Europas Banken im Abseits

Die größten Banken Europas sind zusammen gerade einmal halb so viel wert wie Microsoft. Daran wird sich so schnell wohl nichts ändern. Denn die Zinsen bleiben niedrig.

Die Aktien der Deutschen Bank notieren nahe ihrem Rekordtief.
Die Aktien der Deutschen Bank notieren nahe ihrem Rekordtief.
Die Aktien der Deutschen Bank notieren nahe ihrem Rekordtief. – (c) APA/AFP/DANIEL ROLAND (DANIEL ROLAND)

Wien. Strafzinsen, die zunehmende Regulierung und die wachsende Furcht vor einer Rezession. All das belastet die europäische Bankenbranche – und deren Aktienkurse. Der Index für die europäischen Großbanken notiert derzeit nicht nur auf dem tiefsten Stand seit 2012 – als die europäische Staatsschuldenkrise ihren Höhepunkt erreichte. Sondern auch auf dem Niveau der 1980er-Jahre.

Das bedeutet: Europas Geldhäuser sind an der Börse zusammen nur noch eine halbe Billion Dollar wert – und damit etwa halb so viel wie Microsoft. 2007, kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise, brachten die Banken in der Euro-zone immerhin noch 1,7 Billionen Dollar auf die Waage, deutlich mehr als ihre US-Konkurrenten. Doch das Blatt hat sich seither dramatisch gewendet. Die US-Geldhäuser sind den europäischen davongezogen und dieser Tage drei Mal so viel wert wie die Konkurrenz aus Europa.

Die Gründe für die Misere sind vielschichtig. Die Strafzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB), die sie für Einlagen bei der Notenbank zahlen müssen, machen den Banken seit Jahren zu schaffen. An den Finanzmärkten wird derzeit mit einer Ausweitung des sogenannten Einlagensatzes von minus 0,4 Prozent auf minus 0,6 Prozent diskutiert. Zwar hat die Europäische Zentralbank eine Entlastung, etwa in Form von Staffelzinsen, in Aussicht gestellt, um die Auswirkungen einer weiteren Verschärfung der Strafzinsen abzumildern. Doch bleibt unklar, inwieweit das die Probleme der Banken beseitigen kann.

Zudem kursiert die Angst vor einer Wirtschaftskrise, die auf die Banken durchschlagen könnte. Denn geht es der Industrie schlecht, verlieren die Leute ihre Jobs und haben Schwierigkeiten damit, ihre Kredite zu bedienen. Nach der Finanzkrise saßen die Banken auf faulen Krediten in Milliardenhöhe. Das betraf auch Österreichs Institute, denn sie hatten Darlehen in Osteuropa nur allzu locker vergeben. Noch dazu auf Basis des Schweizer Frankens. Als die Landeswährungen verfielen, explodierten die Raten. Abschreibungen folgten, es kam zu Zwangskonvertierungen, die Banken mussten die Last tragen.

Derzeit ist es vor allem die niedrige Rentabilität der Institute, nicht deren Solvenz, die Anlegern Sorge bereite, sagte Jérôme Legras von Axiom Alternative Investments. „Das sind einfach die Folgen eines Jahrzehnts zusätzlicher Regulierung, unkonventioneller Geldpolitik und des Schuldenabbaus. Es gibt einfach nicht viele Wege für Banken, da rauszukommen.“ Weltweit haben Banken in diesem Jahr über 48.500 Jobs abgebaut, besonders ausgeprägt ist die Situation in Europa. Die Deutsche Bank will bis 2020 ein Fünftel ihrer Belegschaft vor die Tür setzen, das entspricht rund 18.000 Mitarbeitern. Auch Banco Santander, HSBC, Barclays und Société Générale streichen Tausende Stellen.

 

USA hängen Europa ab

Auf der anderen Seite strotzen die US-Wettbewerber vor Kraft. Sie profitieren von den höheren Zinsen, einer besseren Kapitalausstattung und einem besseren Abschneiden im Investmentbanking. Die Aufräumarbeiten nach der Finanzkrise wurden schneller bewältigt, man ließ viele Institute pleite- gehen.

Der niedrige Börsenwert der Banken in der Eurozone macht sie nun theoretisch zur leichten Beute für US-Wettbewerber, sagt Natixis-Analyst Patrick Artus. Wegen ihrer geringen Eigenkapital-Renditen könnten Europas Banken zudem kein frisches Kapital bei ihren Aktionären einsammeln. Da sie auch nicht expandieren könnten, sinke ihre Fähigkeit, Unternehmen auf dem Kontinent zu finanzieren. (Reuters/red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2019)

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