Nachbar in Not: Ungarn droht Pleite

Das Land ist hoch verschuldet, neues Geld kommt nur zögernd nach. Die EZB springt mit einem Notkredit ein und pumpt kurzfristig fünf Mrd. Euro in Richtung Budapest.

Ferenc Gyurcsany
Ferenc Gyurcsany
(c) REUTERS (LASZLO BALOGH)

Wien/Budapest. Wem der drohende Staatsbankrott Islands – schon alleine geografisch – nicht nahegegangen ist, dem reicht jetzt ein Blick über die österreichische Grenze. Denn dort kämpft mit Ungarn nun erstmals auch einer unserer Nachbarn gegen den Kollaps.

Seit Jahren ringt die Regierung in Budapest mit hohen Staatsschulden – 2007 waren es 62 Mrd. Euro. Im Vergleich zum BIP ist das zwar nicht viel mehr als die österreichische Staatsschuld, aber keine andere junge Marktwirtschaft Zentraleuropas hat so hohe Schulden. Es wäre immer noch kein Problem, solange sich diese Schulden etwa über Staatsanleihen gegenfinanzieren lassen. Doch seit einigen Tagen ist das Vertrauen in den „Schuldner Ungarn“ stark gesunken und der Markt für Staatsanleihen völlig zusammengebrochen. Die nationale Währung, der Forint, und die Aktienmärkte rasselten gleich mit nach unten.

 

Bis Jahresende Geld genug

Nun springt die Europäische Zentralbank (EZB) ein und pumpt kurzfristig fünf Mrd. Euro in Richtung Budapest. Um einen möglichen Staatsbankrott abzufangen, ist das Geld zu wenig, für eine kurzfristige Erholung des Forint hat es am Donnerstag aber gereicht. Gedacht ist die Finanzspritze jedoch als vertrauensbildende Maßnahme, die wieder Ruhe in die angespannten Kreditmärkte des Landes bringen soll. Gelingt das nicht, stehen die Ungarn vor einem ernsten Problem: „Bis Ende des Jahres, heißt es, kann sich Ungarn auch ohne neue Staatsanleihen über Wasser halten“, sagt Sándor Richter, Ungarn-Experte am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Gibt es dann keine neuen Käufer, wird wohl ein gemeinsames Hilfspaket von EZB und IWF (Internationaler Währungsfonds) nötig.

Während andere Beobachter die drohende Insolvenz des Landes nur als „Überreaktion der Märkte“ sehen, feilt die Regierung in Budapest fieberhaft an einem Rettungspaket. Doch vor dem „nationalen Gipfel“ am Samstag, zu dem Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány alle Parteien, Sozialpartner und gesellschaftlichen Kräfte eingeladen hat, herrscht Ratlosigkeit.

Der Regierungschef werde wohl gravierende Sparmaßnahmen und Belastungen vorschlagen, welche die Opposition kategorisch ablehnen werde, vermuten Beobachter. Unter Berufung auf die Krise würden beide Seiten den Gegner beschuldigen, keine Einigung zu ermöglichen. Die erhofften Staatsgarantien für die ungarischen Banken könne das Land nur mit internationaler Hilfe abgeben.

 

Dominoeffekt in Osteuropa?

Selbst wenn Ungarn, wie zu erwarten, von EZB und IWF aufgefangen werden sollte, wird sich das Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren nur wenig über der Nulllinie bewegen. Die Nachfrage in Westeuropa geht zurück, das schwächt die Industrie des Exportlandes. Für nötige Investitionen fehlen leistbare Kredite.

Schlimmer noch: 56 Prozent des gesamten Kreditvolumens wurden nicht in der heimischen Währung ausgeschüttet. Sollte der Forint weiter abgewertet werden, stünden viele Fremdwährungskreditnehmer vor ernsten Problemen. Davon wären wiederum auch heimische Banken betroffen, die einen großen Anteil des ungarischen Bankenmarktes kontrollieren.

Ob der Gipfel am Wochenende bereits die Rettung des Landes bringen wird, scheint ungewiss. Entscheidend wird aber die Frage sein, ob Ungarn nur das erste Glied in einer ganzen Kette an osteuropäischen Staaten ist, die wegen der Finanzkrise um ihre finanzielle Existenz fürchten müssen. Serbien und die Ukraine haben, wie auch Ungarn, bereits um Hilfe beim IWF angesucht.

„Ungarn ist in der schlechtestmöglichen Position“, sagt Vladimir Gligorov, Finanzmarktexperte am WIIW. Sollte sich die internationale Finanzkrise nicht rasch entspannen, erwartet er in Zukunft weitere Hiobsbotschaften aus der Region. Erste Kandidaten wären aus seiner Sicht demnach Bulgarien, Rumänien und Kroatien.

 

Sparfreudigkeit erhöhen

Zumindest für die EU-Länder müsste wohl die EZB wieder mit schnellen Krediten zur Stelle sein. Eine Lösung des Problems sieht der Experte darin aber nicht. „Geld ist nett, aber nur eine zwischenzeitliche Lösung“, sagt er. Langfristig müssten diese Länder die Abhängigkeit von ausländischen Importen reduzieren und ihre Leistungsbilanzdefizite in den Griff bekommen.

Der Weg dahin dürfte vielen nicht schmecken. Denn das hieße weniger Konsum und höhere Sparquoten.

(c) Die Presse / LB

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2008)

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