E-Mails enthüllen Wahrheiten über die Bankenkrise

Der US-Kongress durchleuchtet Millionen Dokumente zur Finanzkrise. Erstes Fazit: Die Rating-Agenturen frisierten Bewertungen für Großkunden, und Goldman Sachs verdiente anfangs bestens am Immobilienkollaps.

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(c) AP (Rob Griffith)

Wien (gau). Wie konnte es zur Finanzkrise kommen? Ein E-Mail sagt oft mehr als tausend Analysen: „Jason schaut sich gerade ein paar Anpassungen in unseren Methoden an, die für eure Leute von Nutzen sein sollten.“ Ein solcher Satz, den ein eifriger Kundenbetreuer seinem unzufriedenen Klienten schreibt, klingt harmlos.

Aber er ist hoch explosiv, wenn der Lieferant die Rating-Agentur Moody's ist und der Kunde die US-Großbank JP Morgan Chase. Zumal, wenn es um ein Rating für aus Ramsch-Hypotheken gebastelte Wertpapiere geht. Und noch mehr, wenn das E-Mail von kurz vor dem Einsturz des US-Immobilienmarktes und dem Ausbruch der Finanzkrise datiert.

Dass sich die drei großen Rating-Agenturen in einem massiven Interessenkonflikt befanden, steht als plausibler Verdacht schon lange im Raum: Sie werden ja von Banken dafür bezahlt, deren Produkte zu bewerten. Aber wirkliche Beweise gab es dafür nicht – bis jetzt. Denn nun hat ein Untersuchungsausschuss des US-Kongresses 500 Seiten an Dokumenten veröffentlicht, die zeigen, unter welchem Druck die Agenturen von 2005 bis zum Ausbruch der Immobilienkrise im Jahr 2007 standen.

Sie lieferten sich einen erbitterten Kampf um Marktanteile, und die Kunden nutzten das weidlich aus. „Ich hab gehört, ihr überarbeitet eure Rating-Methoden für hypothekenbesicherte Wertpapiere. Hab gehört, unsere Ratings könnten dann fünf Stufen schlechter sein als bei Moody's. Dann bring ich euer Geschäft um“ – so drohte ein UBS-Banker einem Angestellten von Standard & Poor's per E-Mail im Mai 2006.

Dabei handelte es sich nicht um Einzelfälle, und die Geschäftsführer wussten Bescheid. „Unsere Fehler“, schrieb ein hoher Moody's-Manager 2007 an seine Vorgesetzten, „legen nahe, dass wir entweder bei der Kreditanalyse unfähig sind oder unsere Seele dem Teufel verkauft haben, um mehr Umsatz zu machen – oder beides.“

 

Blankfein muss aussagen

Doch nicht nur die Rating-Agenturen verfluchen zurzeit die Segnungen des elektronischen Gedankenaustausches. Auch die Großbank Goldman Sachs gerät durch ihre Textarchive immer stärker unter Druck. Vor eineinhalb Wochen wurde sie von der US-Wertpapieraufsicht SEC verklagt.

Sie soll ein komplexes Finanzprodukt verkauft haben, ohne die Kunden aufzuklären, dass ein großer Hedgefonds zugleich auf fallende Kurse von „Abacus“ wettete – und das Produkt mitgestalten durfte. Das Beweismaterial: E-Mails des als Wunderkind gepriesenen Traders Fabrice Tourre.

Nun bohrt ein zweiter Untersuchungsausschuss im Senat auch in dieser Causa nach. Die Ermittler durchackerten 20 Millionen Seiten – und wurden fündig. Am Wochenende veröffentlichten auch sie ihre Ergebnisse.

Heute, Dienstag, muss sich Bankchef Lloyd Blankfein vor dem Ausschuss gegen neue Vorwürfe verteidigen: Seine Händler hätten aus der Immobilienkrise, bei der Millionen Amerikaner ihr Eigenheim verloren haben, ihren Nutzen gezogen und mit Wetten gegen den Markt und die eigenen hypothekenbesicherten Wertpapiere „richtig Geld“ gemacht. So steht es in einem E-Mail eines Bankmanagers vom Oktober 2007.

Und das war gar kein Geheimnis: Schon einen Monat später klopfte Blankfein persönlich in einem Rundmail seiner Belegschaft virtuell auf die Schulter: „Natürlich sind wir vom Hypotheken-Chaos nicht verschont worden. Wir haben Geld verloren, aber dann haben wir dank der Leerverkäufe mehr gewonnen als verloren.“

 

Erst Gewinne, dann Verluste

Die Bank rechtfertigt sich damit, dass sie nur 2007 durch eine vernünftige Versicherung („Hedging“) ihrer Immobilienprodukte noch Gewinn in diesem Sektor machte. Als sich die Krise 2008 dramatisch ausweitete, sei auch Goldman mit 1,7 Milliarden Dollar auf die Nase gefallen (und musste später Staatshilfe beantragen).

Aber auch die Profite davor seien mit 500 Millionen Dollar „nicht bedeutend“ gewesen. Es geht also um die feinen Unterschiede zwischen „richtig Geld“ machen und „nicht bedeutende Gewinne“ erzielen – und um den schmalen Grat zwischen vorsichtigem Risikomanagement und wilder Spekulation.

 

Riskante Flucht nach vorne

Um ihre Argumentation zu untermauern, hat die PR-Abteilung von Goldman Sachs nun von sich Dokumente auf die Webseite der Bank gestellt. Dieser Schuss könnte freilich nach hinten losgehen. Denn nun kann jedermann E-Mails einsehen, die etwas anderes beweisen: dass die Bank sich zu Beginn des Preisverfalls nicht nur absicherte, sondern die Produkte, die sie selbst schon als brandgefährlich erkannt hatte, voller Elan weiter verkaufte.

„Lasst uns die Dinge aggressiv verteilen, also das Risiko verringern“, heißt es in einem Mail des Finanzvorstands David Viniar vom Dezember 2006, „denn der Markt wird noch stärker in Not geraten – und von den Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, wollen wir profitieren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2010)

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