürfe zurück. Weil die Umsätze gerade an den wichtigen US-Universitäten wegbrachen, machte das Unternehmen aber schließlich eine 180-Grad-Kehrtwendung: Es erließ einen „Code of Conduct“, investierte jährlich zehn Millionen Dollar in den Umbau der Fabriken und lässt die Arbeitsbedingungen seither regelmäßig prüfen.

„Nike waren nicht die Schlimmsten, aber sie standen im Mittelpunkt. Bei Apple ist es jetzt ähnlich“, meinte Inaes Kaempfer von der Arbeitsrechtsorganisation „Fair Labor Association“ (FLA) in einem TV-Interview.

Apple nimmt die wachsende Kritik ernst. Konzernchef Tim Cook gestand vor wenigen Wochen in einer E-Mail an seine 65.000 Mitarbeiter ein, dass man bei den Arbeitsbedingungen in China „noch nicht so viel gemacht hat, wie wir könnten“. Das soll sich ändern. Das Unternehmen aus dem kalifornischen Cupertino trat der FLA bei, die derzeit die Fabriken inspiziert. Vermutlich noch im März will die FLA einen Bericht veröffentlichen.

Wie groß der Druck der Öffentlichkeit in den USA auf Apple mittlerweile ist, kann man daran ermessen, dass das notorisch verschlossene Unternehmen erstmals auch ein TV-Team in jene bisher hermetisch abgeriegelten Hallen ließ, in denen iPhones und iPads gefertigt werden.


In der Foxconn-Fabrik. „Das Bemerkenswerteste ist, wie wenige Maschinen es hier gibt“, berichtete Bill Weir in der Sendung „Nightline“ der US-TV-Anstalt ABC. „Das meiste wird mit der Hand gefertigt.“ Deshalb, so Weir, benötige die Fertigung eines iPads auch fünf Tage (es ist umstritten, ob der ABC-Reporter hier einem Übersetzungsfehler aufsaß). Ein iPhone geht deutlich schneller: 141Stationen durchläuft das Smartphone, bevor es – per Hand – in die schmucke weiße Verpackung kommt. Das erklärt die Armee, die hier für Apple arbeitet: insgesamt 230.000 Menschen. Sie produzierten im vergangenen Jahr 93 Millionen iPhones und 40 Millionen iPads. Foxconn beschäftigt etwa eine Million Menschen und baut Computer und Handys für alle großen Hersteller der Welt (darunter HP, Dell, Samsung).

ABC bekam für den angekündigten Besuch zweifellos eine geschönte Fabrik zu sehen. Der Sender berichtete über Zwölf-Stunden-Arbeitstage, unterbrochen von jeweils zwei einstündigen Arbeitspausen. Gegen die Selbstmorde von Arbeitern, die im vergangenen Jahr weltweit für Schlagzeilen sorgten (aber nicht höher lagen als in einer vergleichbaren Stadt mit 230.000 Einwohnern), sind rund um die Fabrik Netze gespannt, einen Zugang zum Dach gibt es nicht mehr.

Andere Medien, darunter die „New York Times“, hatten andere Informationen: Arbeiter, die durch das lange Stehen derart geschwollene Beine haben, dass sie kaum noch gehen können; Arbeitszeiten von 18 Stunden; Slogans auf der Wand, die mahnen, „heute hier hart zu arbeiten oder morgen auf der Suche nach einem neuen Job“; gefährliche Arbeitsbedingungen, die Grund für eine Explosion bei der iPad-Produktion waren, bei der drei Menschen starben; Schlafsäle, in die Dutzende Menschen gepfercht sind und bei Bedarf mitten in der Nacht geweckt und in die Fabrik geschickt werden.

Foxconn dementierte diese Darstellungen ebenso wie Apple. Doch wie es in den Fabriken tatsächlich zugeht, wissen nur die, die dort arbeiten. Und die meisten sind so froh, einen Job zu haben, dass sie jede Kritik am Unternehmen vermeiden.


