"Lidl-Protokolle": Systematische Überwachung und Toilettenverbot

Big Brother beim Diskonter: Ein mehrere hundert Seiten umfassender interner Lidl-Bericht zeigt: Angestellte wurden abgehört, intime Details wie Toilettenbesuche protokolliert - oder sogar verboten.

(c) AP (Joerg Sarbach)

Der Lebensmitteldiscounter Lidl soll Beschäftigte in zahlreichen Filialen systematisch überwacht haben. Nach Informationen des Magazins "stern" wurde über zahlreiche Überwachungskameras registriert, wann und wie häufig Mitarbeiter auf die Toilette gehen, wer mit wem möglicherweise ein Liebesverhältnis hat und wer nach Ansicht der Überwacher unfähig ist oder einfach nur "introvertiert und naiv wirkt". Aufgeführt wurde demnach auch, ob Mitarbeiter des Unternehmens tätowiert waren. Das Magazin beruft sich auf interne Lidl-Protokolle.

Die Überwacher gingen "stern" zufolge immer nach dem gleichen Muster vor. Am Montag installierten von Lidl beauftragte Detektive in der jeweiligen Filiale zwischen fünf und zehn Mini-Kameras. Den Filialleitern wurde mitgeteilt, es gehe darum, Ladendiebe aufzuspüren.

Nur Stirnband-Trägerinnen durften auf Toilette

Ein geschilderter Fall aus Tschechien ist besonders erschreckend. Mitarbeiterinnen wurde dort verboten, während der Arbeitszeit auf die Toilette zu gehen", berichtet der "stern": "Ausnahme: Weibliche Mitarbeiter, die gerade ihre Tage haben, dürfen demnach auch zwischendurch auf die Toilette gehen. Für dieses Privileg allerdings sollen sie - weithin sichtbar - ein Stirnband tragen."

Zitiert: Aus den Protokollen

"Spiegel Online" zitiert aus den Protokollen: "Mittwoch, 16.45 Uhr: Obwohl Frau N. bis jetzt im Bereich Non-Food/Aktionsware immer noch nicht allzu viel geschafft hat, macht sie pünktlich ihre Pause. Sie sitzt zusammen mit Frau L. im Pausenraum; die Kräfte unterhalten sich über Gehälter, Zuschläge und bezahlte Überstunden. Frau N. hofft ebenfalls, dass ihr Gehalt bereits heute gutgeschrieben wurde, da sie für heute Abend dringend Geld benötigt (Grund = ?)".

Oder: "Mittwoch, 14.05 Uhr: Frau M. möchte in ihrer Pause ein Telefonat mit ihrem Handy führen, es erfolgt die automatische Ansage, dass das Guthaben auf ihrem Prepaid-Handy nur noch 85 Cent beträgt. Schließlich erreicht sie telefonisch eine Freundin, mit welcher sie heute Abend gerne gemeinsam kochen würde, dieses setzt aber voraus, so Frau M., dass ihr Gehalt bereits gutgeschrieben wurde, da sie ansonsten kein Geld mehr hätte, um einzukaufen."

Lidl bestreitet Existenz der Protokolle nicht

Das Unternehmen mit Sitz in Neckarsulm bestreitet die Existenz der Protokolle nicht. Sie dienten aber nicht der Mitarbeiterüberwachung, sondern der Feststellung eventuellen Fehlverhaltens, erklärte eine Lidl-Sprecherin.

Lidl hat eingeräumt, dass in einzelnen Filialen Mitarbeiter möglicherweise mit Überwachungskameras bespitzelt wurden. "Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass es dazu Aufträge gegeben hat", sagt das Mitglied der Lidl-Geschäftsführung, Jürgen Kisseberth. "Das war aber nicht der Auftrag der Geschäftsleitung." Die zwei Detekteien hätten den Auftrag gehabt, über Kameraanlagen vor allem Diebstähle von Kunden aufzudecken.

Die meisten Überwachungsberichte sollen aus Lidl-Filialen in Niedersachsen, Rheinland- Pfalz, Berlin und Schleswig-Holstein kommen.

Nur wenige Betriebsräte bei Lidl

Der Gewerkschafter forderte die Mitarbeiter auf, gegen die Zustände vorzugehen und Betriebsräte zu wählen. "Die Mitarbeiter werden eingeschüchtert und verängstigt. Es gibt so gut wie keine Betriebsräte bei Lidl", erklärte Franke.

Die Datenschützer für den nicht-öffentlichen Bereich in Baden-Württemberg werden nach Angaben des Innenministeriums dem Fall jedoch nachgehen. "Der Sachverhalt muss aufgeklärt werden", betonte eine Ministeriumssprecherin.

"Rechtsstaat wird mit Füssen getreten"

Der Verdi-Handelsexperte Achim Neumann sagte dem Mitteldeutschen Rundfunk, was Lidl gemacht habe, dürfe man nicht hinnehmen. "Wenn Unternehmen den Rechtsstaat mit Füßen treten, dann müssen sie weg." Er bekräftigte das Ziel, bei Verdi Betriebsräte durchzusetzen. Dann würden "solche Schweinereien" nicht mehr passieren. (Ag./red)

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