Die Minuszinsen werden zum Bumerang

Die Hinweise verdichten sich, dass negative Zinsen genau das Gegenteil von dem bewirken, was sie sollen: Statt kräftig zu konsumieren, sparen die privaten Haushalte noch mehr.

Wien. Alles begann in Dänemark. Schon 2012 wagte sich die Notenbank in Kopenhagen auf ein Terrain, das in der Geschichte noch niemand betreten hatte: Sie bestrafte Geschäftsbanken, die bei ihr Geld einlagerten, mit einem negativen Zins. Es folgten die Europäische Zentralbank im Juni 2014, die Schweiz im Jänner 2015 und schließlich, im Februar dieses Jahres, Schweden und Japan.

Wohin das Experiment führt, weiß niemand. Eine der wesentlichen Hoffnungen beruht auf den privaten Haushalten: Auch wenn man nicht erwartet, dass die Banken die Minuszinsen an ihre Sparkunden weitergeben (was zur Renaissance des Sparstrumpfs führen würde), so sollten doch die Zinsen auf Guthaben gegen null sinken. Zudem sollte schon die Existenz eines negativen Zinssatzes als klares Signal wirken: Spart nicht, gebt das Geld gleich aus, belebt die Wirtschaft, sorgt für Wachstum!

Geht die Rechnung auf? Noch ist es zu früh, Bilanz zu ziehen. Aber die OECD-Daten zeigen eine klare Tendenz: In keinem betroffenen Land ist die Sparquote signifikant gesunken. Bestenfalls stagniert sie, oder aber sie steigt – am deutlichsten in dem Land, in dem das Experiment schon am längsten dauert: in Dänemark. Der Schuss, so scheint es, geht nach hinten los. Ausgerechnet in den USA, die eine Zinswende nach oben vollzogen haben, sparen die Bürger weniger. Die Minuszinsen stellen also nicht nur unser Verständnis von Geld auf den Kopf, sondern auch die Weisheiten der Lehrbücher.

Aber warum? An möglichen Erklärungen mangelt es nicht, und man hört sie auch auf der Straße. Die Menschen sind verunsichert, haben das Gefühl, dass die Dinge sehr schlecht laufen, wenn die Währungshüter zu so „verrückten“ Mitteln greifen. Wer sich Sorgen macht, hält sich bei Ausgaben zurück. Und wer bis zum Lebensabend eine bestimmte Summe ansparen will, legt noch mehr zur Seite, wenn er keine Zinsen bekommt.

Firmen horten Geld

Auch der zweite Kanal funktioniert offenbar nicht: Die negativen Renditen auf Anleihen treiben ja die Anleger in Aktien und Immobilien, die dadurch teurer werden. Durch die Wertsteigerung sollten sich die glücklichen Besitzer reicher fühlen und entsprechend mehr ausgeben. Das Problem: Davon profitieren vor allem die Wohlhabenden, die bei Zuwächsen nur einen relativ kleinen Teil davon in den Konsum stecken. Dafür bremst ein Immobilienboom den Konsum der Ärmeren, wenn sie mehr Miete zahlen.

Jüngste Daten aus Tokio gehen allesamt in die falsche Richtung: Seit die Bank of Japan die Einlagezinsen ins Minus drehte, gingen die Ausgaben der privaten Haushalte zurück. Ihre Geldbestände legten im ersten Quartal um 1,3 Prozent zu. Und die Unternehmen? Sie sollten ja dank niedriger Kreditzinsen mehr investieren – zumal ihnen die Banken, dem Plan nach, schon vorhandenes Geld fast nachwerfen, um ihre mit Strafzins belegten Barreserven loszuwerden.

Aber, ach, die Firmen haben selbst genug Mittel – und horten sie. In Japan stiegen ihre Bestände im ersten Quartal so stark wie seit den 1990er-Jahren nicht mehr. Auch die Cashberge der Unternehmen in Europa, Afrika und im Nahen Osten wuchsen im Vorjahr um 15 Prozent an, nach 13 Prozent in 2014 (laut Moody's-Daten, die das „Wall Street Journal“ zitiert). Wer nicht hoffnungsvoll in die Zukunft blickt, investiert eben nicht.

Was sagen Notenbanker dazu? Sie betonen, dass ihnen beim Minuszins andere Ziele wichtiger waren. Die Dänen, Schweizer und Schweden konnten vermeiden, dass zu viel Kapital in ihre sicheren Häfen fließt und ihre Währungen zu stark aufwerten. Die EZB-Tafelrunde in Frankfurt will mit allen Mitteln einer Deflation entgehen. Sie schwächt auch bewusst den Euro und macht so den Übersee-Exporteuren das Leben leichter. Nachhaltig ist diese Methode freilich nicht: Je besser sie wirkt, desto leichter löst sie Währungskriege aus.

Staaten als Profiteure

Bleibt das Argument, man ziele weniger auf die Sparer als auf private Schuldner ab. Aber auch dieser Kanal verstopft sich leicht: Wenn Banken ihre Negativzinsen nicht an die Sparer weitergeben können, halten sie sich vielleicht an Kreditnehmern schadlos. Zudem zwingen sie die Regulatoren zu weniger Risiko. Und wer ein Haus baut oder eine Wohnung kauft, hat wenig von niedrigen Hypothekarzinsen, wenn zugleich die Immobilienpreise in die Höhe schnellen. Nochmals: Für eine Bilanz der Negativzinsen ist es zu früh. Aber so, wie es zurzeit aussieht, kann sich nur eine Gruppe darüber freuen: die Politiker der hoch verschuldeten Staaten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2016)

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