Osteuropa: Österreichs Manager wollen heim

Die Krise in Osteuropa treibt auch die österreichischen Pioniere in den Chefetagen zurück nach Hause. Doch hier wird es eng. Denn nicht auf alle wartet in der Heimat ein Job.

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Irgendwie ist es anders als zu Hause: Der Arbeitstag hat 16 Stunden, vom Morgenmeeting bis zum mitternächtlichen Absacker spielt sich der Großteil des Lebens in der Expat-Community ab. Durch die Straßen der Stadt geht es prinzipiell nur mit Chauffeur, man erlebt Ansehen und Luxus, wie es daheim nicht möglich wäre. Wo in Osteuropa sich dieses fiktive Leben eines österreichischen Topmanagers abspielt, ist eigentlich egal. Entscheidend ist die Frage: wann? Die Antwort: mitten im Ostboom bis 2007.

„Für eine gewisse Altersschicht ist dieses Leben super“, sagt Gerald Rosak. Er muss es wissen. Denn der Wiener hat es selbst erlebt. Zur Jahrtausendwende ging der heute 44-Jährige für das US-Unternehmen Teradata nach Polen, um Karriere zu machen. Mit Erfolg. Nach zehn Jahren Warschau war er Leiter des Osteuropa-Geschäfts seines Konzerns. Aber die Arbeit im Ausland ist nur noch halb so lustig, wenn die goldenen Zeiten enden, wenn es nicht mehr um Expansion, schicke Dinner und fette Aufträge, sondern um Verlustbegrenzung und Kündigungen geht. Und es ist noch ein wenig unlustiger, wenn man selbst auf der Abschussliste steht.

Chefsessel besetzt. „
Damals sind ganze Hierarchieebenen weggestrichen worden“, erzählt Rosak von den jüngsten Krisenjahren in Osteuropas IT-Branche. Getroffen hat es nicht nur einheimische Programmierer, auch Manager aus dem Westen mussten gehen. Das Problem: Die meisten zieht es in die Heimat. „Ich habe im Moment jeden Monat 30 Initiativbewerbungen von Topmanagern aus der Region auf dem Tisch“, sagt Andreas Landgrebe, Headhunter bei Boyden in Wien. „Vor allem Österreicher wollen wieder nach Hause zurück.“ Doch einfach ist das nicht, denn die Chefsessel in der Heimat sind besetzt.

„Bei der Mutter daheim gibt es immer weniger Jobs. Das ist schon ein mathematisches Problem“, sagt Rosak. „Niemand hebt dir zwei Jahre lang einen Job auf.“ Schon gar nicht in den Katerjahren nach dem Crash. Telekomfirmen, Baumärkte, Banken und Immobilienentwickler aus dem Westen bauten ihre Zelte in vielen Ländern Osteuropas zuletzt ab. „Es ist aber nicht wirklich geplant, dass die Expats zurückkommen“, sagt Dietmar Appeltauer, der damalige Chef der Region Zentral- und Osteuropa bei Nokia Siemens Networks Österreich. Einst konnte man die hoffnungsfrohen Jungmanager eben ins nächste Boomland schicken. Aber jetzt? „Wo geben wir die hin?“, fragt er.

Die Antwort kann mitunter nüchtern ausfallen. So munkeln Insider von Wiener „Glaspalästen“, in denen ehemalige Landesmanager so mancher osteuropäischen Bankentochter ihre Zeit absitzen, bis eine neue Aufgabe gefunden – oder der Golden Handshake ausverhandelt – ist. Es gibt immer nur einen Finanzvorstand. Und wenn der Posten gut besetzt ist, was soll der beste Finanzvorstand aus Bulgarien dann hier? „Viele sagen sich: Bevor ich Einkaufsleiter werde, lasse ich mich auszahlen und suche etwas länger“, sagt Appeltauer. Ein gewisser Prestigeverlust lässt sich mit der Heimkehr meist ohnedies nicht verhindern. Statt Chef einer Tochterfirma ist man „zurück im Räderwerk nur einer von tausend“, sagt Rosak. Aber auch die Ansprüche sinken, wenn die Zeiten schlechter werden. Mit dem Ende der Goldgräberstimmung im Osten nähmen Manager in der Region wieder billigere Verträge an – der früher übliche Beitrag für Wohnen und Privatschulen sei rarer, sagt Landgrebe.

Denn die Manager wissen: Es geht auch schlimmer. So wie im Fall von Sebastian Foraus. Der 49-jährige Wiener ist einer jener österreichischen Ostpioniere, die ihren richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen wollen. Denn sein Abenteuer endete weniger glücklich. Als Foraus 2009 als Vorstand eines globalen Autohändlers nach Osteuropa geschickt wurde, war die Region bereits im Schrumpfkurs.
Vier Jahre lang flog der Spitzenmanager mit dem Rotstift zwischen Ungarn und Kroatien hin und her und sanierte die Tochterfirmen – bis letztlich das Heimweh siegte. Er wollte zurück nach Österreich. Doch dort wartete niemand mit einem Job. Sein alter Posten in der Geschäftsführung war vergeben, alle Versuche, auf ähnlichem Niveau neu einzusteigen, scheiterten. Denn auch hierzulande ist der Druck im Kfz-Handel groß. Und das gute Netzwerk aus Budapest oder Zagreb bringt in Wien oder St. Pölten herzlich wenig. Nach einem Jahr Klinkenputzen gibt Foraus auf. Ende 2013 nimmt er sich einen Gewerbeschein und wird Berater.

Endstation Berater.
Für manche Ex-Manager mag der Beraterjob befriedigend sein, für viele ist er nur ein unliebsamer Ausweg, der besser klingt als „nichts gefunden“. „Zehn bis 20 Prozent der Topmanager aus der Region haben sich selbstständig gemacht“, sagt Ex-Siemens-Manager Appeltauer. Lukrativ sei das allemal. Wer ein gutes Netzwerk aufgebaut habe, könne als gut bezahlter Türöffner für kleine Unternehmen fungieren. Mit der glorreichen Rückkehr in die Heimat wird es dann aber nichts.

Dass es auch anders geht, zeigt der Fall von Gerald Rosak. „Auch ich hatte während meiner Auslandsjahre kaum Zeit, in Wien für mich Lobbying zu machen“, sagt er. Aber er hatte eine Idee: Warum sollte die Osteuropa-Zentrale seines Konzerns nicht mit übersiedeln? Immerhin waren seine Kunden ohnedies meist Telekomfirmen und Banken aus dem Westen. Statt in Warschau mit den Tochterfirmen zu reden, könnte er in Wien gleich mit den Müttern verhandeln. Das Argument stach, Rosak übersiedelte mit seiner Familie nach Wien.

Den größten Kulturschock musste seine Tochter im Kindergarten verkraften. „Nur Ausländer“, berichtete sie. „Die sprechen alle Deutsch statt Englisch.“ Ihr Vater genießt seine Rückkehr, missen will er die Jahre im Ausland aber nicht: „Natürlich ist es schön heimzukommen. Aber Österreich ist nicht der Nabel der Wirtschaftswelt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2014)

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