Grenzöffnung 1989: „Es gab keinen Protest aus Moskau“

Der letzte Ministerpräsident der Volksrepublik Ungarn, Miklós Németh, erzählt von den Hintergründen für die Grenzöffnung 1989, Helmut Kohls Tränen und Gorbatschows Großmut.

Miklós Németh
Miklós Németh
Miklós Németh – (c) APA/EPA/MACIEJ KULCZYNSKI (MACIEJ KULCZYNSKI)

Die Presse: Ist es wahr, dass der Eiserne Vorhang abgebaut wurde, weil in Ungarn wegen der hohen Verschuldung des Landes die Staatskasse leer war und es schlicht keine Mittel mehr gab, das Signalsystem entlang der Grenze aufrechtzuerhalten?

Miklós Németh: So war es. Ich möchte aber drei Gründe nennen, die zum Abbau des Eisernen Vorhangs führten. Erstens: Das Land stand tatsächlich am Rand der Pleite. Im Mai 1989 musste der damalige Finanzminister, László Békesi, ein Notbudget einreichen, weil die Lage so prekär war. Zweitens: Ich erachtete es Ende des 20. Jahrhunderts für anachronistisch, den Eisernen Vorhang aufrechtzuerhalten. Es gab ja schon modernere Methoden, um die Grenzen zu sichern. Schließlich gab es die gemeinsame österreichisch-ungarische Bewerbung für die Weltausstellung 1995. Wir dachten uns: Was würden die vielen ausländischen Besucher denken, wenn sie von Wien nach Budapest reisen und an der Grenze den Stacheldraht sehen? Die Japaner würden vermutlich gleich knipsen und diese Bilder dann mit nach Hause nehmen. Beim Abbau des Eisernen Vorhangs spielten also sowohl wirtschaftliche als auch Image-Erwägungen ein Rolle.


Wer war der erste ausländische Politiker, der von der Absicht erfuhr, den Eisernen Vorhang abzubauen? Michail Gorbatschow?

Nein, es war der damalige österreichische Bundeskanzler, Franz Vranitzky. Nachdem ich Ende November 1988 Ministerpräsident geworden war, trat ich meine erste Dienstreise nicht nach Moskau an, wie es bis dahin üblich gewesen war, sondern nach Österreich. Wir trafen uns mit Vranitzky in Rust und Nagycenk (ungarischer Grenzort; Anm.). Bei diesem Treffen teilte ich ihm mit, dass wir die Grenzanlagen abbauen werden.


Und Sie reisten tatsächlich erst danach zu Michail Gorbatschow nach Moskau?

Ja. Ich reiste mit einem Fünfpunkteprogramm nach Moskau, darunter der Forderung eines Abzugs der Sowjettruppen mitsamt dem Abtransport der sowjetischen Waffen aus Ungarn, der Ankündigung des Abbaus des Eisernen Vorhangs und der Einführung eines Mehrparteiensystems. Ich versuchte, Michail deutlich zu machen, dass die rund 80.000 sowjetischen Soldaten nicht mehr lang tragbar sein würden, sollte in Ungarn ein Mehrparteiensystem entstehen.


Wie reagierte Gorbatschow?

Er versicherte mir, dass die schändlichen Ereignisse von 1956 (damals marschierten sowjetische Truppen in Ungarn ein, um den ungarischen Volksaufstand und die Demokratiebestrebungen des Landes blutig niederzuschlagen; Anm.) sich nicht wiederholen würden.


Was sagte er zum beabsichtigten Abbau des Eisernen Vorhangs?

„Das ist deine Entscheidung und Verantwortung, Miklós. Mir ist es egal.“ Wie gesagt, es ging damals darum, die Sicherung der Westgrenze technisch anders zu lösen.


Gorbatschow legte Ihnen demnach keine Steine in den Weg.

Nein. Es war also großartig, wie Gorbatschow reagierte, aber: Eine Garantie gab es natürlich nicht. Es war nämlich keineswegs auszuschließen, dass die kommunistischen Hardliner in Moskau Gorbatschow aus dem Weg räumen würden. Aus diesem Grund ließen wir einige Testballons hochsteigen, um zu sehen, wie Moskau auf unsere Schritte reagiert. Als Erstes trug ich dem damaligen ungarischen Innenminister, István Horváth, auf, den Eisernen Vorhang bei der Grenzortschaft Rajka abzutragen. Nach nur zwei Wochen war bereits ein Grenzabschnitt von dreieinhalb Kilometern Länge freigelegt. Wir schielten nun gespannt nach Moskau. Keine Reaktion! Also ließen wir den nächsten Testballon steigen. Am 2. Mai hielt der stellvertretende Befehlshaber der ungarischen Grenzwache, Balázs Nováky, eine internationale Pressekonferenz, bei der er ankündigte, dass die Sicherung der Westgrenze mit anderen Methoden bewerkstelligt werde, also nicht mehr mit Stacheldraht und Minenfeldern. Und wieder gab es keinen Protest aus Moskau! Am 2. Mai waren bereits 60 Prozent des Eisernen Vorhangs abgetragen! Am 17. Mai erschien in der damaligen halboffiziellen Zeitung der Regierung, „Magyar Hírlap“, ein seitenlanger Artikel darüber, dass der Eiserne Vorhang demontiert wird. Keine Frage, dass der Artikel auch in der sowjetischen Botschaft gelesen wurde. Doch gab es wieder keine Reaktion von Stukalin! (Boris Iwanowitsch Stukalin war von 1985 bis 1990 sowjetischer Botschafter in Ungarn; Anm.)


