Gegen „Pokémon Go“ ist Bitcoin doch harmlos

Das beliebte Smartphone-Spiel soll in den USA Hunderte Tote und einen Milliardenschaden zu verantworten haben.

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Pokémon Go – (c) Clemens Fabry

Nicht alle technologischen Errungenschaften kreieren in ihrem Hype so viel Wert wie derzeit Bitcoin. Die mediale Hysterie, die heuer um Kryptowährungen entstanden ist, galt im Vorjahr trivialeren Dingen wie „Pokémon Go“.

Falls Sie sich nicht mehr erinnern: „Pokémon Go“ war das Smartphone-Spiel, bei dem Nutzer mit ihren Handys in der realen Welt herumlaufen mussten, um kleine, virtuelle Monster zu fangen. 500 Millionen Mal wurde das Spiel allein in den ersten beiden Monaten heruntergeladen. Der geschätzte Tagesumsatz lag damals bei 18 Millionen US-Dollar. Für den japanischen Videospielhersteller Nintendo bereitete „Pokémon Go“ den Weg für sein lang ersehntes Comeback. Für den Rest der Welt war das Spiel mit hohem Suchtfaktor jedoch ein finanzielles Desaster.

Das behaupten zumindest die beiden US-Ökonomen Mara Faccio und John J. McConnell von der Krannert School of Management an der Purdue University. Denn in ihrer Gier, immer mehr Zeichentrickmonster auf ihren Handys zu bunkern, haben sich viele Menschen einfach ins Auto gesetzt, um in kürzester Zeit an möglichst viele Pokestops zu kommen, wo virtuelles Zubehör für das Spiel zu holen war.

Die „Belohnung vor Augen“, seien die Spieler immer risikofreudiger und unvorsichtiger geworden, schreiben die Autoren in ihrer Studie „Death by ,Pokémon Go‘“, – und hätten dabei eine Menge zusätzlicher Verkehrsunfälle verursacht. Anhand von 12.000 Polizeiprotokollen untersuchten die Ökonomen die Auswirkungen in Tippecanoe County, Indiana, besonders genau. Das Ergebnis: In den ersten 148 Tagen nach Erscheinen des Spiels stieg die Zahl der Unfälle an Kreuzungen, die häufig von „Pokémon“-Spielern frequentiert werden mussten, um 28 Prozent. Die Zahl der Verletzen und Toten stieg deutlich.

Eigentlich hatten die Entwickler Sicherungen eingebaut, damit die Spieler nicht während des Autofahrens weiterspielen können. Doch die Nutzer fanden immer wieder einen Weg, um die GPS-Ortung des Programms auszutricksen.

Hochgerechnet auf die Vereinigten Staaten hieße das Ergebnis, dass „Pokémon Go“ 29.370 Verletzte, 256 zusätzliche Tote und eine gesamte Schadenssumme von zwei bis 7,5 Milliarden US-Dollar (je nachdem, wie hoch die Ökonomen den „Wert“ des Lebens ansetzten) auf dem Gewissen hat. Zudem verteuert die höhere Anzahl der Unfälle auch die Autoversicherung für jeden US-Bürger um geschätzte 9,86 Dollar pro Jahr.

Angesichts der Bilanz klingt auch ein verspäteter Einstieg in die Bitcoin-Blase relativ harmlos – gibt es hier doch schließlich „nur“ Geld zu verlieren. Nur eine Bitte: Kaufen Sie ihre Bitcoins lieber nicht beim Autofahren.

matthias.auer@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2017)

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