„Andere Bedingungen“. „Man kann die Arbeitsbedingungen nicht vergleichen“, meint ein Sprecher des oberösterreichischen Textilfaserherstellers Lenzing, der in Nanjing 700 Menschen beschäftigt. Mehrere Unternehmen aus Österreich haben eine Fertigung in China, über die Arbeitsbedingungen ist wenig bekannt. Wie unangenehm das Thema den Firmen offenbar ist, kann man daran ermessen, dass viele Sprecher nicht namentlich zitiert werden wollen. Ein Unternehmen suchte in einer internen Mail, die irrtümlich fehlgeleitete wurde, nach einer „eleganten Antwort“ auf mehrmaliges Nachfragen der „Presse“ zu den Arbeitszeiten in China.

Lenzing erklärt, es gehe um „hochtechnische Arbeit – das ist nicht Plastikpuppen zusammenkleben“. Man habe einen strengen „Code of Conduct“ und fördere lokale Projekte, in Indonesien beispielsweise den Bau eines Kindergartens und einer Schule. Das Werk in Nanjing sei Teil eines Industriekomplexes von etwa 50 Firmen, darunter BASF. Die Arbeiter verdienen zwischen 200 und 400 Euro pro Monat.

Ähnlich sind die Angaben vom Feuerfestkonzern RHI, der drei Produktionsstätten in China mit 1630 Mitarbeitern hat. Sie würden auf einer 40-Stunden-Basis arbeiten mit maximal 38 Überstunden pro Monat.

Eines der größten Werke einer österreichischen Firma in China betreibt der Leiterplattenhersteller AT&S mit 4750 Arbeitern, ein zweites in Chongqing ist in Bau. Über die Entlohnung der Arbeiter will die Firma keine Auskünfte geben, die Arbeitszeit wird vage mit „maximal sechs Tage die Woche“ und „nicht mehr als zehn Überstunden“ angegeben. Es gebe „kostenlose Mahlzeiten, keine Arbeiterheime und keine Kinderarbeit“. Die Arbeit erfolge „in einem hochtechnologischen Umfeld“, es gebe keine Fließbandarbeit.

Der Grund für die Fertigung in China sind natürlich in erster Linie die günstigen Arbeitskosten (Apple erklärt auch, man bekäme in den USA gar nicht so viele ausgebildete Ingenieure, wie man in den Fabriken für die Produktion benötige). Würden iPads in den USA oder Europa gefertigt werden, sähe der Preis ganz anders aus.

Eine sehr grobe Rechnung, offizielle Zahlen gibt es keine: Derzeit kostet Apple die Herstellung eines einzelnen iPads mit 32-GB-Speicher, WLAN und 3G in China geschätzte 335 Euro. Die Materialkosten belaufen sich auf 315 Euro (am teuersten ist der Touch-screen mit 90 Euro), 20 Euro für die Produktion sind großzügig gerechnet. In Österreich verkauft Apple dieses iPad um 699 Euro. Das Unternehmen macht also pro Tablet einen Gewinn (ohne Berücksichtigung von Versand, Entwicklung, Marketing, Arbeitskosten usw.) von 53 Prozent.


Gewinn pro iPad: 53 Prozent. Im Vergleich dazu die theoretische Produktion in Europa: Eine Arbeitsstunde eines Fabrikarbeiters kostet etwa 32 Euro. Rechnet man mit einer geschätzten Nettoarbeitszeit von neun Stunden, würde sich allein die Arbeitszeit auf 288 Euro summieren. Zuzüglich Material macht 623 Euro. Bei gleichem Verkaufspreis würde der Gewinn pro Tablet also auf etwa 11 Prozent schrumpfen. Hielte Apple an der Marge von 53 Prozent fest, würde der Preis auf knapp 1300 Euro steigen.

Das neue iPad wird, so die Vorhersagen, preislich gleich liegen wie das iPad 2. Dass der simple Vorschlag, die Macht des Kapitalismus auszuspielen und das Produkt einfach nicht zu kaufen, beim heißbegehrten iPad nicht funktioniert, haben die Kritiker in den USA eingesehen.

Einer schlägt stattdessen auf der Webseite von National Public Radio vor, man möge nach dem Kauf einen ähnlich hohen Betrag für eine Organisation spenden, die sich für Arbeiterrechte einsetzt. Demnächst soll es eine App dafür geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2012)

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