"Grundeinkommen macht nicht faul"

In einem namibischen Dorf gibt es seit zwei Jahren ein bedingungsloses Grundeinkommen. Projektsprecher Herbert Jauch erklärt im Interview mit der "Presse", warum jetzt mehr Leute arbeiten.

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Wien. Vor acht Jahren schlug die namibische Steuerkommission vor, ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bewohner– unabhängig von Bedürftigkeit oder Arbeitswillen– einzuführen. Umgesetzt ist das noch nicht. Es gibt aber von kirchlichen und gewerkschaftlichen Organisationen finanzierte Pilotprojekte. „Die Presse“ sprach mit dem namibischen Gewerkschafter Herbert Jauch, der dieser Tage in Wien war, über ein Projekt im Dorf Otjivero.

 

„Die Presse“: Hat es nicht massiven Zuzug aus anderen Dörfern gegeben, als Sie in Otjivero ein Grundeinkommen eingeführt haben?

Herbert Jauch: Wir haben das Projekt begrenzt auf jene, die schon Ende 2007 da waren. Es hat trotzdem Zuzug gegeben: Verwandte haben ihre Kinder nach Otjivero geschickt. Jetzt leben in einem Haushalt zehn, elf Leute von einem Grundeinkommen für acht Personen. Das sind umgerechnet 800 Namibia-Dollar (80 Euro). Ziel ist aber ohnehin, das Grundeinkommen auf nationaler Ebene einzuführen.

 

Was soll das bringen?

Jauch: Ziel ist die Umverteilung: Namibia ist das Land mit der höchsten Einkommenskluft der Welt. Die Fragen waren allerdings, ob ein Grundeinkommen faul macht und ob es finanzierbar ist.

 

Macht ein Grundeinkommen faul?

Jauch: Nein. Die Leute in Namibia arbeiten nicht, weil es keine Arbeitsplätze gibt. Je ärmer ein Haushalt ist, desto geringer ist die Chance, Arbeit zu finden. Das Grundeinkommen kann über die erste Hürde helfen.

 

Wie das?

Jauch: Die örtliche Klinik etwa konnte ihre Einkünfte vervierfachen. Die Leute zahlen für eine Behandlung fünf namibische Dollar (50 Cent). Vorher konnten sich das viele nicht leisten. Kinder, die vorher nicht mehr zur Schule gegangen sind, bleiben jetzt dort. Sie hätten sonst später nie eine Chance auf einen Job gehabt.

 

Aber wieso soll ein Grundeinkommen Arbeitsanreize schaffen?

Jauch: Viele Leute können ein Geschäft aufbauen, weil plötzlich ein lokaler Markt da ist. Eine Frau, die früher bei einem Farmer gearbeitet hat, verkauft jetzt Brötchen. Ein Mann stellt Backstein her, mit dem die Leute ihre Häuser ausbessern können. Mit solchen Folgen haben wir nicht gerechnet. Dass das Grundeinkommen die Unterernährung reduzieren würde, war klar. Dass es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung führen würde, hat uns überrascht.

 

Sind die Löhne seither gestiegen?

Jauch: Nicht unbedingt. Aber die Leute haben die Möglichkeit zu sagen: „Zu diesen Bedingungen arbeite ich nicht.“ Das hat diese Frau getan, die als Haushälterin umgerechnet 30 Euro verdient hat. Mit Brotbacken verdient sie mehr.

 

Aber das Grundeinkommen beträgt umgerechnet nur zehn Euro pro Person. Das ist selbst für namibische Verhältnisse nicht viel...

Jauch: Das ist nicht viel, es reicht für zwölf Laib Brot oder zehn Liter Milch. Es reicht, um die schlimmste Armut zu beseitigen. Aber ein typischer namibischer Haushalt besteht aus ein bis zwei Erwachsenen und vier bis sechs abhängigen Personen, also Kindern oder alten Leuten. Meist haben die Haushalte nur ein Einkommen. Ein Haushalt mit acht Personen erhält jetzt 80 Euro Grundeinkommen. Damit sind sie nicht mehr so stark von dem einen Einkommen abhängig.

 

Klingt ja alles sehr schön. Aber wie kann man das finanzieren?

Jauch: Der höchste Satz bei der Einkommensteuer in Namibia liegt derzeit bei 34 Prozent. Er war einmal bei 37 Prozent, auf die könnte man ihn wieder anheben. Auch könnte man eine Steuer von den Minen und Fischereikonzernen im Land verlangen. Zudem gibt es Berechnungen, dass eine Verbesserung des Steuereinzugssystems viel verändern könnte. Die flächendeckende Einführung würde 5,5 Prozent des Budgets kosten. Das ist wirklich nicht viel.

 

Gibt es da nicht Widerstand?

Jauch: Natürlich, aber es ist eine Möglichkeit, wie Namibia seine Armut selbst bekämpfen kann. Angesichts des brutalen Apartheidsystems, das wir jahrzehntelang hatten, gibt es eigentlich wenig Gründe für das Argument, dass die Eliten zu sehr leiden könnten.

 

Fürchten Sie nicht Migrationsströme nach Namibia, wenn es ein Grundeinkommen gibt?

Jauch: Die Menschen im südlichen Afrika wandern ohnehin schon. Halb Simbabwe geht nach Südafrika. Es könnte aber in Sambia, Angola oder Südafrika Druck entstehen, auch dort ein Grundeinkommen einzuführen.

 

Aber zunächst gäbe es eine Zuwanderung in das namibische Sozialsystem...

Jauch: Wir haben überhaupt kein Sozialsystem. Wie schon gesagt: 50 Prozent der Menschen sind arbeitslos. Aber das Grundeinkommen verhindert die Migration aus den Dörfern, in denen die Jugendlichen jetzt keine Zukunft haben.

Auf einen Blick

In Namibia wird ein Grundeinkommen diskutiert: Jeder, ob arm oder reich, erwerbstätig oder nicht, würde dann zehn bis zwanzig Euro pro Monat erhalten. Herbert Jauch, Sprecher eines Pilotprojekts im Dorf Otjivero, war auf Einladung des „Netzwerks Grundeinkommen“ (dazu gehört etwa die Katholische Sozialakademie) in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2010)

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