Mauthausen: Überlebt im Todeslager

Der 93-jährige Aba Lewit berichtet, wie er die KZ in Mauthausen und Gusen überlebt hat. Heute soll vor allem bei den Jugendlichen das Bewusstsein für den NS-Terror geschärft werden.

'FEST DER FREUDE' AM WIENER HELDENPLATZ: LEWIT / PRAMMER
'FEST DER FREUDE' AM WIENER HELDENPLATZ: LEWIT / PRAMMER
(c)HERBERT NEUBAUER / APA / picture

Bei den offiziellen Gedenkfeiern ist Aba Lewit nicht dabei. „Ich fahre einmal im Jahr nach Mauthausen, aber ich will nicht in die großen Befreiungsfeiern hineingeraten. Ich gedenke still, sage ein paar Gebete und zünde Kerzen an. Im Krematorium, wo so viele Menschen vergast und verbrannt wurden, an der Klagemauer und beim Appellplatz.“ Lewit ist heute 93 und einer der letzten Überlebenden des Konzentrationslagers in Mauthausen, das vor 70 Jahren, am 5.Mai 1945, von den Nazis befreit wurde.

Aba Lewit war in den ersten Kriegsjahren in NS-Lagern im besetzten Polen inhaftiert gewesen, ehe er 1943 nach Mauthausen deportiert wurde. In das schlimmste aller Nazi-Lager – es war das einzige KZ mit der Lagerstufe III, was für viele Menschen einem Todeslager gleichkam. Vor allem Menschen mit dem Vermerk „RU“ – Rückkehr unerwünscht“ waren dem Tod geweiht.

Im Gespräch mit der „Presse“ erinnert sich Lewit an seine ersten Eindrücke: „Wir mussten uns auf dem Appellplatz aufstellen, etwa 100 Personen. Dort sahen wir, dass Dutzende Häftlinge an uns vorbei in die Duschen geführt wurden. Wir waren sicher, dass sie getötet werden. Später erfuhren wir, dass sie hinten wieder hinausgebracht wurden – alles nur, um uns Neuankömmlinge einzuschüchtern.“

Totaler Sadismus. Das ist eine der zentralen Erinnerungen Lewits an Mauthausen. Sadismus, Menschenverachtung, Brutalität – und Erniedrigung. „Wir mussten zur Begrüßung unsere komplette Kleidung ablegen, wurden überall am Körper untersucht. Wir wurden isoliert und nackt in die Quarantänestation gebracht. Betten gab es nicht, wir schliefen zusammengepfercht auf dem Boden.“ Wie lange, weiß Lewit nicht mehr genau. „Ein paar Wochen waren es sicher.“

Dort, wo einst die Quarantänestation war, befindet sich mittlerweile ein kleiner Friedhof. Eine Gruppe von etwa 15-jährigen Schülern wird gerade herumgeführt, ein Guide erzählt, was sich hier vor 70 und mehr Jahren abgespielt hat. Sie hören aufmerksam zu, sind interessiert, betroffen, einige schütteln immer wieder den Kopf. Später stehen sie im Besucherzentrum bei einem Modell des Konzentrationslagers, und die Lehrerin arbeitet das Gehörte und Gesehene nochmals auf. „Wie war das möglich?“, fragt einer. Keine Antwort.

 

Besucher aus aller Welt

Aus aller Welt kommen Besucher in die Gedenkstätte. Ein älteres amerikanisches Ehepaar sei heute schon da gewesen, sagt die Dame bei der Information. Aber die meisten kommen aus Europa. Und viele Schüler. Beim Denkmal der italienischen KZ-Opfer steht eine Gruppe italienischer Schüler. Ein italienisch sprechender Begleiter der Gedenkstätte erzählt den Jugendlichen, was passierte. Die sonst so quirlige Gruppe ist still, hört betroffen zu.

