Erich Lessing: Der Fotochronist des „Wunders Österreich“

Der Doyen des heimischen Fotojournalismus legt sein bedeutendes Œuvre in Buchform vor. Ein halbes Jahrhundert seit 1945 wird in prächtigen Schwarz-Weiß-Dokumenten nachgezeichnet. Mit klugem Kommentar.

Erich Lessing
Erich Lessing
(c) ORF

Die Frage ist ja: Wie bewältigt man diese Opulenz an wertvollen Fotos, wie ordnet man sie in einen 380 Seiten dicken Bildband, damit er den Betrachter nicht erschlägt? Michael Gehler, in Deutschland lehrender Österreich-Experte mit Tiroler Wurzeln, nähert sich dem umfangreichen Komplex mit vier Bildern, die für verschiedene Zeitabschnitte stehen: Franz Lehár für das alte Österreich, Karl Renner für die Stunde null 1945, dann die Balkonszene im Belvedere-Park am 15.Mai 1955 und schließlich Helmut Qualtingers „Herr Karl“, der für all den problematischen Umgang mit der eigenen Geschichte steht, womit die heutige Generation nichts mehr am Hut haben will. Ob das richtig ist, bleibe dahingestellt.

Gehler erzählt die Nachkriegsgeschichte von 1945 bis zum EU-Beitritt in konzentrierter Form, daran gibt es nichts zu mäkeln, er enthält sich jedes Kommentars. Ausführlich widmet er sich seinem Spezialgebiet, nämlich den vergeblichen österreichischen Versuchen, nach 1945 Südtirol wieder zurückzugewinnen, das nach dem Ersten Weltkrieg an Italien verloren gegangen war. Die Aussichten waren anfangs nicht schlecht, wie auch der Doyen der Zeitgeschichtler, Gerhard Stourzh, schrieb. Doch Rom wusste den Wiener Forderungen sehr rasch zu begegnen, indem es den im Kriege umgesiedelten Südtirolern die Rückkehr und Wiedererlangung der italienischen Staatsbürgerschaft leicht machte. So sanken Österreichs Verhandlungschancen. Das „kärgliche Gruber-De-Gasperi-Abkommen“ (Gehler) begrub dann mit einem windigen Kompromiss alle hochgesteckten Hoffnungen.

Der renommierte Historiker rundet das Buch mit einem Interview ab, das er mit dem Fotokünstler Erich Lessing führt. Als Sprössling einer jüdischen Zahnarztfamilie wurde dieser in der sozialistischen Jugend und bei den Roten Falken politisiert, ohne formell Mitglied zu sein. 1939 flüchtete er als 16-Jähriger allein nach Palästina zu einem Onkel, der schon 1937 das Unheil vorausgesehen hatte. Die Mutter und die Großmutter kamen im Holocaust um.

In Haifa eignete sich Lessing den Kanon deutscher Weltliteratur an, was er in der Mittelschule Albertgasse sträflich verabsäumt hatte. Schon mit 24 Jahren, 1947, kehrte Lessing mit einem britischen Mandatspass aus Palästina wieder in die Heimat zurück. Und er wurde unabsichtlich zum Zeitzeugen und Dokumentarfotografen des Kalten Krieges. Der Aufstand der Ungarn gegen das kommunistische System 1956 prägte Lessings Arbeit in besonderer Weise. So wie der schon verstorbene Otto Pammer mit seiner Filmkamera trug Lessing mit seinen Fotos den leider vergeblichen Kampf der mutigen ungarischen Jugend in die Welt hinaus.

Die Frage nach jenen Politikern, die ihn am meisten beeindruckt haben, beantwortet der Weitgereiste so: de Gaulle, Adenauer, Kreisky. Er erzählt, dass ihn Konrad Adenauer zu sich nach Hause in Röhndorf zum Mittagessen lud, bevor er de Gaulle erstmals traf. Denn Lessing kannte den stolzen Franzosen bereits, und Adenauer wollte auf die erste Begegnung gut vorbereitet sein. Wie die Geschichte lehrt, war dieses „Trockentraining“ höchst erfolgreich und fruchtbringend.

Indiskret wird das Interview bei der Frage nach Kardinal König. Mag sein, dass der alte Lessing diese Antwort wirklich so formulierte, dass man sie jedoch so nicht abdruckt, wenn der Betroffene nicht mehr lebt und keine Richtigstellung mehr möglich ist, ist wohl unstrittig. Lessing plaudert von einem Sohn des Kardinals, „den ich sehr gut kenne“. Das grenzt an Geschwätzigkeit, die der weltweit bekannte Fotograf nicht nötig hat. Auch Gehler wird wohl kein gutes Gefühl dabei gehabt haben. Was die unvergängliche Qualität der Bilder nicht schmälert. Dies ist Lessings alleiniges Verdienst.

Dennoch zweifelt der Altmeister, wenn es um Lehren aus der Geschichte geht. Was sich hinter den Stirnen abgebildeter Politiker tut? „Das wissen wir nicht. Das Bild ist ein sehr undurchsichtiges Hilfsmittel zur Erklärung einer Situation. Ich glaube nicht daran. Es ist wichtig, dass es da ist... Aber die Interpretation ist letztlich ja doch offen.“

Von der Befreiung zur Freiheit

Erzählt in Bildern von Erich Lessing

Tyrolia, 384Seiten, Großformat, €39,95

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2015)

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