Wien 1914: Der Haustorschlüssel als Mittel der Macht

Wer nach 22 Uhr nach Hause kam, musste den Hausmeister herausläuten und ein "Sperrsechserl" bezahlen.

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Heute ist er eine Selbstverständlichkeit: der Besitz eines Haustorschlüssels. Vor 100 Jahren war das nicht der Fall. Mieter in Wien hatten kein Anrecht auf einen Haustorschlüssel. Die Regelung war für die Wiener so demütigend, dass SPÖ-Parteigründer Victor Adler den Anspruch auf einen Haustorschlüssel sogar zu einem der "wichtigsten Schritte zur politischen Emanzipation des Proletariats" zählte.

Wollte man zwischen 22 Uhr und 6 Uhr in der Früh sein Wohnhaus betreten, musste man daher dem Hausmeister das sogenannte "Sperrsechserl" (20 Heller; ursprünglich sechs Kreuzer) zahlen. Theatervorführungen, Wirtshausbesuche und politische Veranstaltungen mussten zeitlich so angelegt werden, dass ein Nachhausekommen vor 22 Uhr möglich war.

"Nur ein Lump bleibt nach 10 Uhr nachts aus"

Für das Kaiserreich war diese Abhängigkeit vom Hausmeister von außerordentlicher ordnungspolitischer Bedeutung. "Die Sperrgebühr war, als sie von der Habsburgerreaktion eingeführt wurde, als eine Strafe gedacht, die derjenige bezahlen musste, der sich nach 10 Uhr nachts noch außerhalb seines Wohnhauses befand", schrieb die "Arbeiter Zeitung" 1921 anlässlich der "Befreiung vom Sperrsechserl". "Daraus bildete sich die Ideologie, dass nach 10 Uhr nachts nur ein 'Lump' ausbleibt. Die zehnte Abendstunde wurde so zum Prüfstein für den anständigen Wiener", schrieb die Zeitung weiter.

Für viele Wiener des Jahres 1914 war es ein Albtraum, nachts nicht ohne Hausmeister in die eigenen vier Wände zurückkehren zu können und sich in der eigenen Stadt ausgesperrt zu fühlen. Felix Salten geißelte in der "Neuen Freien Presse" am 21. Juni 1914 die "Hausmeisterplage" und sprach von einem grotesken Zwang. Er hatte keine Hoffnung, dass die Stadtregierung "dieses fossile Hindernis aus der Nächtwächterzeit beseitigt". Es sei Anno 1914 wohl zu viel verlangt, "uns vor all den Misshelligkeiten und Gefahren, die das Wachläuten des Hausmeisters bei Erkrankungen oder Unglücksfällen mit sich bringt", zu befreien.

Die Wählerstimmen der Hausmeister

Der Grund aus Saltens Sicht: Die sich seit zwanzig Jahren an der Macht befindlichen Christlichsozialen würden "mit den Tausenden Wiener Hausmeistern ebenso viel tausend Wählerstimmen verlieren, und das darf man einer Macht, die sich selbst so innig liebt, nicht zumuten".

Ein modernes Großstadtleben war im Wien des Jahres 1914 also nur bedingt möglich. Viele Städter waren der Überzeugung, dass Wien provinziell bleiben werde, solange das "Hausmeister- und Sperrstunden-G'frett", wie es Hermann Sallmayer nannte, nicht abgeschafft werde. "Geben Sie uns den Hausschlüssel!", forderte er bereits 1880. Bis zur tatsächlichen Abschaffung sollte es aber noch dauern. Erst 1922 wurde der freie Zugang zum eigenen Haus Wirklichkeit.

(Von Peter Huber)

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