Wo Diamant mit "Mazzel" gehandelt wird

Einer der weltweit wichtigsten Umschlagplätze für Diamanten befindet sich in Antwerpen. Dort haben die Inder den jüdischen Händlern den Rang abgelaufen.

Diamant Mazzel gehandelt wird
Diamant Mazzel gehandelt wird
(c) REUTERS (FRANCOIS LENOIR)

Schauen Sie genau hin. Sehen Sie die eingeschlossene Luftblase? Und den winzigen dunklen Fleck ziemlich im Zentrum?“ Der Brillant ist ungefähr so groß wie ein kleiner Fingernagel, und die für dessen Besitzer, Oded Mansori, so offensichtlichen Schönheitsfehler sind auch mit der Lupe für den Laien nicht zu erkennen. Schon die Koordination von Lupe und Pinzette, mit der man den Stein gegen das Licht hält, erweist sich als tückisch. Und wenn man dann die Instrumente im Griff hat, die jeder Diamantenhändler in der Jackentasche trägt, verliert man sich in den hundertfach irisierenden Facetten. Dazu kommt: Man hält ein winziges Luxusgut im Wert von 20.000 Euro in Händen. „Immer noch nichts gefunden? Dann brauchen Sie sich über einen Berufswechsel keine Gedanken zu machen.“ Feines Lächeln.

Oded Mansori, Mitte vierzig, klein, drahtig, wacher Blick, ist Inhaber der Firma RDH Diamonds. Sein nüchternes Büro befindet sich im Herzen eines der weltweit wichtigsten Zentren des Diamantenhandels, in den labyrinthischen Gängen der Diamantenbörse in der Pelicaanstraat, Antwerpen, Belgien. Das Diamantenviertel besteht nur aus einigen Straßen und wirkt von außen unscheinbar. Trotzdem: Hier kann man nicht einfach in ein Gebäude hineinspazieren. Überall sind Sicherheitsbeamte und Überwachungskameras. Die Polizei ist hier dauerstationiert und an allen Einfahrten befinden sich elektronische Pfeiler, die Unbefugten den Zutritt verwehren.

Handschlag-Qualitäten. Vier der weltweit 28 Diamantenbörsen befinden sich in Antwerpen. Auch wenn es auf den ersten Blick sehr nüchtern zuzugehen scheint: „Das Diamanten-Business ist einer der wenigen Geschäftszweige, wo noch alte Rituale gepflegt werden“, erklärt Mansori. Ein Geschäft werde zum Beispiel mit einem einfachen Handschlag und den Worten „Mazzel“ (Jiddisch für „Glück“) besiegelt. Die Diamanten tauschen in einem einfachen Briefumschlag den Besitzer. Darauf wird die gebotene Summe und das Datum geschrieben. Kaufvertrag gibt es keinen.

Jahrhundertelang war der Antwerpener Diamantenhandel fest in jüdischer Hand. Bereits im 16. Jahrhundert hat sich die reiche Hafenstadt als Umschlagplatz für Diamanten etabliert. Heute sind jedoch die Inder die dominierende Nation unter den Antwerpener Händlern. Das hat damit zu tun, dass sie den direkten Draht zu den Manufakturen haben. Denn die Verarbeitung von Diamanten wird immer mehr in Billiglohnländer verlagert. Indien und China sind heute die wichtigsten Verarbeitungszentren.

„Heutzutage muss man als Händler erfinderischer sein als noch vor einer Generation. Die Konkurrenz wird immer härter“, sagt Mansori. Er ist über einen Onkel in Israel ins Business eingestiegen. „So läuft das meistens. Diamantenhändler suchen Leute, denen sie vertrauen können. Da ist die eigene Familie am naheliegendsten.“ Bevor sich Mansori selbstständig gemacht hat, hat er bei zwei Unternehmen in Antwerpen in der Chefetage gearbeitet. „Wenn du heute nicht zu den großen Akteuren zählst, hast du als Selbstständiger nur eine Chance, wenn du eine Nische besetzt. Und ausgezeichnete Kontakte hast.“

Verkaufstalent. Mansoris RDH Diamonds hat sich auf die richtig großen Steine spezialisiert. Groß, das heißt alles ab fünf Karat für einen Preis von 150.000 Euro aufwärts. Der Stein da eben unter der Lupe, für 20.000 Euro: Peanuts. In den höheren Preisklassen werden Diamanten auch als Investition interessant: „Investoren kaufen Steine, um ihr Portfolio breiter zu streuen.“ Mansori redet sich in Begeisterung: „Der Wert von kleineren Steinen schwankt mit der Fluktuation des Marktes. Das ist bei den Diamanten in den höheren Preiskategorien nicht der Fall. Wäre ich Investor, ich würde Diamanten kaufen. “

Noch passieren mehr als die Hälfte der weltweit produzierten Diamanten, roh ebenso wie geschliffen, industrielle ebenso wie Schmuckdiamanten, irgendwann die streng gesicherten Pforten des Antwerpener Diamantenbezirks. Um dem Bedeutungsverlust von Antwerpen als führender Handelsmetropole entgegenzuwirken, setzt man seit Jahren auf ein sauberes Image. „Vor acht Jahren war es noch möglich, einen Rohdiamanten ohne Lizenz und Herkunftszertifikat nach Antwerpen einzuführen. Belgien hat sich in seinen ehemaligen Kolonialgebieten (Belgisch Kongo, Anm.) sehr geschickt angestellt und unabhängige lokale Diamantenminen übernommen“, sagt Mansori. Noch in den Sechzigerjahren hätten sich gewiefte Geschäftsleute Rohdiamanten im Tausch für ein Paar Nike-Sneakers beschafft. „Mit Geld konnten sich die Schürfer mitten in der kongolesischen Wüste nichts kaufen.“ So etwas gebe es heute natürlich nicht mehr. Allerdings sind die afrikanischen Minen auch heute noch von den großen internationalen Konzernen dominiert, allen voran De Beers, der fast 50 Prozent des Marktes kontrolliert. Der zweitgrößte Teil vom Diamantenkuchen, nämlich 35 Prozent, gehört dem russischen Bergbauunternehmen Alrosa. Der Handel mit Blutdiamanten, mit denen sich lokale Rebellengruppen in Konfliktgebieten, etwa in Angola und Sierra Leone, den Krieg finanzieren, sei seit 2002 stark eingeschränkt worden. Das „Kimberly Zertifikat“ soll nun garantieren, dass Diamanten eine lupenreine Herkunft haben. Natürlich sei auch heute nicht auszuschließen, dass Konfliktdiamanten in Antwerpen zirkulieren, meint dazu der Diamantenexperte der belgischen Tageszeitung „De Standaard“, Jean Charles Verwaest. Vor allem in Ländern mit korrupten Regierungen lasse sich ein Zertifikat durch Bestechung erschwindeln. Aber der illegale Handel beschränke sich in Antwerpen heute auf etwa zwei Prozent des Marktes. Auch die USA seien sehr daran interessiert, den afrikanischen Schwarzmarkt unter Kontrolle zu bringen. Denn das Geld fließe nicht selten in Terrororganisationen.

Diamanten

Antwerpen
Die Hafenstadt mit rund 500.000 Einwohnern ist seit dem 16. Jahrhundert das Zentrum des Diamantenhandels.

Kimberly-Zertifikat
Mit diesem Qualitätssiegel geht man seit 2002 gegen den illegalen Handel mit Blutdiamanten vor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2012)

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