Warum Staaten noch Goldreserven brauchen

Gold als Europas Trumpf: Ein steigender Preis nützt dem Euro und schadet dem Dollar. Die Gemeinschaftswährung ist durch Gold gedeckt, aber nicht daran gebunden. Beim Dollar ist es hingegen umgekehrt.

(c) REUTERS (ARND WIEGMANN)

Wien. Der Goldstandard ist längst Geschichte – wozu also halten Staaten und Notenbanken heutzutage noch Gold? Und warum wird in vielen Ländern (darunter Österreich und Deutschland) über den Verbleib der Goldreserven debattiert? Die Antwort findet sich in der Bilanz der Europäischen Zentralbank (EZB), der Hüterin des Euro.

Anfang Oktober war es wieder so weit: Beim Stand von 1377 Euro pro Unze hat die EZB eine imaginäre Kamera ausgepackt und einen „Schnappschuss“ des Goldpreises angefertigt – nur knapp einen Euro unterhalb des bisherigen Rekordhochs. Dann hat die Notenbank eine relativ simple Rechnung vorgenommen: Das Eurosystem verfügt über rund 10.800 Tonnen Gold à 32.150 Unzen – mal 1377 ergibt das: fast 480 Mrd. Euro.

Und das ist der Posten auf Platz eins der Aktiva in der Bilanz des Eurosystems: 480 Mrd. Euro in der Form von Gold. Viermal pro Jahr bewertet die EZB diesen Posten nach Marktpreis. Die Devisenreserven (hauptsächlich Dollar) folgen auf den Plätzen zwei und drei der Bilanz. Und obwohl diese Papiergeldreserven quantitativ immer mehr werden, nimmt ihre qualitative Bedeutung ab. Beim Start des Euro machten Gold rund 30 Prozent und Devisen rund 70 Prozent der Reserven aus. Heute ist es umgekehrt: Gold steht für mehr als 65 Prozent der Reserven (Tendenz steigend), Devisen für weniger als 35 Prozent (Tendenz fallend).

 

Gold stärkt den Euro

Die Bilanz des Eurosystems illustriert so geradezu perfekt den Unterschied zwischen Gold und Papiergeld: Zweiteres ist beliebig vermehrbar. Die Devisen in der Bilanz werden nicht „nach Marktpreis“ bewertet – das wäre nicht sinnvoll. Einzig die quantitativen Veränderungen werden angegeben. Das passiert beim Gold zwar auch – wenn eine Zentralbank Gold kauft oder verkauft. Die wahre Bedeutung des Goldes ergibt sich aber in der qualitativen Bewertung der Reserven nach dem Goldpreis.

Das ist auch kein Zufall, sondern ein wenig beachteter Baustein in der oftmals kritisierten Architektur des Euro. Die Gemeinschaftswährung ist durch Gold gedeckt, aber nicht daran gebunden. Beim Dollar ist es umgekehrt. Er ist (theoretisch) noch immer an Gold gebunden, aber nicht gedeckt – weil die rund 8000 Tonnen US-Gold in der Bilanz der Federal Reserve unverändert mit nur 42 Dollar pro Unze vermerkt sind, seit die Eintauschbarkeit des Dollars in Gold 1971 aufgehoben wurde.

 

Die Fed in der Zwickmühle

Das ist der Grund, warum ein steigender Goldpreis derzeit ein Problem für den Dollar darstellt, aber nicht für den Euro: Die EZB könnte (theoretisch) Gold mit frisch gedruckten Euros kaufen und den Goldpreis in Euro steigen lassen. Das würde den Wechselkurs des Euro zum Gold schwächen. Die EZB könnte aber auch Gold verkaufen um den Euro zu stärken. Derartige Operationen werden heute hauptsächlich noch mit Devisenreserven umgesetzt.

Die Fed steckt in einer Zwickmühle: Kauft sie Gold, schwächt sie den Dollar, weil der Goldpreis steigt. Und verkauft sie Gold, stärkt sie den Dollar trotzdem nicht – weil ausländische Zentralbanken auf Unmengen an Dollar sitzen, die derzeit außerhalb des Systems sind. Diese Dollar würden die Notenbanken nur allzu gerne in Gold wechseln.

Diese Notenbanken halten den Dollar noch als Reserve, weil es lange Zeit keine echte Alternative gab. Seit 1999 wächst aber die Bedeutung des Euro mit dem steigenden Goldpreis. Und viermal pro Jahr dokumentiert die EZB diesen Umstand mit einem „Schnappschuss“ und in ihrer Bilanz. Nächstes Mal im Jänner 2013.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2012)

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