Airbnb: Luftbett statt Bettenburg

Erlebnisurlaub in fremden, privaten Betten: Airbnb, eine Kreuzung aus Social Network, Couchsurfing und konventioneller Buchungsplattform, boomt. 800.000 Menschen nutzen das Portal nach dessen Bekunden aktiv.

Symbolbild
Symbolbild
(c) Clemens Fabry

Es gibt spannendere Orte als ein gesichtsloses Viersternehotel, um seine Ferien zu verbringen. Ein Kämmerlein in einem britischen Schloss? Eine Höhle in Marokko, ein Bett in einem Iglu in den slowenischen Alpen oder ein Zimmer in einer ausrangierten Boeing 727 in Costa Rica? Doch ein Hausboot auf der Amstel? Diese Schlafmöglichkeiten, Extrazimmer in privaten Wohnungen, eine Couch oder ganze Häuser vermittelt Airbnb.com. Die Website, eine Mischform aus digitalem sozialen Netzwerk und herkömmlicher Buchungsplattform, boomt.

In nur drei Jahren ist das Internet-Start-up aus San Francisco auf 100.000 Schlafmöglichkeiten in 16.000 Städten in 190 Ländern auf der Welt gewachsen. 800.000 Menschen nutzen das Portal nach dessen Bekunden aktiv. „Wir hatten schon zwei Millionen Buchungen, jeden Monat wächst das Geschäft um 40 Prozent“, sagt Gunnar Froh, der Chef der Airbnb-Niederlassung in Hamburg. „Wir haben schon mehr Zimmer im Angebot als die größte Hotelgruppe der Welt, der Hilton-Konzern. Im Herbst werden wir Hilton auch bei den Übernachtungen überholen.“ Der Großteil der Gastgeber, sagt Froh, sind Menschen, die ein Extrazimmer frei haben oder die eigene Wohnung teilweise für Wochen nicht brauchen. Auch gewerbliche Anbieter sind dabei. „Unsere Gäste sagen, sie können kein Standardhotelzimmer mehr sehen. Außerdem wollen sie am Reiseziel Leute kennenlernen“, erzählt Froh.


Couchsurfen für Erwachsene. Schlafplatzbörsen wie Airbnb sind die kommerziellen Nachfolger des Couchsurfens. Die Idee, Erlebnisurlaub in einem fremden, privaten Bett, vermittelt via sozialem Online-Netzwerk, erfanden die Macher von Couchsurfing.com schon vor gut zehn Jahren. Airbnb macht daraus ein Geschäft. „Zu uns kommen frühere Couchsurfer. Sie sind jetzt älter, wollen es professioneller. Indem sie für ein Zimmer oder die Wohnung zahlen, begegnen sie den Gastgebern auf Augenhöhe. Sie haben weniger das Gefühl, die Gastgeber unterhalten zu müssen.“ Airbnb nutzen Menschen, denen Hotels zu anonym, Couchsurfing zu intim ist. Mit dem Aufstieg der Social Networks werden die „Social Tourists“, wie man diese Reisenden nennt, professioneller: Apps weisen den Weg zum nächsten Bett. Bewertungen erleichtern die Suche und zerstreuen Ängste. Künftig soll eine Verknüpfung mit Facebook ein besseres Bild der Gäste und Gastgeber zeigen.


Es begann mit einer Luftmatratze.Airbnb, das steht für Airbed and Breakfast – Luftbett und Frühstück. Mit einer Luftmatratze begann die Geschichte der Plattform. 2007 war San Francisco während einer großen Designkonferenz komplett ausgebucht. Brian Chesky und Joe Gebbia, zwei Studenten in finanziellen Nöten, hatten Platz und die zündende Idee: ein aufblasbares Bett und ein Frühstück gegen wenig Geld für Fremde aus dem Internet. Die Nachfrage war größer als gedacht. Ein IT-Bastler stieg ein, 2008 war die Website Airbnb.com im Netz.


Von null auf eine Mrd. in drei Jahren. Heute wird das Start-up auf einen Wert von einer Milliarde Dollar geschätzt. Erst Ende Juli hat Airbnb in einer zweiten Finanzierungsrunde 100 Mio. Dollar eingesammelt. Dahinter stehen der russische Investor Digital Sky Technologies und der Investor Andreessen Horowitz. Im Herbst 2010 hat das Start-up eine Risikokapitalspritze von 7,2 Millionen Dollar erhalten. Damals sind unter anderem Schauspieler Ashton Kutcher oder der Risikofinanzierer Sequoia Capital eingestiegen. Sequoia verhalf schon Google, Apple, Facebook oder YouTube zum Durchbruch.

Mit dem Geld finanziert das Startup die rasche Expansion. In Deutschland wurde die erste Niederlassung nach San Francisco eröffnet. Mittlerweile sitzen in den größten deutschsprachigen Städten eigene Mitarbeiter. Neuerdings auch zwei in Wien. In Österreich seien es derzeit „einige hundert“ Gastgeber, sagt Froh. Die meisten davon, 180, bieten Schlafplätze in Wien an. „Wir wachsen jede Woche um zehn bis 20 Prozent bei den Buchungen und der Zahl der Gäste“, sagt Froh. Aus Österreich gab es heuer schon 5000 Buchungen.


