VW schlägt europäischen Bund für Batteriezell-Produktion vor

Die Produktion von Batteriezellen für Elektroautos sei eines der großen Wachstumsfelder der nächsten Jahrzehnte und dürfte den asiatischen Lieferanten nicht überlassen werden, heißt es bei VW.

Volkswagen entfacht die Debatte über eine Fertigung von Batteriezellen für Elektroautos in Europa neu. Angesichts der gewaltigen Investitionen in die Elektromobilität schlagen die Wolfsburger vor, die Kräfte in Europa zu bündeln. Dadurch sollen den dominierenden asiatischen Lieferanten die Grenzen aufgezeigt werden. "Aus meiner Sicht wäre es wünschenswert, dass sich die deutsche und europäische Industrie an der Stelle stärker engagiert", sagte VW-Markenchef Herbert Diess der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch in einem Interview auf der Automesse IAA in Frankfurt. Auf offene Ohren stößt er damit beim Branchenverband VDA und dem Stuttgarter Autobauer Daimler. Beide schlossen eine heimische Batteriezellenproduktion mit Blick auf die gerade noch in der Forschung steckende nächste Zellgeneration nicht aus.

Diess sagte, die Produktion von Batteriezellen für Elektroautos sei eines der großen Wachstumsfelder der nächsten Jahrzehnte und dürfte den asiatischen Lieferanten nicht überlassen werden. "Es wird kaum Felder geben, wo man schneller wachsen kann, wenn man kompetent ist, Industrieanlagen zu bauen." Der Markenchef ließ offen, ob Volkswagen sich selbst an einer Batteriezellproduktion beteiligen würde. Er sagte, für die erste Phase, in der die Elektromobilität hochgefahren werde, sei VW dank langfristiger Verträge seiner Lieferanten aus Südkorea ausreichend mit Batteriezellen versorgt. "Aber ich fände es gut, wenn der Wettbewerb zunehmen und ein europäisches Konsortium entstehen würde." Die bislang üblichen Lithium-Ionen-Zellen gelten als zu schwer und teuer, um der Elektromobilität zum Durchbruch zu verhelfen. Leistungsfähigere Batterien zu deutlich niedrigeren Kosten stehen voraussichtlich erst Anfang des kommenden Jahrzehnts zur Verfügung.

VDA-Präsident Matthias Wissmann und Daimler-Chef Dieter Zetsche machten eine heimische Batteriezellenproduktion von der technologieschen Entwicklung abhängig. "Wer danach ruft, Commodities, die es schon gibt, in Europa zu wesentlich höheren Energiekosten zu produzieren, findet dazu keinen spontanen Zuspruch", sagte Wissmann. Die Frage stelle sich aber neu, wenn auf die Lithium-Ionen-Zellen solche mit Lithium-Luft, Lithium-Schwefel oder Festkörperchemie folgten. "Wenn es ein solches Konzept gibt und unsere großen Forschungsanstrengungen dazu führen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Hersteller und Zulieferer einzeln oder zusammen ein solches Konzept realisieren." Auch der Autobauer Daimler, der die eigene Zellproduktion vor zwei Jahren mangels Konkurrenzfähigkeit gegenüber den Asiaten einstellte, denkt vorsichtig über einen Neustart nach. "Wenn ein Durchbruch gelingt in unserem Haus oder woanders, ... kann es sein, dass es ein neues Spiel gibt, wo wir Chancen haben, eine Wettbewerbsposition aufzubauen", sagte Zetsche. Der weltweit größte Autozulieferer Bosch will bis Anfang nächsten Jahres entscheiden, ob er eine milliardenschwere Investition in die Zellproduktion wagt.

 

Elektro-Offensive

Der VW-Konzern mit seinen zwölf Marken hat angekündigt, die Investitionen in die Elektromobilität in den nächsten Jahren massiv zu erhöhen. Bis 2030 wollen die Wolfsburger mehr als 20 Milliarden Euro ausgeben, doppelt soviel wie bisher geplant. Bis 2025 sollen 80 neue Elektromodelle an den Start gehen, darunter rund 50 rein batteriebetriebene Fahrzeuge und 30 Plug-in-Hybride. Allein auf die Hauptmarke VW entfallen davon 23 reine Batterie-Modelle. Auch die Rivalen Daimler und BMW ergreifen angesichts der Dieselkrise und drohender Fahrverbote die Flucht nach vorne und wollen ihr Angebot an E-Mobilen in den nächsten Jahren deutlich ausweiten.

Um den enormen Bedarf an Batterien für die steigende Zahl an Elektroautos zu decken, müssen die Kapazitäten in den nächsten Jahren weltweit drastisch ausgeweitet werden. Allein Volkswagen geht davon aus, dass für seine Elektromodelle mindestens vier "Gigafabriken" für Batteriezellen nötig sein werden. Um das zu schultern, sucht der Konzern Partner in Europa, China und Nordamerika.

 

"Dürfen nicht viele Fehler machen"

Volkswagen will im Motorenwerk Salzgitter vom kommenden Jahr an die Produktion von Batteriezellen und Modulen erproben - zunächst in kleinen Stückzahlen unter Laborbedingungen, später dann auf einer Pilotanlage. Damit wollen die Niedersachsen Erfahrungen sammeln, um später zu entscheiden, ob sie selbst in die Fertigung großer Stückzahlen einsteigen. Konzernchef Matthias Müller will erreichen, dass die Batterietechnologie zu einer Kernkompetenz von VW wird. Bisher bezieht Volkswagen seine Batterien, etwa für den E-Golf, vom koreanischen Hersteller Samsung.

Diess machte klar, dass VW trotz der hohen Investitionen in die Elektromobilität an seinen langfristigen Renditezielen festhalte. Bis 2020 plant die Marke mit dem VW-Logo eine operative Marge von mindestens vier Prozent. "Damit generieren wir gerade genug Cash, um die Investitionen zu schultern, haben aber noch sehr wenig Spielraum, sagte der frühere BMW-Manager. "Wir dürfen nicht viele Fehler machen." Auch das Ziel einer Rendite von sechs Prozent für 2025 bleibe unverändert. "Es gibt auch keinen Grund, von dem abzulassen."

(Reuters)

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