Österreich importiert so viel Strom wie nie zuvor

2014 wird der Vorjahresrekord deutlich übertroffen werden. Die zunehmende Abhängigkeit bereitet dem Netzbetreiber aber Sorgen.

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Wien. Im Selbstbild der Österreicher ist die Republik ein großer Stromproduzent. Dank der vielen Wasserkraft sei das Land reichlich mit Elektrizität versorgt, so die landläufige Meinung. Von den Fakten wird dieses Bild jedoch längst nicht mehr gedeckt. So muss bereits seit einigen Jahren der heimische Bedarf mit Importen gedeckt werden. Und heuer wird es dabei einen neuen Rekord geben, wie Zahlen des Übertragungsnetzbetreibers APG zeigen.

Per Mitte November wurden hierzulande nämlich bereits knapp 10.000 Gigawattstunden Strom importiert, der Rekord aus dem Vorjahr mit 10.152 Gigawattstunden also nahezu eingestellt. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr dürften die Importe heuer somit zwischen 11.000 und 12.000 Gigawattstunden betragen. Dies entspricht einer Importquote von rund 20 Prozent – um gut fünf Prozentpunkte mehr als im Vorjahr (siehe Grafik).

Grund für diesen rasanten Anstieg der Importe ist aber nicht der Verbrauch, dieser liegt hierzulande relativ konstant bei etwa 60.000 Gigawattstunden im Jahr. Grund dafür ist vielmehr, dass immer mehr österreichische Kraftwerke aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit vom Netz genommen werden. Betroffen davon sind vornehmlich thermische Anlagen wie Gaskraftwerke.

Diese leiden besonders daran, dass der geförderte Ökostrom vor allem in Deutschland immer häufiger den Marktpreis an den Strombörsen so weit senkt, dass thermische Kraftwerke nur mehr mit Verlust betrieben werden können. Die Folge ist, dass auch heimische Anlagen abgedreht werden, weil es für die Produzenten günstiger kommt, deutschen Strom zu importieren. Wie enorm diese Entwicklung zum Teil bereits ist, zeigt ein Blick auf den 10.März dieses Jahres. An diesem Tag stammten um die Mittagszeit bereits zwei Drittel des gesamten hierzulande verbrauchten Stroms aus Deutschland.

 

Netzbetreiber muss eingreifen

Auf den ersten Blick scheint diese Entwicklung positiv zu sein, da ja deutscher Ökostrom anstatt heimischer Elektrizität aus fossiler Energie verbraucht wird. Bei der APG werden aber trotzdem die Sorgenfalten immer größer, da die zunehmenden Importe auch eine größere Volatilität im Netz bedeuten. Heuer im Sommer musste wegen dieser erstmals auf vorgehaltene thermische Kapazitäten der Energieversorger zurückgegriffen werden, um das Netz zu stabilisieren.

Bisher kostete diese Maßnahme „nur“ ein paar hunderttausend Euro, künftig könnte sie aber empfindlich teurer werden. Denn immer mehr thermische Kraftwerke werden von den Versorgern aufgrund der wirtschaftlichen Lage geschlossen oder eingemottet und auf diese Weise zumindest für längere Zeit vom Netz genommen. So kündigte etwa der Verbund heuer im Sommer an, drei der vier thermischen Kraftwerke in Österreich vom Netz zu nehmen. Und auch die oberösterreichische Energie AG überlegt bereits seit Längerem, ob sie ihr Kraftwerk in Timelkam weiter betreiben soll.

Doch gerade diese thermischen Kraftwerken sind aufgrund ihrer schnellen Einsatzbereitschaft und ihrer Regelbarkeit notwendige Stützen für einen zuverlässigen Netzbetrieb, sagt APG-Vorstand Ulrike Baumgartner-Gabitzer. „Wir hätten daher gern eine Regelung wie in Deutschland, wonach Kraftwerke nur nach Rücksprache mit dem Regulator und dem Netzbetreiber geschlossen werden können.“ Bleibt ein unwirtschaftliches Kraftwerk aus Sicherheitsgründen weiter am Netz, müssten dann allerdings die Stromkunden über die Netzgebühren dafür aufkommen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2014)

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