Willi Mernyi, Vorsitzender des Mauthausen Komitees, ist an diesem Tag auch in der Gedenkstätte. Sein Ansatzpunkt gegen das Vergessen des NS-Terrors: „Um die Jugend müssen wir kämpfen.“ Immerhin kommen jedes Jahr rund 200.000 Besucher nach Mauthausen, etwa die Hälfte ist jünger als 20. „Wir sind kein Vergangenheitsverein“, meint Mernyi und sagt: „Ich höre sofort auf zu gedenken, wenn wir die richtigen Schlüsse aus den Erfahrungen von damals gezogen haben.“

Mernyi ist an diesem Tag in Mauthausen, um ein besonderes Jugendprojekt zu honorieren. Eine Gruppe von Wiener Pflasterer-Lehrlingen verbringt eine Woche in der Gedenkstätte, um hier ein Denkmal zu restaurieren. Einer von ihnen ist der 19-jährige Kevin Traxler. Er findet das ein „tolles Projekt“; im Unterricht hätten sie bereits viel zu dem Thema NS-Herrschaft gelernt. „Ich denke viel darüber nach, warum so etwas wie Konzentrationslager geschehen konnte. Es ist grauenhaft. Wer gab diesen Leuten das Recht, anderen das Leben zu nehmen?“

Zurück zu Aba Lewit. Nach den ersten Wochen im Hauptlager Mauthausen wurde er in das Nebenlager Gusen verlegt, ein Lager, in dem die wirtschaftliche Ausbeutung zugunsten der Rüstungsindustrie im Vordergrund stand (siehe Artikel links). Bei den Transporten dorthin seien immer wieder SSler auf der Straße gestanden und hätten auf die Häftlinge eingeschlagen, sagt er. Gusen war für viele die Hölle. Schwerste Arbeit, verbunden mit Brutalität und Demütigungen. Zum Essen gab es wenig: „Die Suppe war Wasser mit etwas Gras drinnen, manchmal mit Kartoffelschalen, die von den SSlern übrig blieben.“

Und auch hier gab es viele Sadisten. „Man musste immer die Kappe vor einem SS-Mann ziehen. Ich habe einmal bei dichtem Schneetreiben einen nicht gesehen. Die Strafe war, 24 Stunden draußen in Eis und Schnee zu verbringen“, erzählt Lewit. Eine solche Strafe konnte ein Todesurteil sein: „Aber ich habe überlebt.“

Haben ihn seine Erfahrungen verbittert gemacht? Ist er auf die Menschen, die ihm – und vielen anderen – das angetan haben bzw. zugesehen haben, wütend? „Nein“, sagt Lewit. „Man soll nicht alle in einen Topf werfen; es sind viele verführt worden. Die Masse waren Mitläufer, die Aktiven waren in der Minderheit.“

Und nicht alle hätten weggeschaut, erinnert er sich heute. „Als wir nach Mauthausen gebracht wurden, mussten wir zu Fuß hinauf zum KZ, halb verhungert, vorbei bei einem Bauernhof. Dort hätten Bewohner Brot hergeworfen – unter großer Gefahr.“ Denn einer der SS-Aufpasser habe befohlen, sofort damit aufzuhören, sonst würden sie auf der Stelle erschossen.

Doch dann fallen ihm auch andere Beispiele ein. „In Gusen erstreckte sich das Lager damals bis zur Straße und war nur mit einem Gitter begrenzt. Und da gab es Leute, die zu uns hereingespuckt haben.“ Daraufhin sei das Lager mit einem Bretterzaun dicht gemacht worden.

Gut erinnert sich Aba Lewit auch an den Tag der Befreiung, dem noch viel Chaos folgte. „Die Amis gaben uns ein Papier mit Namen und Geburtsdatum. Nichts zum Anziehen, kein Essen.“ Manche meinten es zu gut: „Sie gaben einigen von uns fettes Fleisch oder Konserven.“ So haben manche zwar das Lager überlebt, sind aber an Konserven gestorben.

Noch etwas rettete ihm vielleicht das Leben. „Wir haben das Lager erst am nächsten Tag, dem 6.Mai, verlassen. Andere sind sofort gegangen und wurden von noch herumirrenden SSlern erschossen.“

Dann schlug er sich bis Linz-Urfahr durch. Dort hätten einige aus seiner Gruppe ein leer stehendes Haus bezogen und Essen „organisiert“. Dann aber beschwerten sich Nachbarn, und die amerikanische Militärpolizei rückte an. „Wir haben ihnen die Lage erklärt, dann bekamen wir Essen, und das Wohnen wurde organisiert.“

Seine Geschichte hat Aba Lewit lange für sich behalten, nur seine Familie wusste davon. Vor zwei, drei Jahren entschloss er sich dann aber doch, von Mauthausen zu berichten. Um zur Aufarbeitung beizutragen.

>> Diskutieren Sie mit im Themenforum zur Mauthausen-Befreiung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2015)

Meistgelesen