Für eine Handvoll Dinkelkörner

In Tirol bereitet sich eine Gruppe von Menschen auf den Zusammenbruch des Wirtschaftssystems vor. Ein Lokalaugenschein.

(c) Clemens Fabry

Die meisten wissen nicht, wann es angefangen hat. War es der Tag, an dem Lehman Brothers pleiteging? War es, als sich Griechenland wegen seiner Schulden hilfesuchend an die EU wandte? Oder als dem Land ein Schuldennachlass gewährt wurde? Nein, Letzteres kann es nicht gewesen sein. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte sich das mulmige Gefühl im Magen von Susanne S. schon zu einem handfesten Unbehagen ausgewachsen. „Deswegen bin ich hergekommen“, sagt die Wirtschaftsinformatikerin.

Gemeinsam mit neun anderen Deutschen sitzt sie in einer rosa Stoffjurte auf dem Gelände eines alten Schotterplatzes außerhalb von Schwaz in Tirol. Dort hält der gebürtige Bayer Eckhard Emde seit Jahren Seminare zum Thema „Autark werden“ ab. Leben also ohne Kühlschrank, Tiefkühler und unabhängig von Wirtschafts- und Energiekreisläufen. „Das Interesse an den Kursen steigt“, sagt Emde, „die Leute wollen wissen, woher ihre Nahrungsmittel kommen. Viele haben auch das Vertrauen in das Wirtschaftssystem verloren.“ Aus dem ganzen deutschsprachigen Raum würden seine Kunden kommen: Ärzte, Richter, Hausfrauen, Schüler und Studenten.

Aufmerksam schreiben die Teilnehmer mit, wenn Emdes Kollege, der Biobauer Andreas Kreutner, eine Schale mit aufgeweichten Dinkelkörnern umherreicht. „Das ist ein gesundes Frühstück in Krisenzeiten“, sagt er im Tiroler Dialekt. Danach hält er ein Glas mit eingeweckter Wurst hoch. „Die haben wir extra zwei Monate lang in der Sonne stehen lassen. Die ist noch gut.“ Die Gruppe nickt anerkennend.

Es ist ein ereignisreicher Tag für die neun Deutschen. Sie lernen, aus eingeweichten Dinkelkörnern Brot zu backen, Obst mithilfe von Sonnenlicht zu dörren, Sauerkraut und Fleisch einzuwecken. „Das ist ja richtig anstrengend“, sagt Seniorin Inge, während sie den aufgeweichten Dinkel durch einen Fleischwolf dreht. Der Fleischwolf ist ein wichtiges Hilfsmittel für die Überlebenskünstler. Durch ihn wird alles geschickt, was sonst ein Mixer erledigt. „Auf dem Flohmarkt kostet der nur drei Euro“, sagt Andreas. Am Ende des Tages wird er die Geräte aber neu und um 46 Euro verkaufen.

Dann teilt Emde getrocknete Ananas- und Zucchinistücke aus, die er in der Sonne gedörrt hat. Der 54-Jährige hat 2003 begonnen, sich mit der autarken Lebensweise zu beschäftigen. Damals habe er ständig das wirtschaftliche und gesellschaftliche System hinterfragt. „Ich wollte die Sicherheit haben, auch in schwierigen Zeiten überleben zu können.“

Seither hat der Bayer viel erlebt und gelernt. Er hat vier Tage lang ohne mitgebrachte Lebensmittel im Wald überlebt, er hat drei Wochen lang nichts gegessen und sich eine autark funktionierende Notfallshütte in den Bergen zugelegt, in die er sich in Krisenzeiten zurückziehen kann. In seinem Schlafzimmer steht ein fertig gepackter Notfallsrucksack mit Kleidern und haltbaren Lebensmitteln. So ist er fluchtbereit. Dass er übertreibt, findet er nicht: „Man muss das sportlich sehen. Ich bin kein Fanatiker.“

Gut besuchte Kurse. Seine Kunden sind jedenfalls begierig, von ihm zu lernen. Sein „Crashkurs zur Notfallsvorsorge“ oder sein zweitägiger Basiskurs im Autarkleben sind gut besucht. Auch wenn Emde davon noch nicht leben kann. Hauptberuflich ist er Softwareentwickler. Egal, im Moment ist er in seinem Element, wenn er gemeinsam mit Biobauer Andreas den Teilnehmern beibringt, essbares Unkraut in der Wiese zu finden. Es wird anschließend zu einem Pflanzensaft gepresst.

