Das neue Geld aus dem Computer

Eine Zentralbank nach der anderen verfällt der Faszination von Bitcoin. Ihr Schluss: Cryptowährungen sind eine tolle Idee, die den Währungshütern eines Tages den Job kosten können.

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(c) APA/AFP/KAREN BLEIER

Digitales Geld ist nicht neu. Auch wenn das gute alte Bargeld in Österreich noch immer König ist – die Worte „mit Bankomat bitte“ sind von keiner Supermarktkasse wegzudenken. Dennoch herrscht seit geraumer Zeit helle Aufregung um das Thema Bitcoin. Diese sogenannte Cryptowährung fasziniert nicht nur Geeks und Start-ups. Auch die Banken und Zentralbanken sind längst an dem Thema dran. Zuletzt ist die Währung endgültig in der analogen österreichischen Realität aufgeschlagen – bei der SPÖ. Bundesrat Stefan Schennach würde Bitcoin gern verbieten lassen.

Aber daran sind schon größere rote Parteien gescheitert als die heimische Sozialdemokratie. China hat schon versucht, die Nutzung von Bitcoin einzuschränken – mit wenig Erfolg. Die dezentrale Abwicklung der Währung, die sozusagen in der „Cloud“ stattfindet, setzt staatlichen Regulierungsfantasien arge Grenzen. Freilich: Verglichen mit den staatlich vorgeschriebenen Währungen ist Bitcoin noch nicht einmal ein Zwerg. Aber los werden wir die digitale Währung aus dem Netz so schnell nicht.

Man müsste schon das Internet abschalten, um Bitcoin zu stoppen. Dann funktioniert aber auch das herkömmliche Netbanking nicht mehr. Es sind diese bisher ungekannten Eigenschaften der digitalen Währung, die selbst den Experten der Zentralbanken Kopfzerbrechen bereiten. So studieren die Ökonomen der chinesischen Zentralbank Bitcoin längst in einer eigenen Arbeitsgruppe.

 

Fed: Bitcoin ist „Geniestreich“

Gleichzeitig basteln die Chinesen an einer eigenen, staatlichen Digitalwährung. Aber Details sind dazu keine bekannt. In Europa ist man schon viel weiter. Die EZB hat zwei ausführliche Reports über Bitcoin geschrieben. Ein Verbot fordern die europäischen Währungshüter nicht. Lediglich „beobachten“ will man die Entwicklung der Währung, deren Zukunft man vor allem als Alternative zu Zahlungssystemen wie PayPal sieht.

In den USA herrscht geradezu Begeisterung. So nannte David Andolfatto, der Research-Leiter der Federal Reserve von St. Louis, Bitcoin einen „Geniestreich“. Für Bundesrat Schennach hat er aber schlechte Nachrichten. Es sei „praktisch unmöglich“, Bitcoin zu verbieten, so Andolfatto. Statt sich über Verbote Gedanken zu machen, sollten die Zentralbanken „die aufsteigende Konkurrenz mit offenen Armen empfangen“ – eine andere Wahl bleibe ihnen ohnehin nicht. Es handle sich bei Bitcoin um „ein Geldsystem unter der Kontrolle eines Computeralgorithmus, das günstige Bankservices für jedermann auf der Welt zugängig macht.“ Bitcoin bringe eine „digitale Geldversorgung frei von politischer Manipulation“.

Die Währung sei ultimativ zwar eine „Bedrohung“ für Zentralbanken – diese müsse man aber begrüßen. Denn Bitcoin könne helfen, die Geldpolitik zu „disziplinieren“. Die Währung sei fundamental mit Gold zu vergleichen: Es gibt eine „relativ fixe“ Geldmenge, aber eine stark fluktuierende Nachfrage.

Auch die Bank of England ist von Bitcoin inzwischen fasziniert: Die Technologie hinter Cryptowährungen werde „weitreichende Auswirkungen“ haben, da sie Zahlungen ohne Zwischenmann ermögliche. Wie bei einer Cash-Transaktion auf dem Markt brauchen Menschen für eine Bitcoin-Zahlung weder eine Bank noch eine Zentralbank.

Die Bilanz der Bank of England: Bitcoin könnte das gesamte Finanzsystem revolutionieren sowie – ironischerweise – auch die menschlichen Währungshüter, und große Teile der heute bestehenden Finanzinfrastruktur durch Computeralgorithmen ersetzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2016)

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