Prognose für Wachstumslokomotive Deutschland deutlich gesenkt

Die Wirtschaftsforscher erwarten für heuer nur mehr ein BIP-Plus von 1,3 Prozent. Auch die Vorhersage für 2015 wurden nach unten revidiert.

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Es hatte sich nach den Wirtschaftsdaten der vergangenen Wochen bereits abgezeichnet. Nun haben führende Konjunkturforscher ihre Skepsis für die deutsche Wirtschaft in Zahlen gegossen. Die Ökonomen erwarten für 2014 nur noch 1,3 Prozent Wachstum, wie aus dem am Donnerstag veröffentlichten Herbstgutachten für die deutsche Bundesregierung hervorgeht. Auch im nächsten Jahr werde es nur ein mageres Plus von 1,2 Prozent geben.

Noch zu Jahresbeginn sagte der deutsche Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, dass die deutsche Wirtschaft auf einen stabilen und breit angelegten Erholungskurs eingeschwenkt sei. Damals hatten die Fachleute einen kräftigen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 1,9 Prozent und im nächsten Jahr von 2,0 Prozent veranschlagt.

Schwache Nachfrage

Mittlerweile befinde sich die deutsche Wirtschaft mithin in einem - wenn auch nicht allzu ausgeprägten - Abschwung, verlauten die Ökonomen. " Nach dem Schrumpfen der Wirtschaftskraft im Frühjahr habe es wohl auch im Sommer nur eine Stagnation gegeben. "Der Konjunkturmotor kommt nur schwerlich wieder auf Touren."

Als Grund für den schwindenden Optimismus nannten die Forscher, dass die Nachfrage nur mäßig anziehe und sich vor allem die Eurozone langsamer erhole als erhofft. Zudem habe sich die Stimmung der heimischen Verbraucher eingetrübt und die Unternehmen zögerten mit Investitionen. "Internationale Krisen wie der weiter schwelende russisch-ukrainische Konflikt und die kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien und im Irak trübten die wirtschaftlichen Aussichten zusätzlich ein."

Deutschland investiert zu wenig

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute werfen der deutschen Regierung überzogenes Sparen vor. Zwar begrüßten sie, dass die Regierung weiter der Gesundung des Staatshaushalts eine herausgehobene Bedeutung zumesse. "Angesichts erwarteter öffentlicher Finanzierungsüberschüsse in Höhe von 0,3 Prozent und 0,1 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt für die Jahre 2014 und 2015 wäre eine Minderung der Abgabenbelastung allerdings durchaus möglich", bemängelten die Forscher jedoch. Die Regierung nutze ihren finanziellen Spielraum auch zu wenig für Investitionen.

Trotz ungünstigerer Wachstumserwartungen rechnen die Institute für die nächste Zeit weiter mit Überschüssen im deutschen Staatshaushalt. Das Plus werde im laufenden Jahr auf 7,8 Mrd. Euro von 7,3 Mrd. Euro im Vorjahr steigen. Im kommenden Jahr wird dann allerdings nur noch mit einem Überschuss von knapp drei Mrd. Euro gerechnet.

Zugleich rechnen die Forscher mit wachsenden öffentlichen Investitionen. Diese dürften in diesem Jahr um 7,8 Prozent zulegen, was vor allem auf die relativ gute Haushaltslage beim Bund und vielen Kommunen zurückgehe. Auch im kommenden Jahr dürften die staatlichen Investitionen zunehmen, wenn auch mit fünf Prozent nicht mehr ganz so stark. Allerdings halten die Wissenschafter dies für zu bescheiden - gemessen an den Finanzspielräumen des Staates.

Wenig Hoffnung auf rasche Änderung

Kaum etwas spreche dafür, dass die Firmen ihre Investitionszurückhaltung bald ablegten. Die Unternehmen würden ihre Ausgaben in Maschinen und Anlagen in diesem und im nächsten Jahr jeweils um rund vier Prozent steigern. Im Frühjahr hatten die Forscher hier noch Anstiege von knapp sechs und gut acht Prozent vorausgesagt.

Die schwächere Konjunktur trifft den Instituten zufolge auch den Jobmarkt. Die Zahl der Arbeitslosen werde 2014 leicht auf 2,91 Millionen sinken, allerdings 2015 wieder auf 2,96 Millionen steigen. Dennoch werde es in beiden Jahren einen Beschäftigungsrekord geben. Die Zahl der Erwerbstätigen klettere im nächsten Jahr auf 42,65 Millionen, aber langsamer als zuletzt. Grund für die Entwicklung ist, dass Arbeitslosen wegen mangelnder Qualifikation die Jobsuche immer schwerer fällt, während viele Zuwanderer eine Stelle finden.

Die "Gemeinschaftsdiagnose" wird von vier Konsortien von Wirtschaftsforschungsinstituten erstellt, zu denen das Berliner DIW, das Münchner Ifo, das Essener RWI und das IWH aus Halle gehören. Sie dient der Bundesregierung als Grundlage für ihre eigene Prognose, auf der wiederum die Steuerschätzung fußt. Zuletzt hatten sich auch die OECD und der Internationale Währungsfonds pessimistischer zur deutschen Konjunktur geäußert.

Kritik an EZB-Plänen

Die Forschungsinstitute sehen zudem die EZB im Kampf gegen die Kreditklemme auf einem gefährlichen Kurs. "Die Institute bewerten eine solche Politik der EZB kritisch", heißt es in dem Gutachten. Eine Altlastenbereinigung der Bankbilanzen durch die Geldpolitik konterkariere die Bemühungen im Zuge der Bankenunion, dass Eigentümer und Gläubiger im Krisenfall Verluste tragen sollten. Zudem gebe die EZB den Banken damit indirekt einen Anreiz, künftig noch riskantere Finanzgeschäfte zu machen.

(APA/Reuters)

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