Wo eine Pizza Margherita 30 Euro kostet

Rohstoffboom, gestiegene Nachfrage und höhere Wechselkurse: Das Leben in den Schwellenländern Südamerikas ist in den vergangenen Monaten kostspielig geworden. Die Armutsbekämpfung treibt die Preise.

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Der dünne Germteigboden, der feine Tomatenbelag, die zerlaufene Mozzarella und die vier Basilikumblätter – das, was der Bäcker da aus dem Holzkohleofen holt, ist eine ganz simple Pizza. Das einzig Ungewöhnliche ist ihr Preis: „Unsere Margherita Gourmet kostet 78 Reais“, sagt der Geschäftsführer des Eckrestaurants in Ipanema, Rios Reichenviertel hinter dem berühmten Strand. Für Ausländer liefert er gleich die Umrechnung dazu: „Etwa 30 Euro, das Service ist inkludiert.“

Aber nein – das ist kein Touristennepp! Das ist der Preis fürs heimische Publikum, das die meisten Tische des Lokals belegt. Urbane Jugend, obere Mittelschicht. „Rio ist in Mode“, sagt einer der Gäste und zuckt die Schultern. „Und deshalb ist Rio eben teuer.“ Aber nicht nur Rio ist teuer. Brasilien und die meisten Länder Südamerikas haben sich binnen wenigen Jahren für Europäer und Nordamerikaner vom Billigstandort zum teuren Pflaster entwickelt – so wie viele Staaten in Afrika sowie Russland, Australien und Neuseeland. Die internationale Unternehmensberatung „Mercer“ führt in ihrer aktuellen Liste der 50 teuersten Metropolen keine deutsche Stadt, dafür 13 afrikanische. São Paulo und Rio liegen weit vor New York, London und Paris (s. Grafik). Wien, das sich im vergangenen Jahr gewiss nicht verbilligt hat, wurde von Boomtowns in Äquatornähe um zwölf Positionen nach hinten verschoben und belegt nun Rang 48, eingerahmt von Nouméa, Hauptstadt des französischen Überseegebietes Neukaledonien im Südpazifik, und Baku, der Kapitale von Aserbaidschan.

Kostspieliges Zähneputzen. Weil die Menschen in den USA und Europa mit den Folgen der Finanzkrise beschäftigt waren, merkten sie kaum, wie sich ihre Länder im Vergleich zu Billigstandorten wandelten. Beispiele gefällig? Die venezolanische Drogeriekette „Farmahorro“ hat 20 verschiedene gewöhnliche mechanische Zahnbürsten im Angebot, die günstigste kostet umgerechnet 5,40 Euro – mehr als dreimal so viel wie ein Einsteigermodell bei der österreichischen Drogeriemarktkette „Bipa“. Für ein Kilo Bohnenkaffee verlangt die argentinische Rösterei „Cabrales“ auf ihrer Website umgerechnet 25 Euro, mehr als doppelt so viel wie für die gleiche Menge „Meinl-Präsident“ in einem Wiener „Spar“-Markt. Eine Levi's-501-Jeans ist in Buenos Aires um 108 Prozent teurer als in Miami. Und eine Puppe der angesagten Serie „Monster High“, die im US-eBay für 25 Dollar angeboten wird, kostet auf chilenischen Online-Portalen das Zwei- und auf argentinischen fast das Vierfache.

Wenn Mattel-Puppen 75 Euro kosten, sollte man vielleicht näher hinsehen. Da wäre zunächst die Geldentwertung in Argentinien. Zwischen 2007 und 2012 stiegen die Preise um akkumuliert 189 Prozent. Weil aber auch Löhne und Gehälter der Angestellten um 200 Prozent zulegten, gab es kaum Proteste ob der Inflation. Nicht Schritt halten konnte in dem Galopp der Dollar, dessen Wert in dem Zeitraum nur um etwa 45 Prozent zunahm. Weil viele Bürger mit Abwertung rechneten, flossen von 2007 bis 2011 etwa 70 Milliarden Dollars aus dem Land ab, was die Regierung heuer zu einer rigiden Wechselkontrolle veranlasste – aber nicht zur Abwertung: Die kam de facto, weil seit Mai Dollars nur noch auf dem Schwarzmarkt zu kriegen sind, um 35 Prozent teurer, darum kosten fast alle Importwaren seither ebenso viel mehr. Weil gleichzeitig seit Februar strenge Importkontrollen gelten und viele Waren deshalb monatelang im Hafen festliegen, sind die Preise noch einmal um 20 bis 25 Prozent gestiegen. Viele Produkte, deren Import von offiziellen Stellen abgelehnt wird, kommen über inoffizielle Kanäle ins Land. Und das kostet wieder extra.


