Die Industrie trifft der Stromschlag

Seit weniger Billigstrom aus Deutschland ins Land darf, steigen die Kosten für heimische Betriebe rasant. Die betroffenen Firmen geben sich kämpferisch. Schuld ist (auch) ein Algorithmus.

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Symbolbild – REUTERS

Wien. Anfang Oktober stand die große Beschwichtigungstour auf dem Plan: Das Ende der gemeinsamen Strompreiszone mit Deutschland werde nur „überschaubare“ Mehrkosten nach sich ziehen, versicherten der Regulator E-Control und die Österreichische Energieagentur. Um zwei, vielleicht drei Euro dürften die Preise je Megawattstunde im Normalfall nach oben gehen, so die Einschätzung. Zwei Monate später ist klar: Für so viel Optimismus gibt es keinen Grund.

Statt erwarteter Preisaufschläge von „maximal sechs Euro“, kostet die Megawattstunde heute in Österreich im Schnitt bis zu zehn Euro mehr als in Deutschland. Bis Anfang Oktober gab es diese Preisdifferenz nicht. Der billige deutsche Wind- und Solarstrom drückte das Preisniveau auch in Österreich nach unten. Die Haushaltskunden sind von den höheren Börsenpreisen zwar (noch) nicht betroffen, wohl aber die Industriebetriebe. „All unsere Befürchtungen sind eingetroffen“, heißt es von der Linzer Voestalpine. Wie bei den Anlagenbauern und in der Papierindustrie ist der Strompreis auch in den Kalkulationen des Stahlkonzerns ein wichtiger Kostenfaktor. Schon der 300 Millionen Euro teure Bau des neuen Werks in Kapfenberg spießte sich bis zuletzt an der Frage, mit welchem Strompreis die Voest zu rechnen habe. Genau beziffern will das Unternehmen die Mehrkosten nicht. Rechnet man aber mit einem geschätzten Jahresstromverbrauch von vier Millionen Megawattstunden, schlägt sich das Thema rasch mit zig Millionen Euro zu Buche.

 

Der Computer entscheidet

Die Trennung der Strompreiszone allein kann aber nicht schuld an der überraschenden Preisexplosion sein. Immerhin hatten die Österreicher den Deutschen in den Verhandlungen ja eine garantierte Übertragungsleistung von mindestens 4900 Megawatt abgekauft. In der Realität aber wurde seit Oktober viel weniger deutscher Billigstrom importiert, als Österreich zugesichert wurde (siehe Grafik). Der Grund: Strom fließt nicht nur direkt über die deutsch-österreichische Grenze, sondern auch über Polen, Tschechien, Frankreich, Belgien und die Schweiz ins Land. Die Kapazität der Stromleitungen in Zentraleuropa ist allerdings begrenzt. Die Entscheidung, wessen Bestellung durch den Flaschenhals geschickt werden darf, fällt Euphemia, ein Algorithmus.

Je höher der Preisunterschied zwischen zwei Ländern und je geringer die Belastung der Netze, desto eher genehmigt die vollautomatische Software den Stromexport. „Bis Oktober mussten sich die Geschäfte zwischen Österreich und Deutschland diesem Effizienztest nicht unterziehen“, erklärt Strommarktexperte Christoph Maurer vom Beratungsunternehmen Consent. Nun müsse Österreich mit anderen Bietern um billigen deutschen Strom buhlen.

Und hier hatte Österreich zuletzt immer wieder das Nachsehen. Gerade Belgien, das im Herbst fast all seine Atomkraftwerke in Revision geschickt hatte, war bereit, deutlich mehr zu bezahlen – zog große Mengen aus Deutschland ab und blockierte damit auch Leitungskapazitäten. In Summe konnte sich Österreich dennoch „einen Löwenanteil“ an den deutschen Stromexporten sichern, beruhigt die E-Control. So viel, wie ursprünglich vereinbart, war es allerdings nicht.

 

Wenig Wasser und Atomstrom

Der Interessenverband Österreichs Energie fordert Langfristverträge, um sicherzustellen, dass die 4900 Megawatt künftig auch genutzt werden, bevor Deutschland seine Exporte nach Belgien aufstocke. Nur so könnten die gröbsten Preissprünge gelindert werden.

„Im Moment erleben wir allerdings eine Sondersituation“, räumt Christoph Maurer ein. Nicht nur die AKW-Probleme in Belgien, auch die Trockenheit in Österreich hätte die Situation verschärft. Mittelfristig rechnet er damit, dass die Megawattstunde in Österreich um zwei bis maximal sechs Euro teurer sein werde, als in Deutschland.

Bei den betroffenen Industriebetrieben gibt man sich mit der Aussicht nicht zufrieden – erste Maßnahmen, um das Problem einzugrenzen, seien in Planung, heißt es aus den Unternehmen. Worum es sich handle, will man noch nicht sagen. Aber: „Wir werden das sicher nicht so einfach zur Kenntnis nehmen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2018)

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