Kein Schiff will kommen: Der Geisterhafen an der Nordsee

Subtext. Der Tiefwasserhafen Jade-Weser-Port in Niedersachsen sollte ein "Tor zur Welt" werden. Zwei Jahre nach dem Start erweist er sich als totaler Flop.

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Immerhin: Das Problem mit den Rohrdommeln wäre gelöst. Ein einziges Pärchen brütete neben der neuen Bahnlinie, die an der Nordsee in einen stattlichen Terminal mit 16 Gleisen mündet. Also musste eine Lärmschutzwand aus Beton her. Seitdem sind die zwei raren Vögel weg. Dabei gibt es jetzt gar keinen Lärm, weil keine Züge fahren. Und die fahren nicht, weil es keine Container gibt, die sie transportieren könnten. Der Jade-Weser-Port bei Wilhelmshaven, der am 22. September 2012 feierlich eröffnet wurde, ist nicht nur der einzige deutsche Tiefwasserhafen. Es ist auch der einzige Hafen Deutschlands ohne Schiffe. Dabei haben die Politiker in Niedersachsen von einem „Jahrhundertprojekt“ geschwärmt, einem „historischen Durchbruch“, einem „Drehkreuz des Nordens“ und „Tor zur Welt“, das alsbald zu einem „Jobwunder“ mit tausenden Arbeitsplätzen führen werde. Weil das Bundesland als Kaderschmiede der deutschen Politik gilt, zählen zu den Fehlplanern so illustre Gestalten wie Gerhard Schröder, Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Christian Wulff.

Frank-Walter Steinmeier
Frank-Walter Steinmeier
Frank-Walter Steinmeier – (c) imago stock&people (imago stock&people)


Eine Fläche von 500 Fußballfeldern trotzten die Visionäre dem Jadeboden ab, mit Bohlen, Dämmen und 46 Mio. Kubikmetern Sand. Im Sand versenkt ist auch eine Milliarde Euro, davon zwei Drittel Steuergelder. An der Kaimauer hätten vier Riesenschiffe zugleich Platz. Aber nur eines pro Woche legt an. Die Kapazität wird zu drei Prozent genutzt. Ein paar Blechboxen stehen verloren auf der riesigen Asphaltfläche herum. Die meisten sind leer. Aber dafür sind die acht roten Containerbrücken die größten der Welt! Ab und zu bewegen Hafenarbeiter sie hin und her, damit sie nicht rosten. Viel mehr gibt es nicht zu tun. Die 340 Beschäftigten sind auf Kurzarbeit. Je zehn halten die Stellung, der Rest wartet zu Hause auf bessere Zeiten.

Reeder müssen sparen

Dabei klangen die Pläne plausibel, damals vor zwölf Jahren: Der Welthandel wuchs rasant. Die Schiffe nach Hamburg mühen sich die Elbe hinauf. Immer größere Frachter mit mehr Tiefgang passen nicht mehr in die flache Flussmündung. Der Fehler im Kalkül: Man ging frohen Mutes davon aus, zweistellige Wachstumsraten gäbe es auf Dauer. Heute müssen die Reeder sparen. Sie bündeln Kapazitäten, fahren nur Häfen an, wo sie schon Büros haben und der Markt zu Hause ist. Deshalb muss die Elbe jetzt ausgebaggert werden, was nochmals ordentlich ins Geld geht. Zweiter Fehler: Man hat ignoriert, dass die Konkurrenz nicht schläft. In Rotterdam bauen sie eine Erweiterung, mehr als fünfmal so groß wie der Jade-Weser-Port. Auch London plant im großen Stil. Wer so viel Auswahl hat, den lockt kein Geisterhafen ins Niemandsland.

Den Autobahnzubringer nutzen ein paar Touristen, die sich im Museum informieren. Die Fremdenführer haben es nicht leicht. Viele Gäste lassen ihrer Wut über die Verschwendung freien Lauf. Andere bleiben verdächtig gelassen. Bis sie die peinliche Frage stellen: „Sagen Sie, und wann geht dieser Hafen in Betrieb?“

E-Mail an: karl.gaulhofer@diepresse.com

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