Erdoğan im "Wirtschaftskrieg" mit Trump

In Ermangelung von Rezepten zur Lösung der Wirtschaftskrise in der Türkei macht die Regierung lieber fremde Mächte für den Währungsverfall verantwortlich. Ankara geht auf Distanz zu den USA – und will neue Allianzen im Osten schmieden.

Selbst Snacks sind für viele Türken teuer geworden: Verkäufer von gekochtem Mais in Istanbul.
Selbst Snacks sind für viele Türken teuer geworden: Verkäufer von gekochtem Mais in Istanbul.
Selbst Snacks sind für viele Türken teuer geworden: Verkäufer von gekochtem Mais in Istanbul. – Reuters

Ein Netzkabel für einen Computer? Der Elektrohändler blickt auf seine halbleeren Regale und hebt bedauernd die Hände. „Die habe ich nicht mehr nachbestellt, denn die kommen aus dem Ausland“, sagt er. „Ich habe sie bisher für 20 Lira verkauft, doch dafür bekomme ich sie jetzt selbst nicht mehr.“ Und nun? Der Händler zögert kurz, dann zieht er das Netzkabel aus seiner Registrierkasse und reicht es über den Tresen. Die Kasse, so impliziert er mit seiner Geste, werde er wohl nicht mehr lange brauchen.

Mit stummem Entsetzen sehen die Türken in diesen Tagen zu, wie ihr Geld, ihr Einkommen und ihr Erspartes vor ihren Augen wegschmilzt.

Die Szene, die sich vor wenigen Tagen in einem kleinen Elektroladen in Istanbul zutrug, erinnert an den Beginn der letzten großen Umwälzung in der Türkei. Ein Blumenhändler warf im April 2001 dem damaligen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit seine Registrierkasse vor die Füße, weil er ihn für den Kollaps der türkischen Wirtschaft und seinen Ruin verantwortlich machte. Die Geste war das Startsignal für Massenproteste, die eineinhalb Jahre später zur Revolution an der Wahlurne führten, mit der die AKP von Recep Tayyip Erdoğan die alte Garde der Türkischen Republik ablöste.

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("Die Presse am Sonntag", 12. August 2018)

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