Warren Buffett: Das nette Gesicht des Kapitalismus

Warren Buffett ist ein begnadeter Investor, der drittreichste Mensch der Welt und einer der großzügigsten Wohltäter, die es je gab. Jetzt wird er 80 Jahre alt – und seine Fans freut das überhaupt nicht.

Warren Buffett nette Gesicht
Warren Buffett nette Gesicht
Warren Buffet – (c) AP (Mark Lennihan)

Niemand kommt rein zufällig nach Omaha – und absichtlich kommen auch nur wenige. Die Hauptstadt des US-Bundesstaates Nebraska liegt weit abseits der großen Touristenströme, ist kein Verkehrsknotenpunkt und bietet gezählte null Sehenswürdigkeiten. Nach Omaha verschlägt einen das Schicksal; man wird hier geboren oder muss hier arbeiten. Andere vernünftige Gründe, die Minimetropole im Mittleren Westen anzusteuern, gibt es eigentlich nicht.

Es sei denn, man ist Besitzer einer Aktie der Investmentholding Berkshire Hathaway. Für die Shareholder ist das unscheinbare, langweilige Omaha alljährlich Anfang Mai ein Sehnsuchtsort mit magischer Anziehungskraft. Wenn Warren Buffett, geboren und wohnhaft in Omaha, zum Aktionärstreffen einlädt, kommt Leben in das Städtchen. Zehntausende reisen an, um ihr Idol live zu erleben, an seinen Lippen zu hängen, im selben Steakhouse zu dinieren, oder vielleicht, mit viel Glück, seinen Sakko-Ärmel zu berühren. Buffett revanchiert sich für die Huldigungen, indem er launig über den Finanzmarkt referiert, Autogramme gibt und den Aktionären ein paar Liedchen auf der Ukulele vorspielt.

Warren Buffett ist Vorstandsvorsitzender und größter Aktionär von Berkshire Hathaway, drittreichster Mensch der Erde und in der profanen Welt der Hochfinanz so etwas wie ein Messias. Sein Talent als Investor hat viele Menschen reich gemacht. Nebenbei ist Buffett einer der größten Wohltäter, die es je gab. Am 30. August wird Buffett 80 Jahre alt – doch für seine Anhänger ist das kein freudiges Ereignis. Mit jedem Geburtstag rückt der Tag näher, an dem der Boss den Rückzug antreten wird. Und das „Orakel von Omaha“ kann man nicht ersetzen.

Eine blitzsaubere Sache. Wer 1965 eine Aktie von Buffetts Investmentgesellschaft kaufte, zahlte dafür 18 Dollar. Heute ist das Papier 115.000 Dollar wert und die teuerste Aktie der Welt. Es gab durchaus Rückschläge in diesen Jahren. Doch unter dem Strich war das Investment ein unschlagbares Geschäftsmodell. Bei den Aktionärstreffen kursieren rührende Geschichten über alte Leutchen, die beim Aufräumen im Schrank längst vergessene Berkshire-Aktien fanden – und feststellen durften, dass sich deren Wert seit dem letzten Großputz vertausendfacht hatte. Ob solche Erzählungen stimmen, ist gar nicht wichtig. Sie könnten wahr sein, das ist die Hauptsache. Geld verdienen mit Warren Buffett gilt als moralisch einwandfrei; eine blitzsaubere Angelegenheit, für die sich niemand genieren muss.

Buffetts Vater Howard war Broker und republikanischer Kongressabgeordneter. Der Bub soll, so will es die Legende, schon im zarten Alter von sechs Jahren erste Erfahrungen als Geschäftsmann gesammelt haben: Er kaufte Coca-Cola-Sixpacks für 25 Cent und verkaufte die Flasche für fünf Cent. Warren Buffett studierte an der Wharton Business School der Universität von Pennsylvania und anschließend an der Universität von Nebraska. Sein IQ liegt über 150, doch für seine geschäftliche Strategie reicht eigentlich der Hausverstand. Drei Zitate des Meisters erklären stimmig, wie er seine Beteiligungen auswählt: „Ich suche Unternehmen, die ich verstehe und von deren Zukunftsaussichten ich überzeugt bin.“ „Konzentrieren Sie Ihre Investments. Wenn Sie über einen Harem mit vierzig Frauen verfügen, lernen Sie keine richtig kennen.“ „Man sollte nur in Firmen investieren, die auch ein absoluter Vollidiot leiten kann, denn eines Tages wird genau das passieren.“

Also sprach der Chef, und Berkshire Hathaway spiegelt diese Grundsätze ziemlich exakt wider. Zum Portfolio gehören große Aktienpakete von Coca-Cola, American Express und Kraft Foods. Vor ein paar Monaten steckte Berkshire 26 Milliarden Dollar in die Übernahme einer US-Eisenbahngesellschaft. Die Hightech-Blase samt Absturz Ende der 90er-Jahre ersparte Buffett seinen Aktionären. Unternehmen, deren Geschäftszweck er nicht durchschaut, kauft er nicht. Finanzderivate hat Buffett im Jahr 2002 als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet. Es rächte sich, dass er einmal nicht an die eigenen Grundsätze glaubte: Im zweiten Quartal 2010 hatte Berkshire auf steigende Aktienkurse gesetzt, doch die Indizes fielen. Die Holding verlor 1,4 Milliarden Dollar.

