Cernko: „Niemand muss sich Sorgen um sein Geld machen“

Die Stresstests sollten das Vertrauen ins Bankensystem stärken. Die Sparer müssen sich fragen: Vertrauen sie den Banken, den Staaten, beiden oder keinem?

(c) Bloomberg (Martin Leissl)

Wien. Die Stresstests der EZB hatten eine Aufgabe. Sie sollten das Vertrauen in die Banken verbessern und zeigen: „Seht her, den meisten Banken geht es gut – und der Rest wird streng beobachtet.“ Diese Übung scheint geglückt. Und trotzdem musste Willibald Cernko, Chef des österreichischen Bankenverbands und der Bank Austria, am Montagmorgen im ORF-Radio betonen: „Niemand muss sich Sorgen um sein Geld machen.“

Denn darum geht es am Ende. Um das Vertrauen der Privatkunden in das Bankensystem – denn sie bilden mit ihren Bareinlagen immer noch das Rückgrat des gesamten, unendlich komplizierten Bankensystems. Ein Bank Run – also eine Panik unter den Kunden – kann heute wie vor hundert Jahren Geldhäuser in die Knie zwingen.

Dabei hat sich schon sehr viel getan seit den Zeiten regelmäßiger Bank Runs. Tatsächlich ist die ganze moderne Struktur des Banken- und Geldsystems auf Schockresistenz ausgelegt. In der Mitte des Systems stehen Zentralbanken, die im Zweifelsfall einfach Geld drucken können – um Sparer auszubezahlen und den Kollaps des Bankensystems so zu verhindern.

Es ist ja nicht so, als hätten die Banken das ganze Geld der Sparer auf Konten oder in Tresoren rumliegen. Tatsächlich müssen die Banken in der Eurozone nur einen kleinen Teil der Einlagen auch als Reserve bei der Zentralbank oder als Bargeld halten. Banken können auf Basis dieser „Mindestreserve“ auch Kredite vergeben – wobei sie vorübergehend Geld „schaffen“, das bei der Rückzahlung des Kredits wieder verschwindet. So spielen die Banken eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Geldmenge.

„Aus der Luft“ kann aber nur eine Zentralbank Geld schaffen. Der sind wiederum die Hände gebunden, wenn die Banken von ihrem Recht, das Zentralbankgeld zu vervielfältigen, keinen Gebrauch machen, weniger Kredite vergeben und lieber auf Nummer sicher gehen. Dann entsteht Deflationsgefahr – wie derzeit in der Eurozone. Aber für die einfachen Sparer ist das freilich egal. Seit der Krise kommen sie nicht nur wegen der niedrigen Zinsen unter Druck. Ihr Vertrauen ins System wird auf eine harte Probe gestellt.

 

Verstaatlichtes Geldsystem

In Griechenland bunkerten die Menschen auf dem Höhepunkt der Krise große Summen in Form von Bargeld zu Hause. Die Logik war klar: Selbst wenn die Banken fielen und Griechenland aus dem Euro müsste – würden die Scheine ja ihren Wert behalten. Das Bankensystem wurde in dieser Zeit auf eine harte Probe gestellt, hielt im Großen und Ganzen aber stand (mit Hilfe der EZB).

In Zypern war es ähnlich. Als das Bankensystem im März 2013 fast kollabiert wäre und die Bankfilialen für eine Woche geschlossen waren, ließ die EZB eigens fünf Milliarden Euro in Bargeld einfliegen, um dem Ansturm der Kunden nach den „Bankferien“ gerecht zu werden. Insofern hat das System sich bewährt. Je freier ein Banksystem, desto eher sind die Kunden auf ihr eigenes Vertrauen in das Haus und den Bankier angewiesen. Die zunehmende Verstaatlichung des Geldystems im vergangenen Jahrhundert hat ein Sicherheitsnetz eingezogen. Denn wenn eine Zentralbank akut Bargeld bereitstellt, heißt das nicht automatisch, dass die „überrannte“ Bank auch pleite ist – nur, dass sie nicht über genügend kurzfristig liquide Mittel verfügt. Aber ohne Zentralbank wäre eine Bank ohne liquide Mittel trotzdem dem Untergang geweiht, wenn zu viele Kunden gleichzeitig ihr Geld verlangten.

Auch das neue System hat Tücken. So wurde die „Einlagensicherung“ während der Eurokrise deutlich gestärkt, um einen Bank Run zu vermeiden. Jetzt können die Sparer im Zweifelsfall ihrer Bank und/oder dem Staat vertrauen. Aber den Politikern wäre ohnehin lieber, es würde weniger gespart – und mehr konsumiert. (jil)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2014)

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