Teuerste Big Macs in Venezuela. Auch in Venezuela, dem anderen Land mit Devisenkontrollen, stiegen die Preise im letzten Jahrzehnt jährlich um 25 bis 30 Prozent, aber den festgezurrten Dollarkurs wollte die Regierung von Hugo Chávez nicht antasten. Deshalb kostet ein Big Mac, der in den USA um 4,33 Dollar zu verzehren ist, in Caracas nun 7,92 Dollar. Damit hält die bolivianische Republik derzeit den Spitzenplatz im halbjährlichen Ranking von „The Economist“: Seit 1986 erhebt die britische Wirtschaftszeitung die Preise der Big Macs in den meisten Ländern und schließt daraus auf die Kaufkraft der jeweiligen Währungen.

Platz vier der Liste hält (nach Norwegen und der Schweiz) Brasilien, was zunächst verwundert, denn in dem Riesenland grasen mehr als 200 Millionen Rindviecher, die doch leistbares Faschiertes abgeben müssten. Doch Brasilien wurde in den letzten Jahren von einer dreifachen Lawine erfasst. Erstens profitierte es vom Rohstoffhunger Chinas. Mineralien, Erze, Soja brachten einen ständig wachsenden Dollarstrom ins Land. Der schwoll weiter an durch Devisen internationaler Finanzinvestoren, nachdem die Zentralbanken in Frankfurt und Washington nach 2008 ihr Zinsniveau auf fast null gesenkt hatten. In Rio und São Paulo winkten zweistellige Zinssätze, was so viele Dollars einspülte, dass die Regierung Sondersteuern für fremde Finanzinvestitionen einführte, als der Dollar, der 2003 knapp 3,80 Reais kostete, nur noch 1,50 Reais wert war.

Armutsbekämpfung treibt die Preise. Der wohl nachhaltigste Preisheber aber heißt Luiz Inácio Lula da Silva: Dem „Volkspräsidenten“ gelang das Kunststück, dass es am Ende seiner acht Amtsjahre Ende 2010 allen Brasilianern besser ging, die Armen waren weniger arm, die Reichen noch viel reicher. Jede Woche kommen 22 neue Millionäre hinzu, und 30 Millionen konnten unter Lula der Armut entrinnen, was die Inlandsnachfrage explodieren ließ. Lange verzeichnete das 190-Millionen-Land nicht mehr als 22 Millionen wirklich kaufkräftige Kunden. Nun sind es fast 60 Millionen. Um die zu beliefern haben die Firmen alle nur halbwegs ausgebildeten Kräfte eingestellt, vor allem im Raum São Paulo, aber auch in den Industriestädten Porto Alegre, Curutiba und Belo Horizonte findet man kaum noch qualifiziertes Personal. Das hebt die Lohnkosten und limitiert das Warenangebot. Beides treibt die Preise.

Der starke Real machte die Brasilianer zu Südamerikas Russen: Die Damen aus den Tropen gehen gern einkaufen, oft mehrmals im Jahr. Die USA stockten ihre Konsulate in Brasilien auf, um den Shoppingansturm zu bewältigen. 2011 stieg die Zahl der US-Visa für Brasilianer um 44 Prozent, diese gaben im Vorjahr 1,6 Mrd. Dollar in Florida aus, ein Plus von 60 Prozent. Brasilianer sind, neben anderen Latinos, dafür verantwortlich, dass zumindest in Südflorida die US-Immobilienkrise passé ist. Die Kombination aus halbierten Immobilienpreisen und überbewertetem Real veranlasste viele neue Reiche aus dem Süden zur Geldanlage in Miami oder Fort Lauderdale. Kein Wunder, dass Unternehmer und Politiker aus Florida die Regierung bearbeiten, damit sie die Visapflicht für Brasilianer aufhebt. „Brasilien ist unser China“, sagt Frank Nero, Chef der Wirtschaftsentwicklungsagentur des Counties Miami-Dade. „Wir in Florida müssen nach Süden schauen.“

Sparen für die Fußball-WM. Dorthin wird in zwei Jahren die halbe Welt blicken, wenn die Fußball-WM steigt. Wer live dabei sein will, sollte jetzt zu sparen beginnen: Während des UN-Klimagipfels in Rio vor drei Monaten verlangten die internationalen Hotelketten für ein Doppelzimmer 750 Euro pro Nacht.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2012)

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