Slowenien ist der Pleite näher als Ungarn

Der einstige Musterschüler der EU ist in Bedrängnis. Großbanken und Staat büßen Bonität ein. Das Land löst Ungarn als Sorgenkind der EU in Osteuropa ab.

Flags flutter in front of NLB building in Ljubljana
Flags flutter in front of NLB building in Ljubljana
REUTERS

Wien/Ljubljana/Auer/Ag. Slowenien steht mit dem Rücken zur Wand. Nachdem mit Fitch auch die dritte große Ratingagentur die Kreditwürdigkeit des Landes abgestuft hat, rechnen Analysten damit, dass Slowenien bald unter den Rettungsschirm der EU schlüpfen wird. Auch an den Börsen wird der schlechteren Lage des Landes bereits Rechnung getragen: Erstmals müssen Investoren mehr dafür bezahlen, wenn sie sich gegen eine Staatspleite der Slowenen versichern wollen, als wenn sie die Gefahr einer Zahlungsunfähigkeit Ungarns bannen wollen. Bisher war Budapest das größte EU-Sorgenkind in Osteuropa.

 

Staatsschulden verdoppelt

Sloweniens Absturz kam schnell. In den ersten Jahren nach dem EU-Beitritt 2004 galt Slowenien als Vorzeigeschüler. Als erstes neues Mitgliedsland sollte es den Euro einführen, die Wirtschaft blühte, allem voran die Baubranche – angetrieben von Bankkrediten.

Mit dem Ausbruch der Krise im Jahr 2008 kam der Motor abrupt zum Stillstand. Zurück blieben ein Haufen fauler Kredite und zwei Großbanken, die sich in arger Schieflage befinden. Schätzungen der Zentralbank in Ljubljana zufolge sind 18 Prozent der Darlehen ausfallsgefährdet. Allein die beiden teilstaatlichen Systembanken Nova Ljubljanska Banka und Nova Kreditna Banka Maribor brauchen 1,5 Mrd. Euro an frischem Kapital, schreibt Fitch. In Summe müsste das Land 2,8 Mrd. Euro in die Hand nehmen, um das marode Bankensystem zu stützen.

Geld, das Slowenien nicht hat und sich auch nicht mehr ohne Weiteres besorgen kann. Im Jahr 2007 lagen die Staatsschulden bei 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, heute bei fast 48 Prozent. Pumpt Slowenien tatsächlich 2,8 Mrd. Euro in den Bankensektor, klettert die Staatsschuld bis 2014 auf 63 Prozent – was die Zahlungsfähigkeit des Landes weiter verschlechtern würde.

Entsprechend unwillig sind internationale Investoren, wenn sich das Land am Kapitalmarkt weiter Geld leihen will. Mittlerweile muss Slowenien für seine Staatsanleihen Renditen von bis zu sieben Prozent bieten – so hoch waren die Renditen etwa in Portugal, Irland und Griechenland, bevor die Länder um EU-Hilfe bitten mussten.

 

Zweite Rezession in drei Jahren

Davon will die Regierung in Ljubljana vorerst offiziell nichts wissen. Der konservative Ministerpräsident Janez Jansa stellte ein Hilfsgesuch vor wenigen Wochen zwar in den Raum, ruderte danach aber rasch zurück. Der Haushalt sei stabil, Slowenien werde das Problem mit seinen Banken alleine lösen, lautet seitdem die offizielle Botschaft der Regierung. Was fehlt, ist allerdings ein Silberstreif am Horizont, der nicht nur aus Worten besteht. Von der Wirtschaft kommt die Entlastung jedenfalls nicht. Das Land steht vor der zweiten Rezession in drei Jahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

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