Korruption: Ein „Lehrbuch zum Schmieren“ in Rumänien

Für Pensionisten gelten „niedrigere“ Bestechungs-Tarife als für Jüngere.

(c) AP (Vadim Ghirda)

Bukarest. Neben Bulgarien gilt Rumänien als korruptestes Land in der EU. Angesichts der grassierenden Bestechung brachte die Anti-Korruptionsbewegung „Nu da spaga“ in Zusammenarbeit mit dem Verband der rumänischen Aufdeckungsjournalisten eine 130 Seiten starke Publikation unter dem Titel „Lehrbuch zum Schmieren“ heraus. Der Band ist gleichsam ein Inventar der alltäglichen Korruption in Rumänien.

So geht aus dem „Lehrbuch“ hervor, dass die Patienten rumänischer Krankenhäuser Schmiergeld zahlen müssen, um angemessen behandelt zu werden. Pensionisten etwa, die in Rumänien zu den Ärmsten zählen, müssen 50 bis 100 Dollar (36 bis 72 Euro) für eine Operation zahlen. Dieser „niedrige“ Bestechungs-Tarif gilt allerdings ausschließlich für Ruheständler. Jüngere Rumänen müssen tiefer in die Tasche greifen. Die Operation eines Oberschenkelhalsbruchs etwa kostet 600 Dollar. Der Arzt bekommt davon rund die Hälfte. Die andere Hälfte wird unter dem Pflegepersonal aufgeteilt.

Für eine Geburt müssen Eltern in einem „billigeren“ Spital 150 Dollar berappen, in „besseren“ Hospitälern 300 bis 400 Dollar. Dies kommt allerdings noch immer günstiger als in einem Privatkrankenhaus, wo eine Geburt 2000 Dollar und mehr ausmacht. Dafür muss ein Mediziner, der eine gute Stelle erhalten will, zwischen 1300 und 4000 Dollar springen lassen.


„Geschenke“ für die Lehrer

Auch im rumänischen Bildungswesen gehört die Korruption zum Alltag. Laut einer Erhebung, die von der internationalen Soros Stiftung in Auftrag gegeben wurde, wurden nicht weniger als 22 Prozent der befragten Studenten von ihren Professoren um eine „Gefälligkeit“ gebeten. Letztlich machten 13 Prozent der Studiosi ihren Lehrern Geschenke. Besonders intensiv soll die Korruption laut „Lehrbuch zum Schmieren“ an der Medizinischen Universität der westrumänischen Stadt Timisoara (Temesvár) ausfallen. Fünf Prüfungen können hier um 1000 Dollar abgelegt werden.

Aber auch Lehrer müssen Handgeld bezahlen: Für eine Stelle in der Stadt statt auf dem Land muss man der rumänischen Lehraufsichtsbehörde 1000 Dollar hinblättern.


Geld erspart Militärdienst

Mit der Zahlung von Bestechungsgeld kann in Rumänien auch dem Militärdienst entgangen werden. Hierzu müssen 300 bis 800 Dollar auf den Tisch gelegt werden. Im „Lehrbuch“ wird aber auch von einem Fall berichtet, bei dem 120 Dollar Schmiermittel und ein edler Marken-Whisky zum Ziel führten.

Von der Korruption nicht ausgenommen ist auch die rumänische Polizei. Bei Tempoüberschreitung oder Alkohol am Steuer streifen die Ordnungshüter in der Regel zehn bis 50 Euro Schweigegeld ein. Verursacht jemand alkoholisiert einen Verkehrsunfall ohne Verletzte, kann er sich mit rund 250 Dollar aus der Affäre ziehen. Der Durchschnittslohn liegt in Rumänien bei rund 300 Dollar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2007)

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