Offiziell: Christian Kern wird neuer ÖBB-Chef

Der Aufsichtrat hat Christian Kern zum neuen Chef der ÖBB-Holding gekürt. Er tritt seine Stelle am 7. Juni an und folgt Peter Klugar nach, dessen Vertrag mit Ende 2010 ausläuft. Die ÖVP kritisiert die Entscheidung

Christian Kern neuer oeBBChef
Christian Kern neuer oeBBChef
(c) APA/VERBUND/PETRA SPIOLA (VERBUND/PETRA SPIOLA)

Nach gut vier Stunden Tagung hat der Aufsichtsrat der ÖBB einen neuen Holding-Chef gekürt. Christian Kern, derzeit Verbund-Vorstand folgt noch-ÖBB-Boss Peter Klugar nach. Dieser hatte vergangene Woche bekanntgegeben, sich nicht mehr für eine weitere Periode als Vorstandssprecher der Bahn-Holding zu bewerben. Kern wird die neue Stelle am 7. Juni antreten.

Kern will die ÖBB aus der tagespolitischen Diskussion bringen. "Mein Ziel ist es, dass die Österreicherinnen und Österreicher wieder stolz auf ihre Bahn sind", sagte der designierte Bahn-Boss.

Ansehen der Eisenbahner heben

"Es handelt sich um eine außerordentliche Herausforderung. Die ÖBB sind einer der Leitbetriebe der österreichischen Wirtschaft und haben als Konjunkturmotor Bedeutung für die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft", so der designierte Bahnchef Christian Kern. "Unternehmen und Mitarbeiter haben heute nicht das Ansehen, das wir brauchen und auch verdienen."

Kern legt sein Vorstandsmandat beim Verbund mit Wirkung vom 6. Juni zurück. Sein Vertrag bei dem Energieunternehmen wäre noch bis Ende 2011 gelaufen. Der 44-jährige Wiener galt als Wunschkandidat der SPÖ.

Klugar wird Kern einschulen

Klugars Vertrag läuft noch bis Ende 2010. Er werde mit seinem Nachfolger einen "sinnvollen Übergang im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat" vereinbaren, sagte er heute im Ö1-Mittagsjournal des ORF-Radio. Sein Rücktritt sei freiwillig erfolgt, die Krankendatenaffäre sei bereinigt und spiele keine Rolle. "Ich muss nicht gehen, sondern ich werde gehen. Mein Vertrag läuft Ende des Jahres aus, ich bin über 60 Jahre", sagte der scheidende ÖBB-Boss, der sich von der Koalition eine "einheitliche Linie" in Sachen Bahn wünscht.

Nachfolger von Holding-Vorstand Gustav Poschalko wird wie erwartet der Geschäftsführer der ÖBB-Technische Services GmbH, Franz Seiser. Er tritt seine Aufgabe am 1. April 2010 an. Poschalko wechselt in den Aufsichtsrat der Rail Cargo Austria AG und der ÖBB-Personenverkehr AG.

ÖVP: "Haberzettel behält das Zepter"

Kritische Worte zur heutigen Personalentscheidung bei der Bahn kommen von der ÖVP. "Die heutigen Entscheidungen des ÖBB-Vorstandes geben leider Gottes keinerlei Anlass zu Optimismus, weil (Gewerkschaftschef) Haberzettel und Co. offenkundig weiterhin das Zepter bei den ÖBB in Händen halten", meint ÖVP-Verkehrssprecher Ferdinand Maier. Weiterhin gebe es einen Dreiervorstand, "ausgemacht und zugesagt" sei eine Verschlankung auf zwei Mitglieder gewesen. SPÖ-Ministerin Doris Bures sei "wortbrüchig" geworden, laut Maiers Meinung "auf Druck der Eisenbahnergewerkschafter".

Angesichts der Sparmaßnahmen der Ministerien sei diese Entscheidung "eine echte Chuzpe", kritisierte Maier. Der neue Vorstand der ÖBB gehe jedenfalls mit einem denkbar schweren Rucksack, den ihm die eigenen Parteifreunde umgehängt haben, in seine neue Aufgabe, schlussfolgert der ÖVP-Verkehrssprecher.

BZÖ für erfolgsabhängige Entlohnung

Das BZÖ fordert erfolgsabhängige Managerentlohnung: "Nach den schlechten Erfahrungen mit ihren Vorgängern, die Millionen verspekuliert haben, sollten die Managergehälter von Kern - der gleich 100.000 Euro mehr kassieren wird als sein Vorgänger - und Seiser nicht nur Erfolgs-Boni beinhalten, sondern auch Abzüge, wenn sie ähnlich schlecht wirtschaften", so BZÖ-Verkehrssprecher Christoph Hagen. Bei den ÖBB solle das "herrschende Chaos" endlich beendet werden und das Pensionsantrittsalter hinaufgesetzt werden. "Viele ÖBB-Bedienstete wollen noch gar nicht in den Ruhestand. Sie werden einfach vom ÖBB-Management abgeschoben", kritisiert er. Der "ehemalige SPÖ-Parteisoldat Kern" solle beweisen, dass seine Besetzung nicht nur der übliche Postenschacher sei.

Industrie begrüßt Kern

Positive Worte kommen hingegen von der Industriellenvereinigung (IV): Als "Chance, die es im Sinne des gesamten Industrie- und Arbeitsstandortes zu nutzen gilt" bezeichnete IV-Präsident Veit Sorger die personelle Neuaufstellung der Bundesbahnen. Kern habe sich beim Verbund als Manager "ein klares Profil erarbeitet, das ihn auf die neuen Herausforderungen zweifellos gut vorbereitet".

Sorger betonte, es gelte, "Infrastrukturausbau als Zukunftsinvestition zu verstehen, die strategisch anzulegen und mit dem notwendigen Commitment auch der Politik mittel- und langfristig umzusetzen ist". Dies komme - richtig gemacht - der Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft zugute. Der IV-Präsident würdigte auch den scheidenden ÖBB-Chef Peter Klugar, der das Unternehmen in schwierigen Zeiten geführt und für die Bahn wesentliche Fragen adressiert habe.

 

Verbund: Vorstand könnte schrumpfen

Die Verbund-Agenden von Christian Kern werden im Vorstand des börsenotierten Stromversorgers interimistisch von den übrigen drei Mitgliedern wahrgenommen. In der Folge werde der Aufsichtsrat die weitere Vorgangsweise im Zusammenhang mit dem Ausscheiden von Kern festlegen.

Auf Verbund-Eigentümerseite werden derzeit mehrere Varianten überlegt: Entweder bleibt der Vorstand dreiköpfig - Vorsitzender Wolfgang Anzengruber, Vize-Vorsitzender Johann Sereinig sowie Ulrike Baumgartner-Gabitzer -, oder er wird doch wieder auf vier aufgestockt. Von Anfang 2002 bis Ende 2006 hatte der Verbund-Vorstand auch nur aus drei Mitglieder bestanden. Kern ist in der Verbund-Chefetage seit 2007 für das internationale Geschäft des Konzerns zuständig.

(Ag)

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