Fords Elektroauto wird ein VW

Ford und Volkswagen gaben am Freitag eine enge Kooperation bei der Elektromobilität und beim autonomen Fahren bekannt.

Herbert Diess (VW, li.) und Jim Hackett (Ford) verkündeten in New York die Kooperation.
Herbert Diess (VW, li.) und Jim Hackett (Ford) verkündeten in New York die Kooperation.
Herbert Diess (VW, li.) und Jim Hackett (Ford) verkündeten in New York die Kooperation. – REUTERS

New York/Wien. Anfang des Jahres ließen VW und Ford eine kleine Bombe platzen: Man bilde eine globale Allianz und werde künftig bei der Entwicklung von Transportern und mittelgroßen Pick-ups zusammenarbeiten.

Im Vergleich damit war die gestrige Ankündigung der Konzernchefs Herbert Diess (VW) und Jim Hackett (Ford) eine Atombombe: Die beiden Autobauer, aktuell Nummer eins und Nummer vier der Welt, werden auch bei Elektroautos und bei der Entwicklung von autonom fahrenden Autos kooperieren. Die Zusammenarbeit geht so weit, dass der erste vollelektrische Ford-Pkw, der 2023 nach Europa kommt, auf der VW-Plattform für Elektroautos entstehen wird. Vereinfacht gesagt: Unterhalb der Karosserie wird der Ford ein VW sein.

Man habe lange verhandelt und sei in einer guten Atmosphäre zu der Übereinkunft gekommen, erklärte Hackett am Freitag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Diess in New York. Ford wird als erster Autohersteller den Modularen E-Antriebsbaukasten (MEB) nützen, auf dem der Volkswagen-Konzern die Elektroautos für seine verschiedenen Marken – VW, Skoda, Seat – bauen wird. Das US-amerikanische Unternehmen will in Europa zwischen 2023 und 2029 etwa 600.000 E-Autos verkaufen. Darüber hinaus prüfe man, noch ein zweites Modell auf der MEB-Basis von VW für den europäischen Markt anzubieten.

Diese Stückzahlen sind für VW zwar lächerlich gering. Der Konzern will in den kommenden zehn Jahren mehr als 15 Millionen Fahrzeuge auf dem MEB bauen, dessen Entwicklung etwa sieben Milliarden Dollar gekostet hat. Die Deutschen haben aber mit der Allianz mit Ford einen für sie besonders wichtigen Schritt gesetzt: Sie haben erstmals einem anderen Autokonzern ihre Plattform verkaufen können. Schon vor Monaten hat VW erklärt, den MEB auch der Konkurrenz anbieten zu wollen. Das hat zweierlei Hintergründe: Je öfter die Plattform produziert wird, umso günstiger wird sie. Noch wichtiger ist freilich, was daraus folgen könnte: Dass die Plattform nämlich durch die große Verbreitung im Bereich der Elektroautos Standards setzt. Ganz so, wie es Microsoft einst gelungen war, durch die massenhafte Lizenzierung von Windows sein Betriebssystem zu einem weltweiten Standard zu machen, während Apple sein System eifersüchtig hütete, nur auf den eigenen Computern einsetzte und so ein Minderheitenprogramm blieb.

 

Auch BMW und Mercedes kooperieren

Ford wird die VW-Plattform für kleinere Elektroautos in Europa nutzen, für die geplanten elektrischen Versionen des Pick-ups F150 und des Sportwagens Mustang verwendet der Hersteller eine eigene Plattform. Insgesamt gibt Ford 11,5 Milliarden Dollar für die Elektrifizierung seiner weltweiten Fahrzeugpalette aus.

Die zweite Kooperation betrifft autonome Autos. VW und Ford investieren gemeinsam in das US-Unternehmen Argo AI, an dem sie künftig eine „bedeutende Mehrheit“ halten werden. Die Deutschen zahlen eine Milliarde Dollar in Cash und bringen ihre Tochtergesellschaft Autonomous Intelligent Driving (AID) in Argo ein, die mit 1,6 Milliarden Dollar bewertet ist. Ford wird weitere 600 Mio. Dollar investieren.

Argo, das erst 2016 von einem ehemaligen Mitarbeiter des Google-Roboterautoprojekts und einem einstigen Uber-Manager gegründet worden ist, hat große Fortschritte bei der Entwicklung der Software für selbstfahrende Roboterautos gemacht. 2017 kaufte sich Ford bei dem Start-up ein.

Kooperationen wie diese zwischen VW und Ford werden in der derzeit schwächelnden Autoindustrie zu einer Überlebensfrage, um die hohen Kosten des grundlegenden Wandels finanzieren zu können. Elektroautos, selbstfahrende Autos, neue Antriebstechnologien wie etwa Wasserstoff verschlingen Milliarden an Forschungsgeldern.

So haben heuer auch schon die eigentlichen Erzrivalen BMW und Mercedes (Daimler) eine Kooperation angekündigt und erklärt, man werde beim autonomen Fahren zusammenarbeiten. Doch es wird bereits spekuliert, dass BMW und Mercedes künftig möglicherweise auch gemeinsam Plattformen für Pkw entwickeln.

AUF EINEN BLICK

Volkswagen und Ford wollen künftig bei der Entwicklung von Elektrofahrzeugen und Roboterautos die Kräfte bündeln, um gemeinsam die hohen Kosten für den grundlegenden Wandel zu stemmen. Die Kooperation geht so weit, dass Ford sein erstes für Europa geplantes Elektroauto auf der Plattform bauen wird, die Volkswagen speziell für seine E-Autos entwickelt hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2019)

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