Westbahn-Chef: "Wir werden krass unterschätzt"

Wehinger will nach fünf Jahren profitabel sein. Den ÖBB werde es nicht gut gehen, so lange „so viele Kräfte an dem Unternehmen zerren“. ÖBB erhält für den Betrieb der unrentablen Strecken 600 Mio. Euro

(c) Michaela Bruckberger

Die Presse: Essen Sie gerne Rosinen?

Stefan Wehinger: Nein. Warum?

Weil Ihnen von vielen Seiten vorgeworfen wird, sich mit der Westbahn die einzige Rosine im heimischen Schienennetz herauszupicken.

Wir nehmen die Rosine auf, die die ÖBB selbst nicht aufnehmen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sie versuchen, das Beste zu machen, aber mit den derzeitigen Verträgen und Betriebsmitteln geht einfach nicht mehr. Daher braucht es den Wettbewerb, um den Markt neu aufzubauen. Das ist ähnlich wie im Telekombereich. Dort wartete man vor 25 Jahren sechs Monate auf einen Viertelanschluss. Durch Liberalisierung und Wettbewerb dauert das heute drei Minuten.

Sie fahren künftig auf der einzigen wirklich profitablen Strecke. Die ÖBB müssen auch das restliche Netz bedienen. Da ist es für Sie ja wesentlich einfacher, erfolgreich zu sein.

Die ÖBB erhalten für den Betrieb dieser unrentablen Strecken allerdings 600 Mio. Euro an gemeinwirtschaftlichen Leistungen pro Jahr. Wir müssen also dort beginnen, wo es am „einfachsten“ ist. Wir prüfen aber auch bereits andere Strecken in Österreich, wo wir künftig eventuell fahren.

Sie fordern jedoch ebenfalls staatliche Zuschüsse und klagen daher sogar die Republik.

Das ist so nicht richtig. Wir klagen darauf, dass der Wettbewerb erhalten bleibt. Also, dass die ÖBB entweder keine gemeinwirtschaftlichen Leistungen mehr auf jenen Strecken erhalten, auf denen wir auch fahren. Oder, dass wir dieselbe Leistung bekommen, die die ÖBB für den Transport der Pendler auf diesen Strecken erhalten.

Sie haben ja angekündigt, Ihre Tarife nach dem Halbpreis bei den ÖBB auszurichten. Wie werden Sie auf wahrscheinlich kommende Kampfpreise reagieren?

Wir werden jeden Preis halten, den die ÖBB auf den Markt bringen. Es wird auch bei uns Sonderangebote an den Wochenenden und Feiertagen geben. Das tut dem Markt gut. Wenn sich schlussendlich mehr Menschen fürs Bahnfahren interessieren, dann haben wir beide etwas davon. Ähnlich sieht das ja auch ÖBB-Chef Christian Kern.

Wann wollen Sie profitabel werden?

Wir rechnen damit, nach fünf Jahren operative Gewinne zu schreiben. Ich glaube, dass wir von vielen, die bereits lange in dem Markt tätig sind, krass unterschätzt werden. Nicht nur von den ÖBB, auch von Zulieferern oder den Behörden.

 

Wie beurteilen Sie eigentlich ÖBB-Chef Kern als neuen Widerpart?

Ich wünsche ihm viel Gesundheit und Kraft für die schwierige Aufgabe. Und ich wünsche ihm auch, dass er zehn bis 15 Jahre in dem Job bleiben kann und nicht vorher schon politisch abberufen wird. Denn nur so ist sichergestellt, dass sich bei den ÖBB mittelfristig etwas ändert. Die dauernden Wechsel im Management sind für das Unternehmen einfach nicht gut.

Sind die ÖBB grundsätzlich reformierbar?

Ich bin nicht mehr in der Position, das beurteilen zu können. Klar ist aber: Den ÖBB wird es nicht gut gehen, so lange so viele Kräfte von außen an diesem Unternehmen zerren. Und so lange die wirtschaftliche Wahrheit nicht akzeptiert wird: Das Land braucht einen öffentlichen Verkehr, der auch volkswirtschaftlich finanziert werden muss.

Ein bestimmender Faktor bei den ÖBB ist die Gewerkschaft. Eisenbahner sind ja immer gut gewerkschaftlich organisiert. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Bisher haben wir noch keine Eisenbahner eingestellt. Aber natürlich wird es auch bei uns einen Betriebsrat geben, der gewerkschaftlich organisiert sein wird.

 

Werden Sie mit dem mächtigen Gewerkschaftsboss Wilhelm Haberzettl auch zu tun haben?

Er war der Erste, den ich nach der Gründung des Unternehmens besucht habe, um ihm zuzusichern, dass wir uns an das österreichische Arbeitsrecht halten werden und keine ausländischen Billigarbeitskräfte verwenden wollen. Und ich glaube, dass hat er auch honoriert. Denn bisher hat er uns eher unterstützt als behindert.

 

Wird das so bleiben?

Das wird der Alltag zeigen, wenn wir dann erfolgreich auf dem Markt sind.

 

Woher werden Sie Ihre Mitarbeiter nehmen?

Es werden zum Teil Leute sein, die neu in diesen Job einsteigen. Es werden aber auch manche von den ÖBB zu uns wechseln. Wir haben ja schon viele Bewerbungen. Da sehen wir uns halt genau an, ob sie auch zu unserem „spirit“ passen. In Summe wollen wir 250 Mitarbeiter aufnehmen.

Sie meinten anfangs, dass Sie noch andere Strecken prüfen. Meinen Sie damit die Südbahn?

Zuerst müssen wir den Betrieb einmal auf der Westbahn gut umsetzen. Daher möchte ich nicht zu früh die Klappe aufreißen. Auf der Südbahn ist zur Zeit außerdem die Strecke zwischen Wien und Wr. Neustadt an ihrer Kapazitätsgrenze. Solange das nicht ausgebaut ist, wird es schwierig.

 

Muss weiter Richtung Graz auch der Semmeringtunnel gebaut sein?

Ohne Semmeringtunnel wird es nie einen vom breiten Massenmarkt akzeptierten Schienenverkehr auf der Südbahn geben.

Für den Ausbau der Strecken sind aber die ÖBB verantwortlich – und werden für die Schulden dann kritisiert. Ist das Ihrer Meinung nach fair?

Das ist total unfair, weil sie eine volkswirtschaftliche Leistung vollbringen. Das gilt auch für die Nebenstrecken. Dort kosten die ganzen Autos mit nur einem Insassen die Volkswirtschaft viel mehr als ein regelmäßiger Verkehr mit Pendlerzügen.

Zur Person

Stefan Wehinger gründete zusammen mit Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner 2008 die Rail Holding AG mit ihrer operativen Tochter Westbahn GmbH. Ab Dezember 2011 soll das Unternehmen den Fahrbetrieb auf der Westbahn zwischen Wien und Salzburg aufnehmen – als erster privater ÖBB-Konkurrent im Fernverkehr.

Bei den ÖBB war Wehinger zwischen 2004 und 2008 als Vorstand für den Fernverkehr in der Personenverkehrstochter zuständig. Zuvor arbeitete der heute 44-jährige Vorarlberger bei der Montafonerbahn. Er kennt also das Geschäft.

Haselsteiner und Wehinger investierten 130 Mio. Euro in das Projekt. Die Tickets sollen auf dem Niveau der Halbpreise der ÖBB sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14. Dezember 2010)

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