Facebook: Ich lass dich nie mehr alleine ...

... das ist dir hoffentlich klar. Mit "Facebook" haben Kontaktnetzwerke im Internet jetzt auch den Alltag der bürgerlichen Mittelschicht erobert. Was es ist, was es kann, was es will.

Facebook-Mastermind Mark Zuckerberg
Facebook-Mastermind Mark Zuckerberg
(c) AP (PAUL SAKUMA)

Es beginnt harmlos, wie jede Sucht. Am Anfang findet man es pubertär, angeberisch, überflüssig. Wie einst Mobiltelefon, E-Mail, iPod. Dann zieht sich das Netz enger. Ein Freund, eine Freundin schwärmt, mailt eine Einladung. Dann schaut man hinein, nur schauen, versteht sich, loggt sich ein auf www.facebook.at. Erst sucht man den verlorenen Nachbarssohn. Die Klassenkollegen. Die Urlaubslieben. Dann klopfen schon die Arbeitskollegen an. You're at home, baby. Und da kommt man so schnell nicht wieder raus.

Einmal, zweimal die Woche reicht nicht mehr. Täglich, bald stündlich kontrolliert der Junkie seine persönliche „Profilseite“. Hier präsentiert man sich selbst, meistens unter echtem Namen, meistens mit echtem Foto ... höchstens ein paar Jahre jünger vielleicht. Es bleibt einem selbst überlassen, wie viel man preisgeben will – Beziehungsstatus, Religion, Hobbys etc. Von hier aus jedenfalls beginnt die Jagd nach den Namen, nach „Freunden“.

Wie bei „Google“ können in einem Suchfeld Namen „nachgeschlagen“ werden – 150Millionen waren im November 2008 im globalen Facebook verzeichnet, die meisten unter 25 und aus den USA. Dort wurde das Netzwerk 2004 von Mark Zuckerberg auch gegründet, erst nur für die Uni Harvard, seit 2008 ist es eine offene Plattform. Mit diesem universitären Hintergrund ist wohl auch das im Vergleich zu anderen sozialen Online-Netzwerken wie MySpace gehobenere Image zu erklären: Facebook ist etwas für die Mittelschichten, sozusagen das Premiumprodukt“, bestätigt Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier.

Diese „Profile“, meist gespickt mit Baby- und Urlaubsfotos, können aber erst dann durchstöbert werden, wenn man einen Bekannten „anfragt“ und dieser einen bestätigt hat. Dann erst beginnt Facebook richtig zu fließen: Alle paar Minuten, Stunden erscheinen die neuesten Nebensächlichkeiten der „Freunde“ auf dem Bildschirm – „Bin am Weg zum Zahnarzt“, meldet da jemand, oder „Mir ist fad“. Dazu kommen (halb)lustige „Pinnwanddialoge“, Einladungen zum Echtzeit-Plaudern – denn jeder sieht, wer seiner „Freunde“ gerade „online“ ist.

Alleine braucht man sich also nie mehr zu fühlen, sitzt man noch um Mitternacht vor dem Computer. Auch im größten beruflichen Stress wird einem vorgegaukelt, immer noch ein soziales Leben zu führen. Facebook kann als Art soziales Sedativ im kapitalistischen System gesehen werden. Hier findet jeder Workaholic zu jeder Uhrzeit jemanden, der auch noch arbeiten muss, und wenn es in einer anderen Zeitzone ist.

 

Weniger als 20 Freunde? Ein Underdog

Inhaltlich ist Facebook die pure Entspannung – oder auch Entleerung, je nachdem. Wird in Internet-Tagebüchern, den Blogs, eher über politische, kulturelle, gesellschaftskritische Geschehnisse debattiert, stellt Facebook mehr die rasante räudige Boulevardversion dar. Ungefiltert, in einer unachtsamen Sprache zwischen E-Mail-Schusselei und SMS-Knappheit, teilt man hier alltäglichste Banalitäten. Und zwar mit möglichst vielen. „Akkumulation von Sozialkapital“ nennt Heinzlmaier das ganz unromantisch, „flüchtige, flexible Beziehungen, die auf einen Nutzen und den eigenen Vorteil ausgerichtet sind. Mit guten Freunden kann man das nicht vergleichen“.

