Ex-Chefökonom: "Nachbarn, imitiert die Deutschen!"

Warum Deutschland so erfolgreich ist, die Amerikaner auf Entzug müssen und welche Zukunft China blüht, erklärt Norbert Walter, Ex-Chefökonom der Deutschen Bank, im Rahmen des Forums Alpbach .

(c) Clemens Fabry

„Die Presse“: Es geht die Befürchtung um, dass sich von den USA ausgehend eine zweite Rezession zusammenbraut. Was genau ist dort eigentlich los?

Norbert Walter: Viele Amerikaner haben geglaubt, dass das Wachstumsniveau von vor der Krise wieder herstellbar sei. Das ist aber illusorisch. Die Zuwächse reduzieren sich jetzt ganz natürlich auf ein Maß, das meiner Einschätzung nach das zukünftige Normalniveau ist. Und alle Hühner regen sich auf. Meine Botschaft heißt: Gewöhnt euch daran, dass ihr nicht unter Steroiden wächst. Die Drogen müssen abgesetzt werden, und als Folge davon werden die USA auf Zuwachsraten von zweieinhalb Prozent zurückfallen.


Was heißt das für Europa, das sich aus der Krise exportieren muss?

Walter: Der wichtigste dynamische Faktor für Europa waren schon lange nicht mehr die Amerikaner, sondern die Entwicklungs- und Schwellenländer. Und diese Relation wird erhalten bleiben. Jene, die sich schon auf diese Märkte eingestellt haben, müssen sich nicht grämen.

 

Also müssen sich weder Deutschland noch Österreich fürchten?

Walter: Nein, Mitteleuropa steht derzeit hinsichtlich seiner Wachstumszahlen und wirtschaftlichen Gesundheit überraschend gut da. Wir sollten aber nicht annehmen, dass all das unserer strukturellen Stärke zuzurechnen ist.

 

Können Sie das konkretisieren?

Walter:Europas Banken sind nicht so saniert, wie manche meinen: Mit billigem Geld von der Zentralbank, das man dann teuer verleiht, kann auch der Dümmste Geld verdienen. Und das wird nicht mehr lange gehen. Noch kurzfristiger werden wir die öffentlichen Ausgaben spüren. Die Staaten investieren viel Geld in die Infrastruktur. Das ist nach 2011 vorbei, dann müssen sich Strabag und Hochtief etwas Neues einfallen lassen. Außerdem ist unser Wechselkurs schon sehr überraschend.

Welcher Wechselkurs wäre realistisch?

Walter: Die Amerikaner mit ihrem Leistungsbilanzdefizit brauchen einen unterbewerteten Dollar. Deshalb nehme ich an, dass ein Wechselkurs von 1,5 Dollar mittelfristig realistisch ist.

 

Aber das schadet ja wieder dem Export. Müssen wir unser Geschäftsmodell überdenken?

Walter: Ich glaube jedenfalls nicht, dass Europa seinen alten Leuten raten sollte, mehr zu konsumieren, wie das manche amerikanische Nobelpreisträger vorschlagen (Paul Krugman, Anm.). Das ist einfach nur doof und darf einem intelligenten, ausgezeichneten Ökonomen nicht passieren.

Skepsis herrscht ja nicht nur mit Blick auf die US-Wirtschaft, sondern auch bezüglich Asien. Stichwort: Überhitzung.

Walter: Die Zuwachsraten Chinas sind bestimmt nicht durchzuhalten. Bis 2015 werden sie eher bei sieben als bei zehn Prozent liegen. Danach wird China wegen der Ein-Kind-Politik ein Phänomen ereilen, mit dem eigentlich erst viel reichere Länder konfrontiert sind: eine schnelle und starke Überalterung. Das führt zu einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Also wird das Wachstum nochmal auf etwa fünf Prozent sinken.

Nun zu einem anderen Thema: Sind die Deutschen ein wirtschaftliches Vorbild?

Walter: Das Konzept lautet: Vorsprung durch Panik. Man redet ständig davon, dass man kurz vor dem Ende steht, und siehe da, die Leute reagieren. Die Deutschen sind während der vergangenen zehn Jahre viel beweglicher geworden. Über Überstunden redet kein Mensch mehr. Jeder weiß, dass es gescheiter ist, dann zu arbeiten, wenn das Unternehmen Aufträge hat. Und man regt sich nicht darüber auf, sondern plant seinen Urlaub entsprechend.

Ist das etwas, das sich Österreich abschauen sollte?

Walter:Viele europäische Nachbarn täten gut daran, zu studieren, was die Deutschen da gemacht haben – und einiges davon zu imitieren. Zum Beispiel, wie verbreitet Jahresarbeitszeitkonten sind. Sie schaffen eine hohe Kosteneffizienz, ohne Nachteil für die Arbeitnehmer. Sie bekommen monatlich den gleichen Betrag ausbezahlt und belasten das Unternehmen nicht mit Überstundenzuschlägen.

Es stehen Lohnverhandlungen vor der Tür. Würden Erhöhungen der Konjunktur schaden oder nützen?

Walter: Wir werden vermutlich aus gutem Grund höhere Lohnerhöhungen haben als im Verlauf der letzten Jahre. Ich rate aber, besonders in bestimmten Branchen wie der Bauwirtschaft, zur Vorsicht. Die beste Variante wären Einmalzahlungen – als Hinweis darauf, dass 2010 viel besser verlief als gedacht.

Und wie wird es weiter gehen?

Walter:Ich denke, 2010 wird für Mitteleuropa zu pessimistisch geschätzt. Es wird nicht so schlimm kommen. Für 2011 bin ich eher skeptisch. Aber ich würde wetten, dass wir in der ersten Hälfte des Jahrzehntes mit etwa eineinhalb Prozent wachsen können.

Zur Person

Norbert Walter (65) war von 1992 bis 2009 Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Aufmerksamkeit erregte er vor allem durch seine pessimistischen Wirtschaftsprognosen. Anfang 2009 bescheinigte er der deutschen Wirtschaft als Erster einen Einbruch von fünf Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2010)

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