Archäologie: Kultur, die aus der Wüste kam

Die ägyptische Hochkultur ist ein Erbe Asiens und ein Vorläufer Europas. Ein Klimawandel legte das Fundament für das Reich am Nil.

(c) EPA (Michael Reynolds)

Ägypten sei ein Geschenk des Nils, schrieb Herodot, und Stefan Kröpelin, Archäologe der Uni Köln, stimmt zu: „Aber Ägypten ist auch ein Geschenk der Wüste.“ Und zwar jener Wüste, die so heißt – „Tenere“ ist das Wort für „Wüste“ oder „Sand“ bei den Tuareg, in arabischer Übersetzung wird es „Sahara“ – und die heute eine der größten und trockensten ist, zwei Millimeter Regen gehen pro Jahr auf die zwei Millionen Quadratkilometer der östlichen Sahara nieder, die sich Libyen, der Tschad, der Sudan und Ägypten teilen, eine Fläche, in der Österreich 25mal Platz hätte.

Sie war nicht immer unwirtlich, in zwei entscheidenden Phasen war die Wüste grün. Das erste Mal vor sechs bis sieben Millionen Jahren, damals lebte im heutigen Tschad der erste unserer Ahnen, Sahelanthropus tchadensis. Neben seinen Knochen wurden auch viele von Krokodilen und Wasserschildkröten gefunden, zudem reichlich Fischgräten. Aber irgendwann mussten die Erben dieses frühen Menschen weg, es kam ein Klimawandel, es kam die Wüste.

Wann ist unklar, da die erschlossenen Klimaarchive, vor allem Eisbohrkerne und Meeressedimente, für Nordafrika wenig sagen bzw. in die Irre führen: Aus ihnen schloss man etwa, dass das Ende der letzten Eiszeit der Sahara keine Veränderung brachte.

Aber in der Sahara bot sich der Gruppe um Kröpelin ein ganz anderes Bild: Vor 25.000 Jahren, auf dem Höhepunkt der Eiszeit, war alles staubtrocken. Aber vor 10.500 Jahren, am Ausklang der Eiszeit, wurde die Sahara in kurzer Zeit grün, die Passatwinde mit ihren Regenwolken rückten um 800 Kilometer nach Norden. Die Menschen folgten ihnen und lebten in der Savanne zunächst als Jäger und Sammler, dann entwickelten sie ihre ganz eigene Kultur: Sie wurden Hirten, die riesigen Herden hinterher zogen, vor allen denen der Rinder, die in Afrika domestiziert wurden. (Dieses Muster der neolitihischen Revolution ist ganz anders als das im Nahen Osten, wo die Bauern sesshaft wurden).

Erfindung der Töpferei

An 150 heute staubtrockenen Orten in der Ostsahara haben die Kölner gegraben, sie fanden viel, frühere Seen, Flüsse und Siedlungen und in denen Gefäße aus gebranntem Ton. Offenbar waren auch die eine afrikanische Erfindung, so durchgängig grün war die Sahara nun auch nicht, dass nicht Wasser mitgeführt werden hätte müssen. Der Stil dieser Töpferei tauchte viel später am Nil auf. Und zwar dann, als dort auch Bewohner auftauchten: Beim dem Klimawandel, der die Wüste bewohnbar machte, wurde das Niltal – mit kleinen Ausnahmen – unbewohnbar, es versumpfte und verwaldete.

Aber bei diesem Klimawandel blieb es nicht, der nächste kam vor 7300 Jahren, das Pendel schlug zurück, die Sahara trocknete aus, die Bewohner mussten weichen. Manche zogen nach Süden, dort blieben sie wandernde Hirten, bis heute, etwa die Massai.

Andere zogen nach Osten und ließen sich nieder, das Niltal wurde erschlossen, ab 5000 vor Christus entstanden Siedlungen, in denen Weizen und Gerste gepflanzt wurden. An die Herkunft und frühere Lebensweise dieser Siedler erinnern noch bestattete Rinder und eben die Töpfereien. Wandern hingegen konnten sie bald nicht mehr weit, 3500 vor Christus verschwanden die letzten größeren Nischen in der Sahara, sie wurde zum „Land des Bösen und des Todes“.

Daneben blühte die Hochkultur auf, um 3000 v.Chr. hatten die Ägypter die Schrift, und die 1. Dynastie einte das Land: „Das schließliche Austrocknen der Ostsahara hatte einen entscheidenden Einfluss auf das gleichzeitige Entstehen der pharaonischen Zivilisation im Niltal“, schließen die Forscher: „Ohne die Tradition in der Wüste wäre diese Zivilisation vielleicht nicht so entstanden“ (Science, 313, S.803).

Das heißt nicht, dass es keine anderen Einflüsse gegeben hätte. Aber es rückt gleich zwei Bilder zurecht: Im einen ist das Ägypten der Pharaonen ein Erbe Asiens – Zweistromland –, im anderen ein Vorläufer Europas. Es ist aber (eigenständiges) Afrika.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.03.2008)

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