Trotzdem. Hat man weniger als 20 „Freunde“, gilt man als subversiver Underdog des kompetitiven Facebook-Systems. Mit über 1000 „Freunden“ auf seiner Liste zu protzen macht einen aber verdächtig – außer man heißt Barack Obama, der in seinem Wahlkampf fast 4,6 Millionen Unterstützer auf Facebook gesammelt hat.

Politisch ist Facebook unkorrekt, man könnte auch sagen radikaldemokratisch. Man spürt, aus welchem ideologischen Eck die Facebook-Denker rund um Zuckerberg stammen, dem Neokonservativ-Libertären. Hier gilt absolute Meinungsfreiheit, man muss nur damit rechnen, dass sich die CIA, die hier übrigens nach Personal sucht, der preisgegebenen Daten und Informationen bedient, und die gesammelten Daten für Werbezwecke an Firmen verkauft werden. Die plötzliche Transparenz der eigenen Person scheint aber den wenigsten bewusst – so erschien etwa im französischen Magazin „Le Tigre“ ein schockierend realistisches Porträt, nur aus den verfügbaren Daten einer Person auf Facebook zusammengestückelt.

Schnell erliegt man schließlich der Versuchung, seine Vorlieben zu outen – und wird Mitglied in einer der hunderten Interessensgruppen, die sich bilden, oder man wird, für alle ersichtlich, bekennender „Fan“ prominenter Figuren oder Ideen. Etwa Christian Buddenbrooks resignierender Floskel: „Ich kann es nun nicht mehr.“ (50 Mitglieder)

Manchmal ist hier die Welt auch noch in Ordnung: Thomas Bernhard etwa hat 1400Fans, Christl Stürmer nur 55. Der modische Damien Hirst dagegen wiederum 7400, der genialische Martin Kippenberger nur 653. Francesca Habsburg kämpft auch online weiter um Gerechtigkeit für Tibet und Burma, man kann sich sowohl den „Männern sind Schweine“-Emanzen anschließen wie auch den „Weiber an den Herd, Emanzen in den Herd“-Chauvinisten.

Grenzen gelten keine hier: So findet man „Alle Juden raus, kill all jews“, verwaltet von einer Gruppe aus Bosnien und Herzegowina, die 90 Sympathisanten hat. Mit der Aussage „The Ex-Nazi Pope can kiss my Sweet Queer/Transgender arse!“ können sich 3000 Leute identifizieren.

Dass Personalchefs bei der Auswahl neuer Mitarbeiter gerne das Internet bemühen, ist längst kein Geheimnis. Und dass der Blick dabei jetzt auch auf Facebook fällt, ist die logische Konsequenz. Verständlich also, wenn so mancher User lieber unter Pseudonym auftritt, um das eigene Image nicht durch Kinderfotos oder Partyshots ankratzen zu lassen – oder durch das Bekenntnis, ein Fan von Shakin' Stevens zu sein. Man weiß ja nie, was potenzielle Arbeitgeber so für verwerflich halten. Doch der Preis für die Anonymität ist auch die Unauffindbarkeit, das Entgehen der Chance, von alten Schulkollegen zum virtuellen Klassentreffen gebeten zu werden.

 

Das tägliche virtuelle Klassentreffen

Längst haben sich ganze Schulklassen per Interessensgruppe und mit Klassenfoto virtuell zusammengeschlossen. Interessanter Aspekt dabei: Klassentreffen in der realen Welt verlieren dadurch vollkommen an Bedeutung. Schließlich entfällt ein Großteil des Gesprächsstoffs, was man denn so die letzten fünf Jahre getrieben hat. Man weiß es dank Facebook ohnehin längst.

24 Stunden online – so wie viele ohne Handy nicht mehr auf die Straße gehen könnten, wird auch Facebook zur Gewohnheit, ruft Suchtsymptome hervor, sorgt das Fehlen für Entzugserscheinungen. Bei ebendieser Erkenntnis tritt ein neuer Typus des Facebook-Users ans Tageslicht – der Aussteiger. Jüngstes Opfer: Falter-Chef Florian Klenk. Er erkannte die Gefahr, dass das Netzwerk zu tief in sein Leben vordringen könnte, und löschte seinen Account. Absprung gerade noch geschafft. Dabei hatte es, wie jede Sucht, ganz harmlos angefangen.

Metaware Thomas Kramar: Seite 28

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2009)

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