Schwarz vermieten, der spanische Volkssport

54 Prozent aller Vermieter kassieren bar auf die Hand und schmuggeln die Mieteinnahmen am Finanzamt vorbei. Strom-, Gas- und Wasserwerke sollen nun den Finanzbehörden den Verbrauch pro Wohnung melden.

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Wien (gau). „Die vom Fiskus wollen, dass meine 91-jährige Mutter Steuern für eine Wohnung zahlt, die sie vermietet“, empört sich Señora Rosa in einem Onlinekommentar. „So als ob das ein Arbeitseinkommen wäre. Die sollen besser drauf schauen, dass die Steuerlast sinkt. Und überhaupt: Mein Zahnarzt schreibt auch keine Rechnungen und verdient sich eine goldene Nase damit.“

Die Spanier, ob reich oder arm, haben eine dauerhaft gestörte Beziehung zu ihren Steuereintreibern. Das zeigen auch neue Daten vom Verband der Finanzinspektoren (Gestha): 54 Prozent aller Vermieter kassieren bar auf die Hand und schmuggeln die Mieteinnahmen am Finanzamt vorbei. So entgehen dem Fiskus jedes Jahr rund 2,5 Mrd. Euro.

 

Ein Viertel des BIPs entgangen

Aber die illegalen Tendenzen der Hausbesitzer sind nur ein exotischer Auswuchs einer allgemein desaströsen Steuermoral: Über alle Einkünfte hinweg summieren sich die entgangenen Staatseinnahmen auf ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Bis vor Kurzem lautete die Devise: Jeder weiß es, aber es passiert nichts. Durch den Wirtschaftsboom schaffte es die Regierung trotz zahlloser Löcher im Staatssäckel recht mühelos, ein „superávit“ zu erzielen – einen Budgetüberschuss, ein hierzulande nur theoretisch geläufiger Begriff.

Überhitzt wurde das Wachstum durch eine Blase am Immobilienmarkt. Vor allem die zahllosen Zweitwohnsitze an der zubetonierten Mittelmeerküste wurden fast komplett schwarz vermietet, oft an sonnenhungrige Nordeuropäer. Und auch wenn in der Stadt Migranten oder Studenten logieren, sind unterschriebene Verträge so gut wie unbekannt. Noch 2008 stieg die Zahl der Mietobjekte landesweit um 18 Prozent – die ausgewiesenen Mieteinnahmen jedoch verdächtigerweise nur um 0,1 Prozent.

Dann platzte die Blase, und Spanien wurde härter von der Krise getroffen als die meisten anderen EU-Staaten. Jetzt sucht die Regierung Zapatero fieberhaft nach neuen Einkunftsquellen. Auch den betrügerischen Vermietern will sie den Kampf ansagen. Bisher fühlten sich die Inspektoren machtlos– solange Mieter und Vermieter eisern schwiegen, war es zu aufwendig, die Betrugsfälle aufzudecken.

Nun aber sollen sie eine scharfe Waffe in die Hand bekommen: Die Strom-, Gas- und Wasserwerke sollen den Finanzbehörden den Verbrauch pro Wohnung melden. Damit ist leicht nachzuprüfen, ob eine Wohnung tatsächlich leer steht oder vielmehr illegal vermietet wird.

Die härtere Gangart richtet sich gegen den Trend, floriert doch gerade in der Krise die Schattenwirtschaft. Aber die Miete steht auch deshalb stark im Fokus, weil sie an Bedeutung gewinnt. Die Spanier sind traditionell Mietmuffel. Nur 13 Prozent leben in einer Wohnung, die einem anderen gehört. Im Rest Europas sind es im Schnitt 40 Prozent.

 

Miete wird populärer

Das Eigenheim gehörte lange zu den selbstverständlichen Lebenszielen der stolzen Iberer. Fatal ergänzt um eine allzu leichte Schuldenaufnahme, befeuerte der kollektive Wunsch den Immobilienboom. Wer noch keiner Hypothek würdig war, blieb bei der Familie: 65 Prozent der Spanier im Alter von 25 bis 29 Jahren leben bei den Eltern. Angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von dramatischen 45 Prozent wird sich daran so schnell nichts ändern. Wer aber überhaupt die Nabelschnur abschneiden kann, wird sich meist nur eine gemietete Wohnung leisten können. Deshalb wird die Vermietung gesetzlich kräftig gefördert.

Auch für die Vermieter soll das Geschäft attraktiver werden. Denn bisher haben sich auch viele Mieter nicht gerade fein benommen. Sie nutzen eine träge Bürokratie, die ihnen erlaubt, im Schnitt 14 Monate mit der Miete im Rückstand zu sein, bis ernsthaft eine Delogierung droht. Das macht vielen Wohnungseigentümern Angst. Die Folge: Sie lassen ihre Immobilien leer stehen. Eine „Expresszwangsräumung“ in sieben Monaten soll das nun ändern. Es bräuchte wohl vieler solcher Maßnahmen, um Spanien „express“ aus seiner tiefen Krise zu holen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2010)

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