Frühling 1914: Wie Europa der Illusion vom Frieden erlag

Wie die Passagiere der "Titanic" die Möglichkeit des Untergangs ausschlossen, so glaubte das europäische Bürgertum vor dem Sommer 1914 an eine stabile und heile Welt.

„Never such innocence again“: Badestrand von Ostende in Belgien, 1914.
„Never such innocence again“: Badestrand von Ostende in Belgien, 1914.
„Never such innocence again“: Badestrand von Ostende in Belgien, 1914. – Ullstein Bild / picturedesk.com

Philipp Blom hat in seinem Buch „Der taumelnde Kontinent“ folgendes Gedankenexperiment vorgeschlagen: Man stelle sich vor, dass alle Informationen über die Geschichte des 20. Jahrhunderts nach dem Juli 1914 von einer Bücherwurmplage vernichtet worden seien. Man stelle sich vor, die Schlachten am Isonzo, das Giftgas an der Westfront und die Hölle von Verdun wären nie in unser Bewusstsein gedrungen. Man würde die Zeit vor dem Großen Krieg, die in so ungeheurem Maß von den nachfolgenden Ereignissen überschattet wird, anders beurteilen und von der scheinbar schicksalshaften Unabwendbarkeit abstrahieren können.

Unzählige Analysen der Jahre vor 1914 haben diese Unabwendbarkeit betont und die „Illusion eines ständig wachsenden Kausaldrucks“ (Christopher Clark) hin zur Katastrophe erzeugt. Ein Blick zurück in den Frühling 1914 zeigt aber, dass viele Intellektuelle in Literatur und Publizistik keineswegs an eine Eskalation dachten.

1913 war vorbei, es galt nicht nur Abergläubischen als Unglücksjahr, als Krisen- und Depressionsjahr, der „balkanische Hexenkessel“ trug Schuld daran. In blutigen Schlachten hatten die Staaten auf dem Balkan um die Vormacht auf der Halbinsel gekämpft. Ein „großer Krieg“ zwischen den Mächten, die dort ihre Interessenssphären hatten, war aber verhindert worden. Das stimmte viele optimistisch. „Wir haben die Überzeugung, dass die Menschheit einer längeren, gesegneten Friedenszeit entgegengehe“ meinte die „Neue Freie Presse“ (NFP) zu Neujahr 1914, der Abscheu vor den Schlächtereien sei beinahe unüberwindlich geworden, daher die tiefe Sehnsucht nach Frieden. „Nur unberechenbare Zufälle, die über die Völker wie Heimsuchungen kommen, können in der jetzigen Stimmung den Ausbruch eines Krieges herbeiführen. Der Wille war nie mehr auf den Frieden gerichtet als jetzt.“

Irritierende Sätze. Dass in Teilen der europäischen Politik und Gesellschaft die Kriegserwartung hoch war, konnte dem Leitartikler nicht unbekannt sein. Doch noch hatte das ständige Gerede vom Krieg keinen Automatismus in Gang gesetzt. Die Macht- und Prestigepolitik der Großmächte war beunruhigend, doch letztlich war das Krisenmanagement der Diplomatie erfolgreich. Es bestand also die Möglichkeit, dass es in einer Art von „Kaltem Krieg“ so weitergehen könne. Man war zu dem Urteil gekommen, dass der Balkankrieg so verheerend gewesen sei, weil er nicht nur von den Armeen, sondern von den Völkern selbst geführt worden sei. Es musste also jedem klar sein: Der nächste Krieg war nicht als begrenzter Kabinettskrieg mit einer Entscheidungsschlacht denkbar, sondern es wäre eine Auseinandersetzung von „nations in arms“.

„Das goldene Zeitalter der Sicherheit“: So nennt Stefan Zweig in seinen Erinnerungen „Die Welt von gestern“ die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Alles schien für das gut situierte Wiener Bürgertum auf Dauer gegründet, niemand glaubte an Kriege, Revolutionen, Umstürze, alles stand fest und unverrückbar an seiner Stelle. Krieg zwischen den Völkern? Ein barbarischer Rückfall? Undenkbar, man glaubte ja auch nicht mehr an Hexen und Gespenster. Seine Eltern hätten in dieser Welt gelebt wie in einem sicheren Schloss aus Stein.

Ein endloser Sommer. Eine ähnliche Verklärung der Vorkriegswelt als Epoche entspannter Zufriedenheit finden wir in der britischen Populärkultur. Glaubt man den nostalgischen Erinnerungen, habe es in den Jahren vor 1914 in England nie geregnet, eine endlos lange Kette von ausgedehnten Badesommern wird zur Schlüsselmetapher für eine glückliche und stabile Welt: „Never such innocence again“, die berühmte Gedichtzeile von Philip Larkin betrauert die für immer zerstörte Unschuld. Einer der Höhepunkte der populären Fernsehserie „Downton Abbey“ ist eine romantische Garden Party im Jahr 1914, ehe die beunruhigenden Nachrichten vom Kontinent die Idylle zerstören. Der sechsjährige Sebastian Haffner verbringt zur selben Zeit die Ferien auf dem Landgut seiner Vorfahren in Pommern, er erinnert sich in seiner „Geschichte eines Deutschen“ an eine Zeit des Urvertrauens und der Sicherheit. In Wien wie in London wie in Pommern dasselbe Bild: Trauer um ein verlorenes, ein wenig altmodisches Paradies, in dem die Monarchie, das Empire, die Welt noch heil waren.

