Ressourcenverbrauch: Zum Wachsen verdammt

Ein geringes Wirtschaftswachstum führt zu Arbeitslosigkeit, ein konstantes zu einem kaputten Planeten. Forscher tüfteln an Visionen einer Welt, in der alle freiwillig für weniger Geld weniger arbeiten.

(c) AP (Ricardo Moraes)

Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten – diese kluge Regel passt auch auf die Frage aller Fragen zum Thema Wirtschaft: Warum muss sie jedes Jahr weiterwachsen, und wohin soll das alles führen? Darauf erklären Wissende milde lächelnd: Es wird immer produktiver gearbeitet, das spart Jobs, und wenn die Wirtschaft nicht zumindest gleich stark wächst, gibt es immer mehr Arbeitslose. Also brauchen wir das Wachstum, du Dummkopf!

Da lohnt es nachzubohren. Fangen wir mit den mathematischen Täuschungen an. Jedes Jahr drei Prozent Wachstum, wie Politiker es sich gern zum Ziel setzen, klingt aufs Erste recht moderat. Doch das trügt, denn die Kurve verläuft exponentiell. Die absoluten Zuwächse werden immer größer, Rekord folgt auf Rekord. In den nächsten 80 Jahren müsste sich die Wertschöpfung verzehnfachen. Das können wir uns nicht vorstellen, haben wird doch schon fast alles, was wir brauchen.

Oder fehlt uns die Fantasie dafür, wie gut es uns bald gehen wird? Nein, meint der Wachstumsforscher Friedrich Hinterberger vom Wiener Thinktank Seri. Zwar gebe es auch ganz oben auf der Bedürfnispyramide, wo der Bedarf an Waren gesättigt ist, noch viel Potenzial für vermarktbare Leistungen. Aber ihr Konsum erfordere zu viel Freizeit: „Um materielle Güter in großer Menge zu kaufen, genügen ein paar Stunden am Samstag auf der Mariahilfer Straße. Aber wenn wir uns künftig alle nur noch gegenseitig beraten, coachen und therapieren, müssen wir nach acht Stunden Arbeit auch acht Stunden lang die Arbeit anderer in Anspruch nehmen. Wie soll das gehen?“

Zuwächse sinken. Das Problem wird allerdings dadurch entschärft, dass die Wirtschaft, den Politikerreden zum Trotz, in Europa bereits seit 40 Jahren nicht mehr exponentiell wächst. Das zeigen Trendlinien, die das deutsche „Institut für Wachstumsstudien“ über die wild ausschlagenden Konjunkturkurven gelegt hat. Gleichmäßige prozentuelle Steigerungen sind nur noch in Schwellenländern üblich. An ihre Stelle treten in reifen Volkswirtschaften gleiche absolute Zuwächse und stetig sinkende Raten. Trotzdem kommt es zu keiner Massenarbeitslosigkeit.

Denn die Verlagerung der Wertschöpfung zu Dienstleistungen ist längst im Gang, und damit sinken die Produktivitätszuwächse – während Maschinen immer noch schneller produzieren, lässt sich die Selbstorganisation des Menschen nicht beliebig optimieren. Wie Marcus Scheiblecker vom Wifo bestätigt, ist die Wachstumsschwelle, ab der die Arbeitslosigkeit nicht steigt, schon deutlich gesunken: von drei auf zwei Prozent.

Verschwendetes Material. Noch etwas gibt Anlass zu vorsichtiger Hoffnung: Es ist seit 1980 nicht schlecht gelungen, den Ressourcenverbrauch vom Wachstum zu entkoppeln. Das zeigen die Grafiken links. In Industriestaaten wie Österreich blieb der Verbrauch fast konstant. Das liegt zum Teil aber auch daran, dass wir die „schmutzige“ Produktion in Schwellenländer ausgelagert haben. Dort könnten nun ressourcenschonende Technologien, die es bereits gibt, übernommen werden. Dann aber, warnt Hinterberger, ist das Potenzial so ziemlich ausgeschöpft.

Und wenn etwa China – wie angekündigt – bis 2050 das Wohlstandsniveau des Westens erreichen will, droht die Kurve des Ressourcenverbrauchs bald wieder steil anzusteigen. Dagegen haben die Forscher erst vage Strategien. Neben der schon genannten Servicegesellschaft tüfteln sie an Visionen einer Welt, in der alle freiwillig für weniger Geld weniger arbeiten.

„Viele, die gut verdienen, wünschen sich das schon heute“, glaubt Hinterberger. Aber die Rahmenbedingungen einer Gesellschaft der Ganztagesjobs machen es ihnen schwer.

Kurzfristig am meisten erwartet sich Hinterberger vom Materialcontrolling. Eine vielbeachtete Studie der Industrie- und Handelskammer Hannover zeigt, dass ein Fünftel des Materials in der Industrie leicht eingespart werden könnte – mit Investitionen, die sich in einem Jahr amortisieren. Heute zahlen die Firmen dreimal drauf: Sie kaufen zu viel ein, brauchen bei der Verarbeitung zu viel Energie und müssen zu viel Abfall teuer entsorgen.

Warum aber lassen sie Geld auf der Straße liegen? „Weil der Fokus oft ausschließlich auf den Personalkosten liegt“, vermutet Hinterberger. Zumindest bei der Arbeit der Controller scheint das Potenzial für höhere Produktivität also noch enorm zu sein.

(c) Die Presse / JV

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2009)

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