Die unendliche Geschichte von Yline

Der Fall der 2001 in Konkurs gegangenen Internetfirma ist an Skurrilität kaum zu überbieten. Zeugen wurden jahrelang nicht befragt, Gutachten blieben liegen. Heute startet der Prozess.

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PK B�HM/HOFMANNKONSORTIUM – (c) APA (GINDL Barbara)

Wien. Es mag ein abgedroschenes Sprichwort sein, aber in kaum einem Fall dürfte es besser passen: Die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Im Herbst 2001 ging das Internet-Start-up Yline nach nur drei Jahren seines Bestehens bereits wieder in Konkurs. Schon kurz danach standen Vorwürfe strafrechtlicher Verfehlungen im Raum, und die Staatsanwaltschaft begann zu ermitteln. Der entsprechende Prozess startet aber erst heute, Mittwoch – fast 13 Jahre nachdem die Firma in die Insolvenz geschlittert ist.

Yline – das war eine Firma aus der Frühzeit des Internets. Wie so viele Unternehmen vor dem Platzen der ersten Dotcom-Blase war das Unternehmen vor allem mit großen Plänen und einer hohen Cash-Burn-Rate ausgestattet. Grundsätzlich sollte die Firma ein Internetprovider sein – also gegen Geld seinen Kunden den Zugang zum weltweiten Netz ermöglichen. Laut Anklageschrift erzielte die Firma aber „im Verhältnis zur Unternehmensgröße kaum reale Umsätze“. Dies hinderte Yline jedoch nicht daran, 1999 an die Börse zu gehen und dort Millionen von Anlegern zu kassieren. Und es hinderte die Analysten großer Banken ebenfalls nicht daran, die Aktie zum Kauf zu empfehlen. So verpasste die Analyseabteilung der – inzwischen ja ebenfalls in Konkurs gegangenen – US-Investment-Bank Lehman Brothers Yline einst ein Kursziel von 400 Euro je Aktie. Das Unternehmen wäre damit fast eine Milliarde Euro wert gewesen.

 

Gratis-Computer als Konzept

Um auf dem jungen Markt der Internetprovider wachsen zu können, setzte Yline auf ein aggressives Marketingkonzept. So wurden IBM-Computer quasi verschenkt, wenn man einen – teuren – Providervertrag mit der Firma abschloss. Ein Konzept, über das die Firma schlussendlich stolperte. Im Herbst 2001 wurde mit Passiva in Höhe von 25,5 Mio. Euro der Konkurs eingeleitet.

Bis dahin eine nicht unübliche Geschichte aus den Anfängen des Internets. Doch ab dann wurde es merkwürdig. So übergab der Masseverwalter zwar bereits 2002 eine Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft, weil die Vermutung von Untreue, betrügerischer Krida und Beeinträchtigung der Gläubigerinteressen im Raum stand. Doch dann passierte jahrelang wenig oder nichts.

Bereits die Erstellung des Gutachtens zu dem Fall dauerte mit drei Jahren genauso lange, wie das Unternehmen selbst bestanden hatte. Aber selbst als das Gutachten im Jahr 2005 endlich vorlag, sollte sich in dem Fall über Jahre hindurch nichts weiterbewegen. So wurden die Beschuldigten – allen voran Ex-Yline-Chef Werner Böhm– im Juli 2011 das erste Mal von der Staatsanwaltschaft einvernommen – zehn Jahre nach dem Konkurs der Firma. Die Anklageschrift wurde im Dezember 2012, also nach elf Jahren, fertig.

Begründet wurden diese Verzögerungen von der Staatsanwaltschaft mit ungeplanten Wechseln der Staatsanwälte (heute ist bereits der vierte an der Reihe). Und diese mussten sich eben immer neu einlesen. Kritiker bezeichneten Yline daher bereits als „Lehrlingsprojekt für Wirtschaftsstaatsanwälte“.

 

FPÖ-Nähe des Yline-Chefs

Böhm ätzte deshalb schon seit Längerem in mehreren Blogs über die Justiz oder die Gutachter. Dabei brachte er auch Licht in seine zuvor nur vermutete einstige Nähe zur FPÖ. So hatte eine Yline-Tochter nicht nur die Finanzministeriumswebsite unter Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser sowie auch dessen umstrittene, von der Industriellenvereinigung finanzierte Homepage des Vereins zur Förderung der New Economy erstellt. Böhm erklärte auch, dass ihm 2000 von Ex-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer sogar der Posten des Infrastrukturministers angeboten worden sei. Die FPÖ musste 2007 nach einem Vergleich schließlich 580.000 Euro Honorar in die Masse von Yline einzahlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2014)

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