Politisch Interessierte in ganz Europa lesen „The Great Illusion“. Das Werk des englischen Pazifisten Norman Angell versucht nachzuweisen, dass im modernen Industriezeitalter militärische Eroberungsfeldzüge überholt und antiquiert seien. Das Zeitalter der global verflochtenen Wirtschaft mache Weltkriege unmöglich. Zur selben Zeit schreibt Kurt Riezler, enger Freund des deutschen Reichskanzlers Bethmann Hollweg: Für ihn liege es auf der Hand, dass das komplizierte und vielgestaltige Bündnissystem der europäischen Mächte den Krieg verhindern könne, ja eminent friedenserhaltend sei. Das Bündnissystem mache eine rationale Kalkulation über Sieg oder Niederlage im Krieg unmöglich, daher streben alle eine Aufrechterhaltung des Status quo an.

Für viele Zeitgenossen bedeutete „vor 1914“ gleichzeitig „im Frieden“. Schließlich hatte es seit einem Jahrhundert keinen ganz großen Krieg in Europa gegeben, nur im Krimkrieg 1854 waren drei europäische Mächte involviert. Die Bürger Europas hielten daher die Gefahr eines großen Krieges bis zum letzten Moment für unwahrscheinlich, so wie die Passagiere der „Titanic“ die Möglichkeit eines Unterganges noch ausgeschlossen hatten, als die Kabinen der dritten Klasse schon unter Wasser standen. Kriegseuphorie gab es vor dem Juli 1914 nicht, eher eine fatalistische Grundstimmung, treffend verkörpert durch einen Satz des österreichischen Diplomaten, Kajetan von Mérey: Ein Krieg gegen Serbien sei anzuraten, und wenn sich dann daraus eine „europäische Konflagration“ entwickle, so beweise das nur, dass dieselbe in der Luft läge und früher oder später ohnehin gekommen wäre.


Massendelirium.
Vielen Zeitungslesern wird es ergangen sein wie Robert Musils Ulrich in „Der Mann ohne Eigenschaften“, der im Nachrichtenstrom kaum noch die Realität erfassen kann und mit Indifferenz reagiert: „War eigentlich Balkankrieg oder nicht? Irgendeine Intervention fand wohl statt; aber ob das Krieg war, er wusste es nicht genau. Es bewegten so viele Dinge die Menschheit. Der Präsident von Frankreich fuhr nach Russland; man sprach von Gefährdung des Weltfriedens [...] Ein fürchterliches Beben hatte Japan heimgesucht; die armen Japaner. Mit einem Wort, es geschah viel, es war eine bewegte Zeit, die um Ende 1913 und Anfang 1914.“ Eine ähnlich „ahnungsvolle Achtlosigkeit gegenüber den Zeitläuften“ (Alexander Honold) findet sich vielfach in der Literatur der Zeit: „Man machte sich keine Gedanken, war dementsprechend überrascht; doch im nächsten Atemzug folgte schon die Beteuerung, man habe es ja schon lange kommen sehen.“ Man ist „zu civilen Gemütes um das Ungeheuerliche für möglich zu halten“ (Thomas Mann).

Es ist paradox, aber in der öffentlichen Meinung herrschte Anfang 1914 parallel die Vorstellung, der Krieg sei unvermeidbar und der Krieg sei unwahrscheinlich. Diesen Parallelismus finden wir in ein und derselben Ausgabe der NFP, den optimistischen Leitartikel haben wir bereits zitiert, auf derselben Seite in derselben Ausgabe steht aber eine exakte historische Analyse der Balkankriege, die mit den Sätzen endet: „In den internationalen Beziehungen hat die Moral nie eine Rolle gespielt; jetzt ist auch die Vernunft aus ihnen verbannt. Der einzelne, der sich den gesunden Menschenverstand bewahrt hat, starrt entsetzt in dieses Massendelirium und ist versucht, die Augen zu schließen, um nicht mit anzusehen, wie die ganze gesittete Menschheit einem Abgrund der Zerstörung zutaumelt.“ Das wurde geschrieben am 1. Jänner des Jahres 1914. In dieser Silvesternacht hatte der Wiener Schriftsteller Arthur Schnitzler in Gesellschaft Roulette gespielt, vorher hatte er Ricarda Huchs Buch „Der große Krieg in Deutschland“ gelesen und in sein Tagebuch notiert: „Sehr nervös tagsüber.“

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Von der Pariser Weltausstellung 1900 bis 1914; Jahr für Jahr wird die ungeheure Dynamik ausgebreitet, die diese Jahre prägte, von Henry Ford über Sigmund Freud bis Marie Curie. Ein anekdotenreiches und unterhaltsames Lesebuch, mit großem Enthusiasmus erzählt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2014)

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