Weshalb noch kein Crash kommt

Anleger müssen sich auf arge Schwankungen einstellen, meint Marktstratege Tilmann Galler. Aber noch sind die Geldschleusen offen – und eine Region habe Aufholpotenzial.

An den Börsen sei es viel zu lang ungewöhnlich ruhig gewesen, meint Kapitalmarktstratege Tilmann Galler.
An den Börsen sei es viel zu lang ungewöhnlich ruhig gewesen, meint Kapitalmarktstratege Tilmann Galler.
An den Börsen sei es viel zu lang ungewöhnlich ruhig gewesen, meint Kapitalmarktstratege Tilmann Galler. – (c) Katharina Fröschl-Roßboth

Wien. Der Schrecken saß den Anlegern vergangenen Montag tief in den Knochen. Wenige Stunden zuvor hatte US-Präsident Donald Trump im Handelsstreit mit China kräftig nachgelegt. In einer seiner berüchtigten Kurznachrichten hatte der mächtige Staatschef überraschend verkündet, er wolle unter anderem die Zölle auf Importwaren von zehn auf 25 Prozent erhöhen.

Und das just in einer Zeit, in der Anleger dachten, das Schlimmste sei ausgestanden. Was einmal mehr die Frage aufwirft: Droht den Aktienmärkten ein Crash? Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J. P. Morgan Asset Management, glaubt das grundsätzlich nicht, wie er im Gespräch mit der „Presse“ betont. Die Vorsicht der Anleger kann er aber nachvollziehen: „Ein Teil der jüngsten Rallye beruhte schließlich auf der Hoffnung einer baldigen Einigung im US-Handelsstreit mit China. Und die ist vorerst verpufft.“

Galler meint aber auch, dass größere Marktschwankungen am Ende eines Wirtschaftszyklus ganz normal seien. Und dazu zählten zwischenzeitliche Rücksetzer von zehn bis 15 Prozent. Überhaupt sei es an den Börsen viel zu lange ungewöhnlich ruhig gewesen. Die transpazifischen Entwicklungen sollte man dennoch nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn ein solcher Disput bleibt nicht ohne Folgen für die globale Konjunktur. Kommt es hart auf hart, könnte Chinas Wirtschaft weiter einknicken und damit die globale Konjunktur einbremsen, erklärt Galler.

 

Notenbanken als Marktstütze

Dabei hatte der Internationale Währungsfonds erst zu Jahresbeginn seine Prognose für das Weltwirtschaftswachstum auf 3,5 Prozent herabgesenkt. Diese könnte dann nochmals nach unten revidiert werden, auf drei Prozent, oder sogar darunter, meint der Marktstratege. Noch sei aber das letzte Wort nicht gesprochen, eine Einigung in dem Streit sei durchaus möglich. Zudem gebe es eine weitere wichtige Marktstütze, meint Galler: „Die Notenbanken halten die Geldschleusen noch immer weit geöffnet.“ Auch das hat die Aktienmärkte zuletzt gestützt, vor allem, da die Fed zu Jahresbeginn verkündet hatte, eine Pause bei den Zinsanhebungen einzulegen.

Können sich die US-Notenbanker diese Ruhepause aber überhaupt leisten? Die jüngsten Zahlen zum US-Arbeitsmarkt deuten auf eine robuste Beschäftigungsentwicklung hin – ein gutes Indiz dafür, dass die Löhne und somit die Kerninflation (Inflationsrate ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise) allmählich steigen sollten. Noch kann Galler dafür aber keine Anzeichen erkennen: Die Fed habe sichtlich keine Eile, die Zinsen in nächster Zeit weiter anzuheben.

Zumal sie auch die Konjunkturentwicklung genau im Blick hat – zum Beispiel die positiven Einmaleffekte aus der Steuersenkung vom Vorjahr, die nun allmählich nachlassen, wie Galler erklärt. Dazu komme, dass das US-Wachstum im ersten Quartal 2019 unter anderem von einem kräftigen Aufbau der Lagerbestände angekurbelt worden sei – und auch das dürfte nicht auf Dauer so weitergehen. „Das Tempo beim weiteren Aufbau dürfte nunmehr abflachen.“

 

Profitiert Russlands Börse?

Inzwischen wird sogar schon über US-Zinssenkungen spekuliert. Von solchen Überlegungen hält der Stratege allerdings wenig, „da wäre ich sehr vorsichtig“, meint er. Schließlich könnte sich die Stimmung rasch wieder drehen – etwa wenn es mit China doch noch zu einer Einigung käme oder falls die Aktienmärkte weiter kräftig ansteigen. Dann könnte die Fed ebenso rasch wieder eine restriktivere Geldpolitik andenken.

Und wie schätzt Galler die Lage auf dem Ölmarkt ein? Auch hier setzte sich Trump gehörig in Szene, als er kürzlich die Ausnahmen für Iran-Exporte aufhob. Damit könnte sich die Lage auf der Angebotsseite verschärfen, konstatiert der Marktexperte. Allerdings verfüge vor allem Saudiarabien über eine Menge freier Kapazitäten. Mit dem steigenden Ölpreis rentiere sich auch die US-Schieferölproduktion zunehmend. Bleibt die Nachfrage ebenfalls recht robust, dürfte sich der Ölpreis etwa für die Nordseemarke Brent heuer in einer Bandbreite zwischen 70 und 80 Dollar bewegen.

Davon könnte etwa Russlands Börse profitieren. Dort notieren nämlich eine Menge Energietitel, wobei der Markt insgesamt sehr günstig sei. „Ein Grund dafür ist die Angst vor neuen Sanktionen.“ Diese könnten zwar einzelne Firmen hart treffen – doch Galler findet, dass mögliche Risken auf derart tiefen Kursniveaus bereits eingepreist sind.

Ob der Markt das Potenzial ebenfalls erkennt, wird sich freilich erst zeigen.

ZUR PERSON

Tilmann Galler kam 2007 zu J. P. Morgan Asset Management, er ist als globaler Kapitalmarktstratege tätig. Galler ist Teil des globalen Market-Insights-Teams, das Analysen zu den globalen Volkswirtschaften und Kapitalmärkten erstellt. Zuvor war Galler bei UBS Global Asset Management als Portfoliomanager tätig. Der diplomierte Betriebswirt absolvierte sein Studium an der Universität Hohenheim in Stuttgart.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2019)

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