Welthandel: China erhört das Flehen des IWF

Der Währungsfonds sieht kräftiges Wachstum voraus, warnt aber vor Verheerungen durch den Protektionismus. Peking hebt für fremde Autobauer den Zwang zu Joint Ventures auf.

(c) APA/AFP/JOHANNES EISELE

Wien/Washington. Die Weltwirtschaft darf vorerst weiter kräftig wachsen – wenn die Politik ihr keine Prügel in den Weg wirft. Das ist der Kern der Botschaft, die hinter der Frühjahrsprognose des Internationalen Währungsfonds steckt. Der IWF sieht die nähere Zukunft so optimistisch wie im Jänner, erhöht zudem leicht die Aussicht für die Eurozone und die USA. Die Erwartungen für Österreich verbessern sich sogar ganz kräftig. Aber Christine Lagarde und ihre Truppe warnen zugleich eindringlich vor den Gefahren, die ein voll ausbrechender Handelskrieg für die Weltwirtschaft mit sich brächte.

Greift der Protektionismus um sich, könnte er viel mehr zerstören als die aktuell noch schwungvolle Konjunktur. Das „regelbasierte System der gemeinsamen Verantwortung“ im Welthandel zerreißen zu lassen wäre ein „unentschuldbares Politversagen“, warnte die IWF-Chefin schon im Vorfeld. Dass sich der Handelsstreit zwischen Amerika und China zuspitzt, bereitet Kopfzerbrechen – nicht, weil die angedrohten Strafzölle unmittelbar das Wachstum abwürgen, sondern, weil sie das Vertrauen in die Zukunft unterminieren.

 

„50:50-Regel“ fällt bis 2022

Als hätte die chinesische Führung den inbrünstigen Appell erhörte, setzte sie am Dienstag einen historischen Schritt: Überraschend schnell fällt nun der Zwang für ausländische Auto-, Schiff- und Flugzeugbauer, sich die Produktion vor Ort mit einem chinesischen Partner teilen zu müssen. Das klingt freilich auch nach einem Erfolg der aggressiven Drohgebärden von US-Präsident Donald Trump. Seit 1994 hat die „50:50-Regel“ bestanden; die US-Regierung sieht sie als Werkzeug, um Know-how von westlichen Herstellern abzusaugen. Nun läuft sie innerhalb von vier Jahren aus, für Elektroautos schon heuer. Aber die Sektkorken knallen weniger in Detroit als in Wolfsburg, München und Stuttgart. Es sind vor allem die deutschen Autohersteller, für die China schon längst zum wichtigsten Absatzmarkt aufgestiegen ist. Waren die Partner anfangs noch hilfreich, um Fuß zu fassen und die Wünsche der chinesischen Endkunden zu verstehen, ist der Joint-Venture-Zwang heute nur noch eine Bürde. Wenn sich die Ausländer bald freikaufen, erhöhen sich ihre Gewinne und sie können flexibler agieren. Wie stark sie die Option nutzen, hängt auch von bestehenden Verträgen ab.

Für die chinesischen Hersteller – mit so sperrigen Kürzeln wie Saic, Baic, BYD und FAW – wächst jedenfalls der Druck, selbst starke regionale Marken aufzubauen. Aus ihren Partnern, von denen sie vieles gelernt haben und von deren Erfolg sie profitieren, werden künftig immer mehr Konkurrenten. Aber die Lockerung ist auch ein Zeichen für wachsendes Selbstbewusstsein: Die Führung in Peking hält die heimische Industrie für stark genug, im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.

 

Globaler Schuldenberg steigt

Noch ein positives Signal kam aus Peking: Das Wachstum im ersten Quartal fiel stärker aus als erwartet. Dass die offiziellen 6,8 Prozent plus stimmen, kann man nur hoffen. Auf jeden Fall ist die Botschaft nicht unplausibel: Die Treiber des Wachstums sind vor allem der Inlandskonsum und der Immobilienboom. Damit ist die zweitgrößte Volkswirtschaft weniger von Exporterfolgen und den Launen des US-Präsidenten abhängig. Was der langfristigen Entwicklung entspricht: Vor zwölf Jahren machten Ausfuhren noch 37 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, 2016 fiel der Anteil unter 20 Prozent (wovon ein Fünftel in die USA geht). Da die Chinesen selbst mehr konsumieren, führen sie auch mehr Waren ein. Das reduziert ihren globalen Handelsüberschuss. Davon profitiert Europa, nicht aber Amerika: Allen Drohungen zum Trotz erhöht sich das US-Defizit im Handel mit China weiter.

Freilich sind die Querelen um Strafzölle nicht die einzigen Sorgen, die sich die IWF-Ökonomen machen: Der globale Schuldenberg ist auf einen Rekordstand von 164 Billionen Dollar angestiegen – um 40 Prozent mehr als vor der Krise. Das Dach müsse man reparieren, solang die Sonne scheint. Auch dieser Appell richtet sich an Peking: Mehr als die Hälfte des Anstiegs kommt aus China. (gau)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2018)

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