Arbeit als Schlüssel zur Integration

Fünf Jahre dauert es durchschnittlich, bis 50 Prozent der Flüchtlinge einen Job finden. Nach zehn Jahren sind es 80 Prozent. Das zeigen die Erfahrungen aus der Vergangenheit.

In den Neunzigerjahren flüchteten zehntausende Menschen aus Bosnien nach Österreich − viele von ihnen konnten sich integrieren.
In den Neunzigerjahren flüchteten zehntausende Menschen aus Bosnien nach Österreich − viele von ihnen konnten sich integrieren.
In den Neunzigerjahren flüchteten zehntausende Menschen aus Bosnien nach Österreich − viele von ihnen konnten sich integrieren. – (c) Michaela Bruckberger

Neben der Sprache ist die Arbeit ein wichtiger Baustein für eine gelungene Integration. Doch wie können Flüchtlinge jetzt einen Job finden? Schließlich ist die Ausgangslage in Österreich nicht besonders gut. Während in Deutschland die Arbeitslosigkeit auf den niedrigsten Stand seit 1991 gefallen ist, steigt sie in Österreich kontinuierlich. Zuletzt suchten 385.585 Menschen einen Job. Bis Jahresende dürfte die Zahl auf eine halbe Million steigen.

Gleichzeitig werden heuer 80.000 Flüchtlinge in Österreich einen Asylantrag anstellen. Davon dürfte die Hälfte einen positiven Bescheid bekommen. Der Zustrom wird 2016 weitergehen. Viele Asylwerber sind nicht besonders gut ausgebildet. Das Arbeitsmarktservice betreute zuletzt 17.897 Personen mit Asylstatus und subsidiär Schutzberechtigte. Davon haben 75 Prozent der Syrer und 93 Prozent der Afghanen nur einen Pflichtschulabschluss. Sieben Prozent der Syrer sind Akademiker. Die „Presse am Sonntag“ hat analysiert, wie Österreich hier in der Vergangenheit vorgegangen ist.

Unkonventionelle Maßnahmen. Während des Jugoslawien-Krieges in den 90er-Jahren flohen 115.000 Menschen nach Österreich. Davon stammten 90.000 Personen aus Bosnien und Herzegowina. Hätten alle um Asyl angesucht, wären die Behörden überfordert gewesen. Denn die Prüfung eines Asylantrags dauert Monate. Daher griff die Regierung zu unkonventionellen Maßnahmen. Die Vertriebenen erhielten den Status von „De-facto-Flüchtlingen“ mit einem vorübergehenden Aufenthaltsrecht. Die Befristung wurde immer wieder verlängert, weil der Krieg andauerte. Jene Flüchtlinge, die über bestimmte Voraussetzungen, wie eine Beschäftigungsbewilligung, verfügten, mussten nach Ende des Krieges nicht in ihre Heimat zurück.

Von den 90.000 Bosniern sind 60.000 geblieben. „Ähnlich wie heute war zu Beginn des Bosnien-Krieges die konjunkturelle Lage in Österreich nicht besonders gut“, sagt Arbeitsmarktexperte August Gächter vom Zentrum für Soziale Innovation (ZSI). Nach einer gewissen Zeit konnten die Flüchtlinge im Zuge des „Ersatzkraftverfahrens“ arbeiten. Demnach durften Firmen einen Job nur an einen Bosnier vergeben, wenn sie dafür keinen Österreicher gefunden hatten. Laut Gächter waren die Bosnier häufig handwerklich ausgebildet. Daher starteten viele Gemeinden Arbeitsprojekte für Bosnier– so wurden zum Beispiel Schulgebäude renoviert. Das waren Notlösungen.

Bis Flüchtlinge auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß fassen, braucht es „sehr viel Geduld“, sagt Gächter. Für die Bosnier liegen dazu keine Zahlen vor. Sehr wohl aber für die Flüchtlinge aus Tschetschenien. Denn mittlerweile hat die Statistik Austria ihre Erhebungsmethoden geändert. Laut Gächter seien Tschetschenen von der beruflichen Qualifikation in etwa mit Syrern vergleichbar. Seit 2002 gab es in Österreich verstärkt Asylanträge aus Russland, davon waren die meisten aus Tschetschenien.

Im Zeitraum 2004 bis 2006 übten nur 16 Prozent der in Österreich lebenden Tschetschenen eine Erwerbstätigkeit aus. In den Jahren 2008 bis 2010 kletterte der Anteil auf 45 Prozent (siehe Grafik). Schlimmer sieht die Situation bei Tschetschenen mit einer Pflichtschulausbildung aus. Von diesen hatten 2004 bis 2006 erst zwölf Prozent einen Job. In den Jahren 2008 bis 2010 waren es 23 Prozent.

Integration kostet viel Geld. Laut Gächter dauert es durchschnittlich fünf Jahre, bis 50 Prozent der Flüchtlinge einen Job finden. Nach zehn Jahren seien es 80 Prozent. Auch wenn man den Arbeitsmarkt sofort für Asylwerber öffnet, „darf man sich keine Wunder erhoffen“, so Gächter. Denn bei einer sofortigen Öffnung bestehe die Gefahr, dass Flüchtlinge in niedrig qualifizierte Jobs gedrängt werden.

Eine vernünftige Integration kann laut Gächter nur gelingen, wenn Flüchtlinge in den ersten Jahren viel Zeit für den Erwerb von Sprachkenntnissen sowie die Anerkennung ihrer Ausbildung und einer allfälligen berufliche Fort- und Weiterbildung verwenden können. Doch das kostet Geld. Anders als Deutschland setzt Österreich hier den Sparstift an. In Deutschland werden heuer 800.000 Asylwerber erwartet. Dies verursacht Zusatzkosten von zehn Milliarden Euro. Österreich will bei 80.000 Flüchtlingen mit 420 Millionen Euro auskommen. Davon soll das Arbeitsmarktservice 70 Millionen Euro bekommen. Beim Wiener AMS läuft ein Pilotprojekt, bei dem die berufliche Qualifikation von 1000 Flüchtlingen festgestellt wird. Das ist zu wenig. Denn beim Wiener AMS sind 12.000 Flüchtlinge vorgemerkt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2015)

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