Was hatte es mit der symbolischen Durchschneidung des Grenzzauns durch die Außenminister Österreichs und Ungarns, Alois Mock und Gyula Horn, eigentlich auf sich?

Mitte Juni eröffnete mir Horn Folgendes: „Miki! Mock hat mich gerade mit der Idee angerufen, den Stacheldraht gemeinsam zu durchschneiden.“ „Wie toll“, sagte ich, „doch gibt es ein Problem: Es gibt keinen Stacheldraht mehr.“ Der Eiserne Vorhang war bereits gänzlich abgebaut. Uns kam aber eine Idee: Wir ließen den Eisernen Vorhang auf einer Länge von 30 Metern wieder aufbauen. Die Fotos von der Durchschneidung gingen durch die ganze Welt. Und wieder gab es keinen Anruf aus Moskau! Allerdings verdichteten sich die Nachrichten, dass Gorbatschow durch die Falken in Moskau immer mehr in Bedrängnis gerät. Wir fingen also an zu beten. Es wäre nicht auszudenken gewesen, wenn wieder ein Hardliner wie Breschnew in Moskau die Macht erlangt hätte.


In diese Zeit fiel auch das Paneuropäische Picknick, nicht wahr?

Ja, die Idee ging von Otto Habsburg und der MDF-Organisation der ostungarischen Stadt Debrecen aus (das Ungarische Demokratenforum [MDF] bildete die erste demokratisch gewählte Regierung in Ungarn; Anm.). Die Idee war, die österreichisch-ungarische Schwagerschaft mittels einer dreistündigen Grenzöffnung bei Sopronpuszta zu stärken. Ich wies damals den Offizier des Grenzschutzes an, auch die DDR-Flüchtlinge nach Österreich durchzulassen und sie bei ihrer Flucht zu fotografieren. Wieder gab es keine Reaktion aus Moskau.


Ende August folgte das Geheimtreffen mit dem deutschen Kanzler, Helmut Kohl, und Außenminister Hans-Dietrich Genscher im Schloss Gymnich bei Bonn.

Ich reiste damals mit Außenminister Gyula Horn nach Gymnich. Dort eröffnete ich Kohl, dass wir für die mehr als hunderttausend DDR-Flüchtlinge in Ungarn im September die Grenze nach Österreich öffnen wollen. Daraufhin kamen diesem Koloss von Mann die Tränen. Er fragte mich mindestens dreimal, was Gorbatschow dazu sage. „Nichts“, so meine Antwort. Zwei Wochen später, in der Nacht vom 10. auf den 11. September, erfolgte dann die Grenzöffnung.


Gyula Horn soll angeblich gesagt haben, dass er es war, der Kohl und Genscher die Grenzöffnung ankündigte.

Das ist Unfug. Lesen Sie doch in den Memoiren von Helmut Kohl nach. Gyula war bekannt dafür, sich in den Vordergrund zu drängen.


Was würden Sie anders machen, könnten Sie das Rad der Zeit zurückdrehen?

Ich würde mich wahrscheinlich selbst vor die Kameras stellen, um gemeinsam mit Vranitzky den Grenzzaun zu durchtrennen.

Zur Person

Miklós Németh, 66, wurde Ende November 1988 mit nur vierzig Jahren Ministerpräsident der Volksrepublik Ungarn. Während seiner Amtszeit wurden die ersten demokratischen Wahlen in Ungarn (1990) vorbereitet. Nach seinem Abtritt als Regierungschef (Ende Mai 1990) wurde er Vizepräsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) in London. 2000 kehrte er nach Ungarn zurück.

Heute widmet er sich vor allem seinen Enkeln und seinem riesigen Garten am Balaton, wo 80 Mandelbäume stehen. Für seine Verdienste um die Zusammenführung Europas erhielt Németh dieses Jahr den Point-Alpha-Preis in Deutschland. [ APA ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2014)

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