Jobgipfel: „Schlechtes Deutsch – weniger Lohn“

Ökonomen sehen über 50-Jährige und schlecht Deutsch sprechende Migranten als Hauptproblemgruppen auf dem Arbeitsmarkt und schlagen hier Schwerpunktmaßnahmen vor.

THEMENBILD: ARBEITSLOSIGKEIT
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Der Arbeitsmarkt entspannt sich leicht – aber es gibt Problemgruppen. – (c) APA/DPA/JULIAN STRATENSCHULTE

Wien. Maßnahmen gegen die für eine Hochkonjunktur viel zu hohe Arbeitslosigkeit will die Regierung bei einem „Jobgipfel“ am kommenden Mittwoch überlegen. Der Thinktank Agenda Austria hat dafür eine Reihe von „Handlungsempfehlungen“ ausgearbeitet, die allerdings darauf hindeuten, dass es bei der Identifizierung der Hauptproblemgruppen noch divergierende Ansichten gibt: Während die Regierung den Schwerpunkt bei jugendlichen Arbeitslosen und Asylberechtigten ohne Job setzen will, sehen die Agenda-Ökonomen den größten Handlungsbedarf bei älteren Jobsuchenden und bei Migranten mit Sprachdefiziten allgemein.

Die Statistik spricht hier eine eindeutige Sprache: Zuletzt waren mehr als die Hälfte der Langzeitarbeitslosen über 50 Jahre alt, mehr als ein Drittel waren älter als 55. Und: Je älter, desto länger dauert die Arbeitssuche. Über 55-Jährige waren im Schnitt 207 Tage auf Arbeitssuche, über 60-Jährige sogar 356. Unter 25-Jährige hatten dagegen im Schnitt innerhalb von 62 Tagen einen neuen Job.

Überdurchschnittlich schwer tun sich auch Nichtösterreicher auf dem Arbeitsmarkt. Und zwar nicht nur Asylberechtigte: Mit 9,8 Prozent war die Arbeitslosenquote von Ausländern um mehr als 50 Prozent höher als die Gesamtarbeitslosenquote.

Bei Nichtösterreichern orten die Ökonomen der Agenda Austria die Hauptursache in Sprachdefiziten: Arbeitslose Ausländer weisen in überdurchschnittlichem Ausmaß nur rudimentäre Kenntnisse der deutschen Sprache auf. Und die Sprachdefizite haben auch direkte Auswirkungen auf das Einkommen: Wer schlecht Deutsch spricht, verdient im Schnitt um 4,6 Prozent weniger als ein gut Deutsch sprechender in gleicher Position. „Deutsch ist Geld“, resümieren die Agenda-Ökonomen – und empfehlen, mit einer Qualifizierungsoffensive hier anzusetzen.

Zur Lösung des Langzeit-Arbeitslosenproblems älterer Arbeitnehmer schlägt die Agenda Austria eine Umgestaltung der Kollektivverträge nach schwedischem Muster vor. Die Lohnstufen sollten sich künftig stärker an der Produktivität und weniger am Alter orientieren. Nicht nur Schweden, auch andere Länder hätten mit einer solchen Abschwächung des Senioritätsprinzips gute Erfahrungen bei der Bekämpfung der Altersarbeitslosigkeit gemacht. Die Lebensverdienstsummen sollten dabei nicht angetastet werden, wohl aber die Verteilung. Der Einkommenshöhepunkt sollte zwischen dem 40. und dem 50. Lebensjahr erreicht werden. Bei einem derartigen Modell steigen die Arbeitskosten bei älteren Arbeitnehmern nicht mehr an beziehungsweise flachen sich sogar ab. In Österreich ist es derzeit genau umgekehrt.

Generell schlagen die Ökonomen zur Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit eine Staffelung des Arbeitslosengeldes vor. Dieses sollte zu Beginn spürbar höher sein als jetzt, danach aber schrittweise absinken, um den Anreiz, rasch einen Job anzunehmen, zu erhöhen. Nach Auslaufen des Arbeitslosengeldes – und hier ist die Agenda Austria wieder voll auf Regierungslinie – sollte nicht mehr das „ewige Arbeitslosengeld“ Notstandshilfe stehen, sondern die bedarfsorientierte Mindestsicherung.

Dieser Punkt ist politisch allerdings heftig umstritten: Im Unterschied zur Notstandshilfe muss für die Inanspruchnahme der Mindestsicherung vorher das gesamte angesparte Vermögen aufgebraucht werden. Darunter fallen auch beispielsweise Eigentumswohnungen oder privat angesparte Pensions-Notgroschen.

 

AMS-Budget bleibt hoch

Die diskutierte Senkung des Budgets des Arbeitsmarktservice (AMS) kommt nun doch nicht. Am Wochenende wurde bekannt, dass sich die Regierung auf eine Auflösung der Arbeitsmarktrücklage geeinigt hat. Dem AMS stehen damit statt 1,05 nun mindestens 1,25 Mrd. Euro zur Verfügung. Im Vergleich zu 2018 bedeutet das mehr Mittel pro Arbeitslosem. (red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2018)

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