Heute vor 100 Jahren: Abschied von der Milchkarte

In Wien hat man sich das Milchtrinken nach und nach ganz abgewöhnt.

Neue Freie Presse am 22. September 1918

Es ist nicht sehr schmerzlich, dieser Abschied, denn es wird einem eigentlich nur etwas entzogen, was man nie besessen hat. Und wenn nun amtlich bedeutsam mitgeteilt wird, daß fortan keine Milcheinkaufskarten mehr ausgegeben werden, so entsteht unwillkürlich die Frage, warum man auf diesen naheliegenden Einfall nicht längst gekommen ist. Offenbar sollte der Konsument durch das wohlgenährte Kartenkuvert den angenehm täuschenden Eindruck einer ausreichenden und mustergültigen Approvisionierungsvorsorge haben. Unter ihren verschiedenfarbigen Kolleginnen nahm die Milchkarte immer eine besondere Stellung ein. Sie war sozusagen die ideale Lebensmittelkarte, die Karte an sich, eine papierene Versprechung und Anweisung, die nie honoriert wurde. Und wenn man nun die allerletzte Milcheinkaufskarte, deren angebliche Gültigkeit am 28. d. M. abläuft, noch einmal zur Hand nimmt, ist es sehr erbaulich und lehrreich, sie nachträglich, wenn man so sagen kann, post festum zu studieren: die sorgfältige Einteilung der Abschnitte, Wochen und Tage, der ermahnende Text, der vorschreibt, daß man sich nur im Wohnbezirk eine Milchverkaufsstelle wählen kann, und prophetisch hinzufügt, daß man keinen unbedingten Anspruch auf eine bestimmte Menge Milch hat, und mit dem geläufigen Refrain schließt, daß das Zuwiderhandeln mit irdischen Strafen bis zu sechs Monaten Arrest oder 500 K. geahndet wird.

Das ist drin:

  • 42 Minuten
  • 8233 Wörter
  • 1 Bild

Sie sind bereits Abonnent?

Klicken Sie hier, um sich einzuloggen

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Lesen Sie mehr zum Thema
Meistgekauft
    Meistgelesen