Der Markt ist heiß. Geschäftszahlen gibt Airbnb nicht preis. Aber es heißt, das Unternehmen sei schon profitabel. Geld verdient das Start-up mit Provisionen: Zehn Prozent des Übernachtungspreises (im Schnitt kostet ein Zimmer 70 bis 90 Euro pro Nacht) behält Airbnb. Offenbar ein lukratives Geschäft. Zumindest drängen auch immer mehr Anbieter auf den Markt. Die bekanntesten deutschsprachigen Alternativen sind Wimdu und 9flats.com. Zwischen den Anbietern ist ein teils öffentlich ausgetragener Streit entflammt. Der Vorwurf: Wimdu und 9flats seien reine Kopien und würden die Gastgeber, die ihre Zimmer oder Wohnungen via Airbnb anbieten, teils aggressiv abwerben. Rechtsstreit werde es aber keinen geben, sagt Froh.

Unmut herrscht auch in den Hotels. Der Branche gefällt der neue Trend zum alternativen Schlafen und Wohnen auf Reisen freilich nicht. In Berlin zum Beispiel, Mitteleuropas Hochburg für junge Städte- und Partyurlauber, tauchen mehr und mehr private Betten im Netz auf. Der Berliner Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) schätzt, dass es in der Hauptstadt mittlerweile 15.000 bis 25.000 Ferienwohnungen gibt. Gemeldet seien aber nur 31 Betriebe mit 2729 Betten. Manche Anbieter hätten schon die Größe von Hotels, würden aber nicht in Sicherheitsstandards oder den gesetzlich geregelten Brandschutz investieren.

Die Wohnungen seien teils überbelegt, es mangle an Hygiene. Auch die Tourismusmarketinggesellschaft Visit Berlin fürchtet, dass der Ruf Berlins leiden könnte. Nun wird wieder über eine Genehmigungspflicht für Ferienwohnungen debattiert.


Verbrannte Wäsche, verwüstete Küche. Die Verantwortung für juristische oder steuerliche Fragen weist Airbnb von sich. Rechtlich ist klar: Nimmt man Geld für ein Zimmer oder vermietet seine Wohnung eine Woche, ist dieses Einkommen steuerpflichtig wie jedes andere. Je nach nationalen Gesetzen ist man ab einer bestimmten Summe umsatzsteuerpflichtig. „Wir weisen auf die rechtliche Lage hin, tragen aber keine Verantwortung“, sagt Froh.

Das viel größere Problem rechtlicher Natur ist für die Betreiber die Frage der Haftung. Ist der Ruf ruiniert, könnte Airbnb schnell die Luft ausgehen. Einen Warnschuss gab es unlängst in den USA: Eine junge Frau, sie nennt sich im Internet „EJ“, hat im Juli ihre Wohnung in San Francisco während einer Dienstreise an neue Bekannte aus dem Netz via Airbnb vermietet. Nach einer Woche, bei der Rückkehr, eine ganz böse Überraschung: Bettwäsche war verbrannt, die Küche verwüstet, Kleider waren getragen und ruiniert, Löcher in Türen gebohrt, vorsorglich versperrte Wertgegenstände – Laptop, iPod, Kamera – gestohlen. Mit ihrer Kreditkarte war online eingekauft worden.

Ein PR-Supergau für Airbnb. Zumal „EJ“ Bloggerin ist, öffentlich die mangelnde Hilfe von Airbnb beklagt und für weltweite Schlagzeilen gesorgt hat. Nur eine Woche später tauchte ein ähnlicher Fall in den Medien auf. Troy Dayton berichtete dem Portal Techcrunch, seine Wohnung im kalifornischen Oakland sei verwüstet und geplündert worden, bei seiner Rückkehr fand er Pfeifen, in denen die vermeintlichen Gäste Crystal Meth geraucht hatten.


„We screwed up.“ Bei Airbnb war Feuer am Dach. „We screwed up and we're sorry“ (wir haben versagt, es tut uns leid), hieß es per Twitter. Eilig wurde das Kundendienstteam verdoppelt, die Geschäftsbedingungen wurden adaptiert. Seit Mitte August haftet Airbnb für Schäden bis zu 35.000 Euro, es gibt neue Möglichkeiten der Identifikation via Telefonnummer oder Kreditkarte. „100 Prozent Sicherheit gibt es nie, bei zwei Millionen Buchungen muss ein schwarzes Schaf dabei sein“, so Froh.

Der Deutschland-Chef selbst sagt, er hatte noch nie Bedenken, wenn er das Airbnb-Extrazimmer (laut Website um 75 Euro pro Nacht) seiner Wohnung in der Hamburger Hafencity an Fremde vermietet. „Man muss nicht zusagen und kann anhand des Namens einiges über den Menschen herausfinden. Wir haben dann das Gefühl, die Leute einschätzen zu können“, sagt er. Und so, sagt er, decken die zahlenden Gäste im eigenen Heim zeitweise den Großteil seiner Wohnungskosten ab.

Urlaub bei Freunden

Airbnb ist in drei Jahren auf einen geschätzten Wert von einer Mrd. Dollar gewachsen. Das Portal vermittelt (eigenen Daten nach) schon 100.000 Schlafmöglichkeiten in 190 Ländern.

Social Network und Buchungsplattform – Airbnb ist der kommerzielle Nachfahre des Couchsurfer-Gedankens. Urlaub in einer privaten Wohnung bei neuen Bekanntschaften aus dem Internet. Familien- oder WG-Anschluss inklusive.

Lukrative Luftbetten oder nur ein Luftschloss? Unlängst ist das Start-up in die Negativschlagzeilen geraten, nachdem eine Wohnung verwüstet wurde. Nun haftet Airbnb teils für Schäden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2011)

Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Airbnb: Luftbett statt Bettenburg

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.