Warum die Seminarteilnehmer den Wunsch verspüren, autark zu leben? „Ich bekomme als Wirtschaftsinformatikerin halt mehr mit“, sagt Susanne S. „Hinter dem Geld steckt kein Wert mehr.“ Auch das Ehepaar Hauser, Besitzer eines Low-Cost-Fitnessstudios, hegt solche Gedanken. „Wir sind vor zwei Jahren von Menschen aus dem Banksektor gewarnt worden“, sagen sie nach langem Zögern. „Man hat dann gleich den Stempel eines Spinners. Das sind wir aber nicht.“

Ähnlich geht es dem 48-jährigen Unternehmensberater Wolfgang R. aus Rosenheim. Der Vater zweier Teenager ist schon länger Kunde von Eckhard und Andreas. „Ich bin den beiden sehr dankbar, dass sie so etwas machen“, sagt Wolfgang. Denn in seinem Freundeskreis könne er mit niemandem über seine Sorge vor Verteilungsschwierigkeiten und Nahrungsengpässen reden.

Vor fünf Jahren hat er sich einen Vorratskeller zugelegt. Darin lagern mehrere Kilosäcke Zucker, Reis, Getreide, aber auch Hygieneartikel. 200 Liter Benzin und 200 Liter Diesel hat er für seine Autos und zum Betreiben des Notstromaggregats. Den Waffenschein hat er auch gemacht. Um sein Hab und Gut in Krisenzeiten zu verteidigen.



Checkliste der Behörde. Die Idee, Lebensmittelvorräte zu lagern, ist jedenfalls gar nicht so abwegig. Das 2004 gegründete Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Deutschland empfiehlt, Lebensmittel und Getränke für ein bis zwei Wochen zu lagern. Das sind laut der Checkliste 24 Liter Getränke, 3,7 Kilo Milchprodukte, 4,6 Kilo Getreideprodukte oder 5,6 Kilo Hülsenfrüchte – pro Person.

Diese Angaben sind allerdings nichts gegen die Vorräte, die ein durchschnittlicher Kunde bei Eckhard und Andreas ersteht: Eine Plastiktonne gefüllt mit je sieben Kilo Weizen, Gerste, Roggen, Dinkel und Leinsamen sowie Gemüsesaatgut um 265 Euro, weiters eine Tonne mit 21 Kilo Ameranth, 14 Kilo rote Bohnen und eine Handmühle um 345 Euro empfiehlt das Seminarmerkblatt. Viele nehmen noch einen Filter zur Trinkwasseraufbereitung um ca. 150 Euro, eine Sturmkanne um 91 Euro, einen Fleischwolf um 46 Euro und eine mechanische Gemüsesaftmaschine um 50 Euro mit. Und eine Notration BP5, einen Nahrungsersatz militärischen Ursprungs. Kosten der Riegel für zwölf Tage: 200 Euro.

Profitgier und Panikmache wollen sich die beiden aber nicht unterstellen lassen. Viel zu wenig Leute würden sich auf schlechte Zeiten vorbereiten. Sollte es tatsächlich einmal zu einem Krisenfall kommen, werde er daher kein Mitleid zeigen, ist sich Emde sicher. Selbst wenn der Nachbar an Hunger leide und ein krankes Kind habe: „Es gibt da Empfehlungen. Wenn ein Kind krank ist, dann gibt man eine Packung Nudeln her.“ Mehr nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2011)

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