Warren Buffetts wichtigstes Charaktermerkmal ist die Kontinuität. Der Mann schätzt es gar nicht, wenn Dinge sich ändern. Das macht ihn zu einem geduldigen Investor und zu einer sympathisch-kauzigen Figur. Buffett wohnt noch immer in jenem Haus, das er 1958 für 31.500 Dollar gekauft hat. Seit 1982 arbeitet er mit dem sechs Jahre älteren Charlie Munger zusammen. Die beiden sitzen bei den Aktionärsmeetings gemeinsam auf dem Podium, trinken Kirsch-Cola und werfen einander die Pointen zu. Mit seiner 2004 verstorbenen Ehefrau Susan war Buffett 52 Jahre lang verheiratet, obwohl die Gattin schon Ende der Siebzigerjahre ausgezogen und nach San Francisco übersiedelt war. Man blieb eng befreundet, und Susan sorgte selbst für eine Nachfolgerin, indem sie ihren Mann mit einer Freundin bekannt machte – die er 2006 auch folgsam geheiratet hat. Als Chairman von Berkshire lässt sich Buffett ein Jahresgehalt von 100.000 Dollar zahlen, und zwar schon seit dreißig Jahren.

Geld zu besitzen oder gar auszugeben, sei nie der Antrieb seines Vaters gewesen, sagt Howard Buffett, der älteste Sohn. „Ihm geht es hauptsächlich darum, gute Geschäfte zu machen.“ Warren Buffett hat keine Millionärsallüren, und er kann es sich leisten, die eigene Kaste gewerbsmäßig vor den Kopf zu stoßen. Buffett unterstützt seit vielen Jahren die demokratische Partei, tritt für höhere Steuern ein und hält die üppigen Managergagen für unmoralisch. „Es herrscht Klassenkampf, meine Klasse gewinnt, aber das sollte sie nicht“, hat er einmal gesagt. Vor Kurzem gründete Buffett gemeinsam mit Bill Gates die Initiative „The Giving Pledge“ (das Spendenversprechen). Die beiden überredeten vierzig Milliardäre, mindestens die Hälfte ihres Vermögens zu verschenken. Buffett selbst, 47 Milliarden schwer, hat schon sehr viel gespendet und vertraglich festgelegt, dass fast neunzig Prozent seines Vermögens wohltätigen Zwecken zugeführt werden.

Dem Image des Kapitalismus hat der schmächtige Mann mit dem Opa-Charme und den großen Krankenkassenbrillen unschätzbare Dienste erwiesen. Buffett ist der Gegenentwurf zum Klischee des öligen Investmentbankers, der nur auf den nächsten Bonus schielt. Einem netten Typen wie ihm gönnt man das viele Geld irgendwie leichter.

Wall Street im Herzen. Doch Buffett hat auch weniger gemütliche Seiten. Während er gegen Finanzderivate wetterte, ließ er in Washington gegen strengere Auflagen für solche Geschäfte lobbyieren. Seine Kritik an den Ratingagenturen verliert etwas an moralischer Wucht, wenn man weiß, dass Berkshire Großaktionär bei Moody's ist und sehr viel Geld mit dieser Beteiligung verdient. Nur unter Strafandrohung war Buffett bereit, im US-Kongress zur Rolle von Moody's bei der Finanzkrise auszusagen. In die Kritik geriet zuletzt auch sein Engagement bei der Investmentbank Goldman Sachs, die von Berkshire vor dem Ruin bewahrt wurde. Buffett sei faktisch Goldman, schrieb das „New York Magazin“ im vergangenen Mai. „Er ist im Herzen ein Bewohner der Wall Street.“

Auf der Habenseite steht aber eindeutig mehr. Unter anderem Buffetts entwaffnende Ehrlichkeit, wenn es um eigene Fehler geht. Als Berkshire 2008 mit dem Ölwert ConocoPhilips fast zwei Milliarden Dollar Verlust eingefahren hatte, stellte sich der Boss vor die Aktionäre und sagte: „Das Timing für dieses Geschäft war einfach fürchterlich.“ Danach bekam das Publikum einen Kurzfilm zu sehen, in dem Buffett als Matratzenverkäufer auftrat. Der Aufsichtsrat habe ihm geraten, er solle lieber einen anderen Job probieren als den des Vorstandsvorsitzenden.

In Wirklichkeit ist Berkshire Hathaway ohne Warren Buffett kaum vorstellbar. Als Investor genießt der alte Mann eine solche Reputation, dass viele Aktien automatisch steigen, sobald Buffett sie gekauft hat. Ein Nachfolger wird ohne diesen Vertrauensvorschuss arbeiten müssen – dafür im Bewusstsein, dass er einem Idol hinterherhechelt.

Von Buffetts drei Kindern engagiert sich nur sein Sohn Howard im Unternehmen. Nach dem Willen des Vaters soll Howard, optisch die perfekte X-large-Version seines Vaters, eines Tages den Verwaltungsrat leiten. Als CEO ist er nicht vorgesehen. „Wenn ich sterbe, wird innerhalb von 24 Stunden ein neuer Vorstandsvorsitzender die Führung übernehmen“, erzählt Warren Buffett seit Jahren. Der Name des Glücklichen wird aber nicht verraten.

In letzter Zeit verdichten sich die Hinweise, dass ein junger Chinese zumindest einen Teil der Führungsaufgaben übernehmen könnte. „Meiner Ansicht nach ist das eine ausgemachte Sache“, sagte Charlie Munger, Buffetts engster Vertrauter. Der 44-jährige Li Lu leitet sehr erfolgreich einen Hedgefonds und wäre wohl auch sonst ganz nach dem Geschmack des Seniors. Bevor er nach Amerika kam, war er Menschenrechtsaktivist in seiner Heimat und bei den Protesten auf dem Tian'anmen-Platz 1989 dabei.

Doch bis auf Weiteres denkt Buffett nicht daran, sich auf sein Altenteil zurückzuziehen. „Was muss ich tun, um Ihr Nachfolger zu werden?“, fragte ein junger Mann auf der heurigen Aktionärsversammlung. Buffett grinste: „Wahrscheinlich mich erschießen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2010)

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